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Offener Brief zum Gespräch unter dem Titel 'Nation. Patriotismus. Demokratische Kultur' mit Martin Walser und Christoph Dieckmann am 8. Mai 2002 im Willy-Brandt-Haus in Berlin
Berlin, 6. Mai 2002
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,
mit zunächst großem Staunen haben wir Ihr Vorhaben zur Kenntnis genommen, am 8. Mai 2002 ein Gespräch mit Martin Walser zu führen, das von Christoph Dieckmann moderiert werden soll. Staunen, weil es eine mutige Entscheidung wäre, neben den üblichen Gedenkreden in eine inhaltliche Debatte darüber einzutreten, wie denn die Geschichte des Nationalsozialismus und der Befreiung von diesem, die bleibend für viele eine Niederlage bedeutet, sich nach der Vereinigung in das Selbstbewusstsein der Deutschen, der geborenen, wie der zugewanderten, eingeschrieben hat und von dort sich auf politische Handlungsformen auswirkt.
Staunen darüber, dass ein deutscher Bundeskanzler sich am 8. Mai dazu verstehen kann, mit zwei Menschen stellvertretend zu sprechen, die sich beide auf unterschiedliche Weise in diesem gegenwärtigen Feld der Geschichte hervorgetan haben und zumindest Martin Walser, wie kein anderer für eine dramatisch profilierte Position in dieser Debatte steht, die mit dem Stichwort "Auschwitzkeule" die schmerzhafte, weil auch das unbeschwerte Gewissen kränkende Präsenz der Geschichte untauglich abzuwehren sucht.
Staunen darüber, dass ein Bundeskanzler sich am 8. Mai aufmacht und versucht, dieses Feld zu bestellen, von dem alle wissen, dass es mehr als kompliziert ist. Kompliziert, jenseits der Gedenkredenrhetorik eine angemessene Sprache für das alltägliche Phänomen der Gegenwart dieser monströsen Geschichte zu finden, ohne in moralines, lautes bekennerhaftes Anklagen oder eben umgekehrt in ein, wie Christoph Dieckmann über Walser kritisch sagt, "Normalitätsgeschwiemel" zu verfallen.
Die Bewunderung über diesen Mut, sich fragend, orientierend, vielleicht herausfordernd auf den Weg zu machen, das angemessene Verhältnis von partikularem geschichtlichen Gewordensein und Globalisierung, und wie die Themenfelder in Fülle auch benannt werden könnten, zu bestimmen suchen und damit dem apodiktischen Duktus der Gedenkrede ein diskursives Element am 8. Mai beizugeben, wurde getrübt dadurch, dass mit Martin Walser eben nur jene recht einseitig profilierte Position als Gesprächspartnerschaft gewählt wird. Mit Christoph Dieckmann ist zwar eine grundsätzlich andere Position, aber eben nur in die Moderatorenrolle gerufen, dabei auch außer Acht lassend, dass er gerade in seinem wenig rühmlichen Artikel "Gottesvolk und Kriegstrompeten" das ethnisierend-nationale Moment als eines jüdischer Herkunft identifiziert hat. Sich mit, beziehungsweise in Abgrenzung zu, oder Herausforderung gegenüber diesen beiden Menschen auf den Weg zu machen, schien uns sehr riskant und für Wahlkampfzeiten mutig.
Als wir allerdings den folgenden Einladungstext für die Gesprächrunde am 8. Mai zur Kenntnis genommen hatten, verfielen wir vom Staunen in extreme Befremdung, weil sich dieser Einladungstext genau der Herausforderung, dem Diskurs, der oben skizzierten Suche nach einer angemessenen Beschreibung des Verhältnisses von Geschichte und Gegenwart nicht stellt, sondern apodiktisch genau in jenem "Normalitätsgeschwiemel" sich ergeht, das doch zur kritischen Sichtung anstehen sollte:
"Die Demokratie ist lebendiger geworden und die Zivilgesellschaft stärker. Dialog- und Kompromissfähigkeit dominieren. Es gibt wieder eine politische Kultur der Offenheit und der Toleranz in Deutschland. Wir in Deutschland - das sagen wir heute mit Stolz auf unser Land, selbstkritisch aber auch selbstbewusst patriotisch. Wir wollen erneuern und wir wollen zusammenhalten. Und wir wollen unserer veränderten Rolle in Europa und der Welt gerecht werden. Als eine normale Nation."
In dieser Formulierung ist von einer so wichtigen vorsichtigen Sondierung nach der Bedeutung des 8. Mai oder des 27. Januar in einer multikulturellen Nation nichts zu spüren, nichts von der Frage, wie denn eine deutsche Verantwortungsübernahme der Geschichte des Nationalsozialismus eingedenk aussehen kann. Keine Frage nach der doch nicht künstlich hergestellten, sondern auch in der Bibel als Menschheitserfahrung festgehaltenen Verbindung von Geschichte und Gegenwart.
Uns scheint der 8. Mai - wie jeder Tag - ein ausgesprochen untaugliches Datum diese Fiktion der Normalität ungebrochen zu propagieren. Deshalb möchten wir Ihnen vorschlagen, dieses Gespräch durch eine der vielen Stimmen derjenigen zu einer wirklichen Diskussion werden zu lassen, die schon seit vielen Jahren nachdenklich zu dieser Frage der spezifischen Rolle der deutschen Geschichte des Völkermords und des totalen Krieges in ihrer Bedeutung für die gegenwärtige Rolle eines multikulturellen Deutschlands geäußert haben. Ohne diese Stimme würde das Gespräch in der bisherigen Anlage verkommen zu einer Normalitätspropaganda, die doch nichts anderes kann, als der gefährlichen Fiktion Ausdruck zu verleihen, dass wir über diese Geschichte erhaben sind. In einem Haus, das vom Namen Willy Brandts geziert wird, können wir uns das Protegieren einer solchen Fiktion schlichtweg nicht vorstellen und würden ohne eine solche weitere Gesprächspartnerin oder einen weiteren Gesprächspartner eine Veranstaltung zum 8. Mai 2002 nur unter Protest zur Kenntnis nehmen können.
In der Hoffnung und mit der dringenden Bitte, dass Sie sich diesen Gedanken öffnen können, verbleiben wir
mit herzlichen Grüßen
Für den Vorstand der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
Dr. Christian Staffa
Geschäftsführer
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