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Pressemitteilung vom 9.10.2002
Die Umbenennung der Berliner Treitschkestraße in Kurt-Scharf-Straße haben bekannte Persönlichkeiten, darunter Iris Berben, Hildegard Hamm-Brücher, Hanna-Renate Laurien, Rita Süssmuth und Antje Vollmer, und die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), die Evangelischen Akademie zu Berlin sowie zwei Berliner Kirchengemeinden in einem Offenen Brief gefordert. Der Historiker Heinrich von Treitschke hatte 1879 mit dem Satz „Die Juden sind unser Unglück“ den Berliner Antisemitismusstreit ausgelöst und wesentlich dazu beigetragen, den Antisemitismus in Deutschland gesellschaftsfähig zu machen. Es sei ein Skandal, heißt es in dem Offenen Brief an die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf, den Regierenden Bürgermeister sowie Senat und Fraktionen des Abgeordnetenhauses, dass in Berlin noch immer ein ausgewiesener Antisemit mit einem Straßennamen geehrt werde.
Mit der Umbenennung in Kurt-Scharf-Straße solle ein Mann gewürdigt werden, der in der Bekennenden Kirche aktiv gewesen war und als Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ohne Ansehen der Person Menschen in Not beistand und sich in herausragender Weise für Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie eingesetzt habe. Bis zu seinem Tod im Jahr 1990 predigte Scharf jeden ersten Sonntag im Monat in der Evangelischen Patmos-Gemeinde an der Treitschkestraße. Als Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hatte Scharf 1982 in einer Rede vor der UNO-Vollversammlung zur Ächtung sämtlicher Atomwaffen aufgerufen.
Die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf (BVV) will am 30. Oktober 2002 über einen gemeinsamen Antrag von SPD und Grünen zur Straßenumbenennung entscheiden. Der Beschluss aus dem Jahr 2000, einen Teil der Treitschkestraße in Kurt-Scharf-Straße umzubenennen, war nach der Bezirksfusion rückgängig gemacht worden, als sich herausstellte, dass Straßen dieser Länge nicht unterteilt werden dürfen. Die neuerliche Umbenennung droht nun an den Fraktionen von CDU und FDP in der BVV zu scheitern, die am 18. September 2002 bereits im Kulturausschuss gegen den Antrag für die Kurt-Scharf-Straße votiert haben. Anlässlich des 100. Geburtstags von Kurt Scharf am 21. Oktober haben die UnterzeichnerInnen des Offenen Briefes nun alle politisch Verantwortlichen dazu aufgerufen, sich für die Straßenumbenennung einzusetzen.
Den Wortlaut des Offenen Briefes und ein Kurzgutachten zur Bedeutung Heinrich von Treitschkes und zum Berliner Antisemitismusstreit finden Sie weiter unten.
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Johannes Zerger, Auguststr. 80, 10117 Berlin, Telefon: 030/28395-183, Fax: -135, E-Mail: zerger[at]asf-ev[dot]de
Offener Brief
an den Regierenden Bürgermeister, die Mitglieder des Senats und des Abgeordnetenhauses von Berlin sowie an das Bezirksamt und die Bezirksverordnetenversammlung von Steglitz-Zehlendorf
Umbenennung der Treitschkestraße in Berlin-Steglitz in Kurt-Scharf-Straße
Sehr geehrte Damen und Herren,
anlässlich des 100. Geburtstags von Bischof D. Kurt Scharf am 21. Oktober 2002 fordern wir die Umbenennung der Treitschkestraße in Kurt-Scharf-Straße, wie es die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz bereits im November 2000 beschlossen hatte. Dieser Beschluss wurde inzwischen aufgehoben, weil Straßen von der Länge der Treitschkestraße nicht geteilt werden dürfen. Ein neuerlicher Antrag auf Straßenumbenennung soll im Oktober 2002 von der BVV Steglitz-Zehlendorf entschieden werden. In der Sitzung des Ausschusses für Bildung und Kultur der BVV am 18.09.2002 wurde dieser Antrag mit den Stimmen von CDU und FDP abgelehnt. Da wir eine Beibehaltung des bisherigen Namens für ein falsches politisches Signal halten, fordern wir alle politisch Verantwortlichen im Bezirk und in der Stadt dringend dazu auf, sich für die Umbenennung der gesamten Treitschkestraße in Kurt-Scharf-Straße einzusetzen.
Damit soll das Wirken eines Mannes geehrt werden, der sich als Person und in seinem Amt in herausragender Weise für eine solidarische und demokratische Gesellschaft sowie für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt eingesetzt hat. Aus seinem tiefen Glauben stand er Menschen zur Seite, die Hilfe und Unterstützung brauchten. Dabei nahm er keine Rücksicht auf mögliche Gefahren für sein Leben oder das Ansehen seiner Person. Während der NS-Zeit leistete Kurt Scharf als Mitglied der Bekennenden Kirche Widerstand gegen das Naziregime und besuchte als Pfarrer in Sachsenhausen Menschen, die im dortigen Konzentrationslager inhaftiert waren. Er half, Juden zu verstecken und sie vor dem sicheren Tod zu bewahren und wurde selbst mehrmals von den Nationalsozialisten festgenommen.
Nach dem Mauerbau 1961 hielt er an der Zusammengehörigkeit der geteilten Kirche und des geteilten Landes fest und wurde gegen seinen Willen als unerwünschte Person aus der DDR ausgewiesen. Kurt Scharf war Vorsitzender des Rates der Ev. Kirche der Union (EKU), Vorsitzender des Rates der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) und Bischof im Westteil der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. 1982 hielt er als Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste eine Rede vor der Sondervollversammlung der Vereinten Nationen über Abrüstung, in der er sich für die Ächtung sämtlicher Atomwaffen einsetzte und auch ihren Einsatz als Drohmittel verurteilte. In seiner Zeit als Berliner Bischof bis zu seinem Tod im Jahr 1990 predigte er an jedem ersten Sonntag in der Ev. Patmos-Gemeinde in Berlin-Steglitz.
Aus Anlass seines 10. Todestages im März 2000 entstand, angeregt durch ein Jugendforum, in der Patmos-Gemeinde eine Initiative zur Umbenennung der Treitschkestraße in Kurt-Scharf-Straße. Die SPD-Fraktion brachte den Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung ein. Nach mehreren Beratungen stimmte die BVV Steglitz der Umbenennung der Treitschkestraße in Kurt-Scharf-Straße im November 2000 zu.
Es ist tragisch, dass die Straßenumbenennung aus formalen Gründen rückgängig gemacht wurde. Dass es in Berlin bis heute eine Treitschkestraße gibt, ist freilich ein Skandal. Heinrich von Treitschke , der von 1834 bis 1896 lebte, war als Geschichtsprofessor und Historiograph des Königreichs Preußen einer der wichtigen Wegbereiter des Antisemitismus in Deutschland. Mit dem berühmt-berüchtigten Satz "Die Juden sind unser Unglück!" löste er den Berliner Antisemitismusstreit aus. Gemeinsam mit dem Hofprediger Adolf Stoecker trug er maßgeblich dazu bei, den Antisemitismus gesellschaftsfähig zu machen. Er versuchte, "wissenschaftlich" nachzuweisen, dass Deutschland von seiner jüdischen Minderheit Gefahr drohe. Seine Parole "Die Juden sind unser Unglück" griffen die Nationalsozialisten wieder auf. In der antisemitischen Zeitschrift "Der Stürmer" stand sie auf der Titelseite jeder Ausgabe.
Bei der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin im September 2001 verurteilte Bundespräsident Johannes Rau den Historiker Heinrich von Treitschke als hartnäckigen Antisemiten mit den Worten:
- "Wir wissen natürlich, dass Juden in vielen gesellschaftlichen Bereichen diskriminiert wurden. Ein besonders abschreckendes Beispiel war Heinrich von Treitschke mit seinen antisemitischen Ausfällen."
Deshalb fordern wir die Mitglieder der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf auf, ihre politischen Verantwortung wahrzunehmen und es nicht länger zuzulassen, dass Treitschke, dessen Wirken die Shoah vorbereiten halfen, mit einem Straßennamen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf geehrt wird.
Wir fordern die Mitglieder des Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses auf, deutlich zu machen, dass es nicht im Interesse eines offenen und demokratischen Erscheinungsbildes der Stadt ist, einen ausgewiesenen Antisemiten mit einem Straßennamen zu ehren.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Christian Staffa, Geschäftsführer, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
Evangelische Akademie zu Berlin
Evangelische Kirchengemeinde Dahlem
Evangelische Patmos-Gemeinde, Berlin-Steglitz
Prof. Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Berlin
Iris Berben, Schauspielerin, Berlin
Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Hamburg
Prof. Dr. Norbert Frei, Historiker, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum
Dr. Hildegard Hamm-Brücher, ehemals Mitglied des Deutschen Bundestages, Staatsministerin a.D.
Dr. Reinhard Höppner, Ministerpräsident a.D., Magdeburg
Dr. Hanna-Renate Laurien, stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung Gegen Vergessen – für Demokratie
Dr. h.c. Hans Koschnick, Vorsitzender der Vereinigung Gegen Vergessen – für Demokratie
Dr. Elisabeth Raiser, Evangelische Präsidentin des Ökumenischen Kirchentages Berlin 2003, Genf
Dr. Henning Scherf, Bürgermeister und Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen
Prof. Dr. Peter Steinacker, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau
Prof. Dr. Rita Süssmuth, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages
Konrad Weiß, Publizist, ehemals Mitglied des Deutschen Bundestages, Berlin
Dr. Antje Vollmer, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages
Gutachten zu Heinrich v. Treitschkes Bedeutung für den Antisemitismus im
Deutschen Kaiserreich
Heinrich Gotthard v. Treitschke (1834-1896), seit 1863 Prof. der Geschichte (seit 1874 in Berlin), 1871-1884 Mitglied des Reichstages (zunächst bei den Nationalliberalen, anschließend als Parteiloser), löste im November 1879 mit der Veröffentlichung seines Aufsatzes „Unsere Aussichten“ den später so genannten „Berliner Antisemitismusstreit“ aus, eine Kontroverse, welche die deutsche Gesellschaft in einem Ausmaß polarisierte, das sich im 19. Jahrhundert nur noch mit der „Dreyfus-Affäre“ in Frankreich vergleichen läßt. Der Streit stand im Kontext einer sich vor dem Hintergrund der Auswirkungen der zweiten Weltwirtschaftskrise auf Deutschland sich steigernden antisemitischen Agitation. Der „Berliner Antisemitismusstreit“ war ein Konflikt um die politische Kultur im Kaiserreich, der zwischen den Vertretern eines liberalen und denen eines nationalchauvinistischen Weltbildes ausgetragen wurde, zugleich eine Identitätsdebatte darüber, was nach der 1871 erfolgten Reichseinigung sowie der zeitgleich erfolgten rechtlichen Emanzipation der deutschen Juden, Deutscher zu sein und deutscher Jude zu sein bedeuten sollte und anhand welcher Kriterien sich diese Fragen beantworten ließen.
Treitschke war der erste Vertreter des liberalen Establishments, der den bisherigen liberalen Konsens über die Emanzipation der Juden aufkündigte, ein brillanter Stilist und ein Mann, dessen außerordentliches Prestige als prominenter Historiker ihm die Aufmerksamkeit des akademisch gebildeten Bürgertums garantierte. In „Unsere Aussichten“ legitimierte Treitschke den in Deutschland grassierenden Antisemitismus als eine „Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element“[1]; es sei „keine leere Redensart, wenn man [...] von einer deutschen Judenfrage spreche. Er behauptete fälschlich eine Massenimmigration osteuropäischer Juden nach Deutschland: „Über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen [...]“, erklärte, daß „in tausenden deutscher Dörfer [...] der Jude“ sitze, „der seine Nachbarn wuchernd“ ausverkaufe und erhob schließlich die noch im „Dritten Reich“ erhobene Anschuldigung: „Bis in die höchsten Kreise der Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit und nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: Die Juden sind unser Unglück!“
Kein antisemitischer Aufsatz löste jemals eine so heftige Reaktion aus, wie „Unsere Aussichten“, und kein antisemitisches Pamphlet erzielte jemals eine derart weite Verbreitung wie die unter dem Titel „Ein Wort über unser Judentum“ im Januar 1880 für einen großen Leserkreis veröffentlichte preisgünstige Broschüre, in der Treitschke seine bis dahin erschienenen "Judenartikel" zusammengefaßt hatte. Treitschke propagierte ein normatives kulturell-politisches Konzept, das er der eigenen Nation anempfahl. Dieses Konzept läßt sich mit den Worten „unbedingte Treue zu Krone und Reichsregierung“, „Erhaltung des politisch-sozialen status-quo“ und „kulturell-ideologische Geschlossenheit des deutschen Volkes“ beschreiben. Treitschke lehnte vehement kulturelle Pluralität als Grundlage der Nation ab, weshalb jedes Phänomen, das sich seiner eigenen Konzeption nicht einfügte, jede Form von "anders" sein, was in seiner Sichtweise gleichbedeutend war mit "undeutsch" sein, von ihm bekämpft wurde.
In den auf „Unsere Aussichten“ folgenden Artikeln steigerte Treitschke noch die Extremhaftigkeit seiner Vorwürfe und stellte die Judenemanzipation schrittweise in Frage. Seine Artikel forderten zur Stellungnahme heraus, wobei prominente deutsch-jüdische Gelehrte und Politiker in ihrem Kampf gegen Treitschke zunächst nahezu alleine standen. Lediglich zwei Christen, der zum Christentum konvertierte Theologe Paulus Cassel sowie der Frankfurter Gymnasialprofessor Karl Fischer, fanden sich bereit, Treitschkes antisemitische Tiraden zu verurteilen. Von anderen Antisemiten wurde Treitschke als Bundesgenosse, der die eigene Position kraft seiner „wissenschaftlichen Autorität“ aufwertete, vereinnahmt. Erst seit dem November 1880 erstand Treitschke mit dem Berliner Althistoriker Theodor Mommsen ein Gegner, der Treitschke als Stilist nicht nachstand und an akademischem Prestige weit überragte. Mommsen veröffentlichte am 10. Dezember 1880 eine Broschüre mit dem Titel „Auch ein Wort über unser Judentum“, in der er seinen Kollegen heftig attackierte. Nachdem sich nun die beiden bekanntesten Historiker Deutschlands öffentlich gegenüber standen, polarisierte sich die politische Öffentlichkeit in Treitschke-Befürworter sowie Treitschke-Gegner. Der „Berliner Antisemitismusstreit erreichte seinen Höhepunkt, den Treitschke in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit gegenüber Mommsen verlor.
Wesentlich folgenreicher als die unmittelbaren waren die langfristigen Auswirkungen des Streites. Zwar waren Treitschkes judenfeindliche Angriffe im liberal geprägten Bürgertum zunächst scheinbar überwiegend auf Ablehnung gestoßen; doch schmälerte dies nicht die Resonanz, die er mit seiner Verknüpfung von aggressivem Nationalismus und Antisemitismus zunächst bei seinen Studenten und schließlich in großen Teilen jenes Bürgertums erzielte. Max Weber, der als junger Student in Treitschkes Vorlesungen saß, schrieb 1885 über seine Kommilitonen an seinen Onkel Hermann Baumgarten: „So kann sich dieses Volk denn nur noch in dem frenetischen Jubel bemerkbar machen, der in den Treitschkeschen Kollegien erschallt, wenn er irgendeine antisemitische Bemerkung macht.“[2] Treitschke versuchte, nationale Identität und Geschlossenheit durch die Ausgrenzung sog. „innerer Reichsfeinde“ zu erzwingen. In seinem Geschichtsverständnis, so wie er es seinen Studenten nahebrachte und wie er es in seiner fünfbändigen „Deutsche[n] Geschichte im 19. Jahrhundert“ (1879-1894), die zum Bestseller avancierte, propagierte, waren die Begriffe "gut", "edel" und "deutsch" miteinander austauschbar. Die Definitionsmacht darüber, was als "schlecht", "fremd" oder "undeutsch" zu gelten habe, lag in letzter Instanz bei dem Historiker v. Treitschke. Die von ihm geschürten nationalchauvinistischen Überlegenheitsgefühle fielen seit den 1880er Jahren, in einem zunehmend antiliberal geprägten politischen Klima, auf fruchtbaren Boden.
Die Propagierung nationalen Zusammenhaltes durch das Aufzeigen von Feindbildern war freilich nichts prinzipiell Neues. Aber den während des Kaiserreiches ebenfalls als "Reichsfeinden" denunzierten Katholiken und Sozialdemokraten, ließ sich, anders als im Falle der deutschen Juden, nicht die Identität als Deutsche absprechen.
Treitschke stellte, anders als die judenfeindlichen Sektierer seiner Zeit, den Antisemitismus nicht ins Zentrum seines "Programms". Das machte ihn für das Bürgertum akzeptabel. Statt dessen integrierte er ihn in seine Weltdeutung, die er als prominenter Historiker und überragender Stilist aus seinem Verständnis der deutschen Geschichte herleitete. In dieser Hinsicht war Treitschke jedem anderen Antisemiten im Kaiserreich überlegen. Er propagierte eine Art „gutbürgerlicher Judenfeindschaft“ (Christhard Hoffmann), die, weil sie nicht totalitär war, als angeblich "gemäßigt" gelten und deshalb einen breitenwirksamen Erfolg erzielen konnte.
Wahrscheinlich prägte Treitschke wie kein Zweiter das Identitätsbewußtsein sowohl der Führungseliten als auch der Mittelschichten im Deutschen Kaiserreich. Die durch ihn beförderte und in ein nationales Weltbild integrierte scheinbare "Domestizierung" der Judenfeindschaft, die sich vom "Radauantisemitismus" seiner Zeit abhob, hat in jenen Schichten vermutlich maßgeblich dazu beigetragen, daß der Antisemitismus einen integralen Bestandteil des eigenen Weltverständnisses bildete, dessen aggressives Potential sich allerdings erst in massiven Krisensituationen offenbarte.
Karsten Krieger
Karsten Krieger, Jg. 1967, ist Doktorand am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Er ist Autor mehrerer Fachaufsätze zur jüngeren deutschen Geschichte. Sein Dissertationsvorhaben trägt den Titel "Geschichtswissenschaft, Antisemitismus und veröffentlichte Meinung im preußisch-deutschen Kaiserreich. Eine komparativ-biographische Studie zur Begründung kollektiven Identitätsbewußtseins bei Heinrich v. Treitschke, Adolf v. Harnack und Werner Sombart".
[1] Heinrich v. Treitschke: Unsere Aussichten, in Walter Boehlich (Hg.): Der Berliner Antisemitismusstreit, 2. Aufl., Frankfurt/Main, 1988, S. 13. die nachfolgenden Zitate sind dieser Ausgabe entnommen.
[2] Max Weber: Jugendbriefe, Tübingen o.J. (1936), Brief an Hermann Baumgarten vom 14.7. 1885.
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