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Lothar-Kreyssig-Friedenspreis für Franz von Hammerstein, Richard Nevermann und Günter Särchen

Der Lothar-Kreyssig-Friedenspreis wird in diesem Jahr gemeinsam an Franz von Hammerstein, Hans-Richard Nevermann und Günter Särchen verliehen. Die Weggefährten Kreyssigs werden dafür geehrt, dass jeder von ihnen auf seine Weise wesentlich daran mitwirkte, den "Sühnezeichen"-Gedanken in Ost und West umzusetzen, zu verbreitern und zu vertiefen. Die alle zwei Jahre von der Stiftung "Lothar-Kreyssig-Friedenspreis" vergebene und mit 3.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde bisher an den früheren polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Masowiecki und an Hildegard Hamm-Brücher vergeben.

Zur feierlichen Übergabe am 8. November 2003 um 11.00 Uhr in der Magdeburger Johanniskirche sind alle Interessierten herzlich eingeladen.

Anmeldungen bitte an Stiftung "Lothar-Kreyssig-Friedenspreis", Kuratorium, Neustädter Straße 6, 39104 Magdeburg, T 0391/5410637; Fax 0391/5431165; e-mail: suptur[at]evangelische-kirche-magdeburg.de


Hier die Pressemitteilung der Stiftung Lothar-Kreyssig-Friedenspreis
Der Lothar-Kreyssig-Friedenspreis wird in diesem Jahr zu gleichen Teilen an

  • Günter Särchen, Wittichenau (früher Magdeburg),
  • Hans Richard Nevermann, Stipsdorf (früher Berlin),
  • und Dr. Franz von Hammerstein, Berlin
vergeben.

Das Kuratorium Stiftung "Lothar-Kreyssig-Friedenspreis" ehrt damit drei Männer, die als Weggefährten Dr. Lothar Kreyssigs in Deutschland-Ost und Deutschland-West seinen Gedanken, ein "Sühnezeichen" zu setzen, sichtbare Zeichen der Sühnebereitschaft zu geben, aufgenommen, mit getragen und wesentlich verbreitert und vertieft haben. Sie haben dadurch, jeder auf seine Weise, Anteil am Lebenswerk Kreyssigs, indem sie mit ihm gemeinsam und in seinem Sinne Brücken nach Polen und zu den im Osten Europas lebenden Menschen, und nach Israel und zu jüdischen Menschen und Gemeinden hier schlugen, aber auch nach Norwegen, in die Niederlande und in andere Länder. Sie haben sich nicht nur selbst diesem Dienst gewidmet, sondern auch durch ihren Einsatz viele junge Leute für diesen Gedanken gewonnen. So haben sie sozusagen dem Gedanken Kreyssigs sichtbare Gestalt gegeben und ihn in die Herzen unendlich vieler Menschen eingepflanzt und fest wurzeln lassen. Dabei tat das jeder von den Dreien auf besondere und für sich gesehen einmaligen Weise. (s. unten).
Mit der Preisverleihung an gleich drei Personen soll unterstrichen werden, dass auf beiden Seiten des geteilten Deutschlands und mit gewiss ganz unterschiedlichen Möglichkeiten und angesichts ganz unterschiedlicher, nicht vergleichbarer Schwierigkeiten doch intensiv und mit Nachdruck der Gedanke der Versöhnung und des Miteinanders über Grenzen hinweg vorangebracht wurde. Diese Bemühungen auf beiden Seiten wollte das Kuratorium gemeinsam gewürdigt wissen. Es ist Zufall, aber ein schöner Zufall, dass das Kuratorium diese Preisvergabe gerade am 80. Geburtstag Hans Richard Nevermanns der Öffentlichkeit bekannt macht.

2003 wird der mit 3000 Euro dotierte Preis zum dritten Mal vergeben. Die ersten beiden Preisträger waren Herr Ministerpräsident a.D. Tadeusz Mazowiecki, Warschau, (1999) und Frau Staatsministerin Dr. Dr.h.c. Hildegard Hamm-Brücher, München (2001). Der Preis soll Personen würdigen, die sich dem Thema des Lebenswerkes von Dr. Lothar Kreyssig (1898 bis 1986) widmen - Zeichen der Versöhnung mit Menschen in Ost- und Südosteuropa und mit jüdischen Menschen in Deutschland, Europa und Israel zu setzen.

Die Preisverleihung soll wie immer zur Zeit der Ökumenischen Friedensdekade stattfinden, in diesem Jahr als Auftakt am 8. November 2003 um 11 Uhr in der Magdeburger Johanniskirche.

Günter Särchen (76), der in seiner Heimat, der deutsch-sorbischen Oberlausitz, verwurzelte katholische Diplomsozialpädagoge, kam 1953 nach Magdeburg, wo er als Diözesanjugendhelfer begann und dann 1956 die "Katholische Bildstelle Magdeburg" (später "Arbeitsstelle für pastorale Hilfsmittel", eine Art Medienzentrale für den Bereich der DDR) gründete und leitete - bald in Zusammenarbeit mit dem Benno-Verlag. Diese für die gesamte Basisarbeit der katholischen Kirche wichtige Stelle, die viel zu einer freiheitlichen kirchlichen Arbeit beitrug und auch Themen aufgriff, die staatlicherseits nicht gewünscht wurden, wurde 1984 durch bischöfliche Verordnung aufgelöst. Aus gesundheitlichen Gründen trat Günter Särchen damals den vorzeitigen Ruhestand an, der ihn schließlich 1992 von Magdeburg zurück nach Wittichenau führte.
Früh geriet Särchen in Widerspruch zunächst mit der sowjetischen Besatzung, später mit den staatlichen Stellen der DDR, gerade auch im Zusammenhang seiner Bemühungen um Kontakte nach Polen und seiner Bearbeitung deutscher Schuld gegenüber diesem Nachbarland und gegenüber den Juden. Seit 1952 sucht er Kontakte nach Polen, wurde ein Weggefährte und Gesprächspartner Tadeusz Mazowieckis und vieler anderer heute bekannter polnischer Dissidenten, seit 1960 ist er Dr. Lothar Kreyssig eng verbunden, mit dem er 1966 einen Besuch bei dem damaligen Erzbischof Wojtyla machte, den er 1963 erstmals besucht hatte (Wojtyla: "Für alle eure Aktivitäten in Polen will ich ein guter Schirmherr sein"). Gemeinsam mit Kreyssig war er auch zum ersten Sühnezeichenlager in Auschwitz. Später wurde er Mitglied des Leiterkreises der "Aktion Sühnezeichen". Er begründete das sogenannte "Polenseminar" (aus dem das "Anna-Morawska-Seminar" wurde), durch das auf von der DDR nicht kontrollierte Weise deutsch-polnische Begegnung und Verständigung möglich wurde. Schließlich gehört er im Sommer 1989 zu den 17 Unterzeichnern eines Briefes an den polnischen Außenminister (als Information auch an das Bundeskanzleramt), die anregten, in Kreisau eine internationale Begegnungsstätte für die junge Generation Europas und ein Museum des europäischen Widerstandes zu errichten (Ehrengast bei der Eröffnung der Jugendbegegnungsstätte Kreisau 1998).
Seine Erkenntnis: "Für uns liegt Golgatha im Osten" - der Ort, wo Deutsche schuldig wurden, wo neue Brücken nötig sind... Vielfach wurde dieser "Pionier deutsch-polnischer Verständigung" (Rheinischer Merkur) schon geehrt, 1990 (!) mit der Kommandeursstufe des Verdienstordens der Republik Polen, 1993 mit dem bundesdeutschen Verdienstkreuz am Bande, 1998 mit dem deutsch-polnischen Preis für sein Lebenswerk (Polenseminar / Anna-Morawska-Seminar) und 1997 mit dem Bistumsorden des Bistums Magdeburg "GRATIAE ET HONORIS CAUSA".

Hans Richard Nevermann (79), Stipsdorf, Pfarrer im Ruhestand, war langjähriger Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen - Friedensdienste" (ASF - Bundesrepublik Deutschland). In dieser Eigenschaft hat er gemeinsam mit dem ASF-Generalsekretär Franz von Hammerstein (s.u.) - ausgestattet mit ganz anderen Möglichkeiten als Günter Särchen und auch auf ganz anderen Wegen als er - im Gefolge des Warschauer Vertrages Kontakte zur Volksrepublik Polen und deren Behörden aufgenommen, um die Möglichkeit zu erreichen, durch Aufbau-Lager der ASF eine Internationale Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz zu errichten. 15 Jahre dauerte es, bis dieses Projekt verwirklicht werden konnte, zu dem heute jährlich bis zu 6000 Jogendliche aus vielen europäischen Löändern kommen. Wie hartnäckig und zäh er dies Ziel erkämpfte, zeigt sein stetes Bemühen, der jungen Generation Gelegenheiten der Begegnung mit Menschen und Orten zu geben, die durch die Zeit des Nationalsozialismus hatten leiden müssen. Sie sollten an der Geschichte für die Zukunft lernen.
Hans Richard Nevermann, 1923 in Mecklenburg geboren, suchte schon in seiner Ausbildungszeit ersten Kontakt zu "Aktion Sühnezeichen" und zu Dr. Lothar Kreyssig. Erfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit hatten den gelernten Bäcker und späteren Theologen auf diesen Weg gebracht - er wurde schwer verwundet, ab 1945 war er fünf Jahre in sowjetischem "Gewahrsam". Nachdem er sein Studium in Berlin und den USA absolviert hatte, arbeitete er 1959 bis 1961 als Vikar und "Hilfsprediger" (Pfarrer in der Probezeit") bei der Aktion Sühnezeichen und blieb ihr immer weiter verbunden, auch als er beruflich in der Gefängnisseelsorge, in einer Berliner Gemeinde (Alt-Tempelhof), in Dortmund und zuletzt als Direktor einer Diakonischen Einrichtung in Berlin (Paul-Gerhard-Stift) tätig war.
In der Zeit des Kalten Krieges, als Kreyssig aus Solidarität mit denen, die nicht ausreisen durften, im Osten blieb, nahm Nevermann die wichtige Aufgabe wahr, in der Bundesrepublik Deutschland Kreyssigs Gedanken weiter zu tragen. So war er der Leiter des ersten Sühnezeichen-Lagers 1959/60 in Norwegen, wo die Vorbehalte gegen Deutschland durch die Kriegsereignisse immens waren. Mit einem Brief Kreyssigs und übrigens auch mit Briefen der Oberbürgermeister Kölns, Hamburgs und Berlins an die Menschen in Norwegen ausgerüstet, begann er in der Nähe des vom Krieg gezeichneten Narvik gemeinsam mit 26 Leuten aus den drei Großstädten (die 14 aus der DDR angemeldeten Teilnehmer hatten keine Ausreise erhalten), ein Gebäude für eine soziale Einrichtung zu bauen Er entwickelte nach schwierigen Anfangszeiten gemeinsam mit den Teilnahmerinnen und Teilnehmern eine Art "Lebensordnung" für dies Lager, Regeln, die fortan bei den Lagern gelten sollten und die diesen Projekten Form und Gestalt gaben. Wie sehr seine Kompetenz und sein Engagement geschätzt wirde, zeigt sich auch in der Tatsache, dass er auch Mitglied des Kuratoriums des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnungen in der KZ-Gedenkstätte Dachau und anderer entsprechender Gremien ist. Am 12. August wird er 80 Jahre alt. Anlass für uns, die Preisvergabe zu diesem Tage öffentlich bekannt zu machen und ihm zu diesem Tag herzlich zu gratulieren!.

Dr. Franz von Hammerstein (82), geboren in Berlin und auch heute dort ansässig, Sohn des Hitlergegners und Generaloberst Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord und Bruder zweier am 20. Juli 1944 beteiligter Offiziere, erlernte zunächst den Beruf eines Industriekaufmannes, arbeitete bei Krupp und musste deshalb nicht zum Militär. Als Angehöriger einer Widerstandsfamilie wurde er im August 1944 von der Gestapo in "Sippenhaft" genommen und saß erst in Berlin ein und kam dann in das Konzentrationslager nach Buchenwald und schließlich nach Dachau - bis zur Befreiung durch die Amerikaner 1945.
Das Studium der evangelischen Theologie, in Göttingen begonnen, und seine ersten Dienste als Pfarrer führen ihn nach dem Krieg einige Jahre in die USA (Chicago, Washington D.C., New Jersey und Illinois), danach ist er 1957 bis 1965 erster Leiter der Industriejugend im Evangelischen Sozialpfarramt Berlin.
So wie der Hitlergegner Dr. Lothar Kreyssig hat von Hammerstein sich besonders dem Thema der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus verschrieben, war 1949 an der Entstehung der Berliner christlich-jüdischen Zusammenarbeit beteiligt und unterschrieb 1958 zusammen mit Kreyssig den Aufruf zur Gründung der Aktion Sühnezeichen. In seinem Berliner Industriepfarramt warb er um Freiwillige für die Sühnezeichen-Lager und hat dann dieser Aktion von 1968 bis 1975 als Generalsekretär zur Verfügung gestanden (auch für die "Aktionsgemeinschaft für die Hungernden"). In dieser Zeit hat er mit Hans Richard Nevermann die Brücke für die ASF nach Polen geschlagen (s.d.). Auch nach dem Ende seiner Zeit als Generalsekretär hat von Hammerstein sich weiter umfassend für die ASF engagiert, als er für drei Jahre zum Ökumenischen Rat der Kirchen nach Genf ging und als er - bis zu seinem Ruhestand - als Direktor der Evangelischen Akademie in Berlin arbeitete (1978 bis 1986). Bis heute gehört er dem Kuratorium der ASF an und ist dessen Sprecher. Er vertritt die Organisation in verschiedenen Ländern, besonders in Osteuropa. Er sucht das Gespräch mit der Jugend und engagierte sich auch mit für die Jugendbegegnungsstätte in Kreisau. In Russland unterstützt er die Initiative "Memorial" (Opfer deutscher Okkupation und des Stalinismus) und durch sein ganzes Leben ziehen sich die Kontakte zu Berliner Jüdischen Gemeinden. Als Mitglied des Beirates der Gedenkstätte Deutscher Widerstand "Topographie des Terrors" kann er aus seiner Erfahrung vieles einbringen. Im Jahre 2001 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. "Brückenbauer" wird er immer wieder genannt, zwischen jung und alt, zwischen Ost und West, Christen und Juden, zwischen Deutschen und Russen und Deutschen und Polen.

 

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»Der Krieg ist hier manchmal so präsent, so zeitlich nah, dass ich zumindest eine leise Ahnung von den Geschehnissen KRIEGe. Und in diesen Momenten weiß ich, wie wichtig der Ort Wolgograd für die russische und deutsche Geschichte ist.«

Ulrike Bischoff, 20 Jahre, ASF-Freiwillige in Wolgograd

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