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Marie Huntemann, Jüdin und Christin aus dem Bremer Vorort Fähr/ Lobbendorf wählt am 20. Juli 1942 den Freitod in der Weser – wenige Tage vor ihrer Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt. 41 Jahre nach dem Tod der 79jährigen Marie Huntemann stößt Ingbert Lindemann, Pastor der evangelisch-lutherischen Christophorusgemeinde Aumund/ Fähr, bei den Nachforschungen über die Geschichte seiner Gemeinde auf das Schicksal von Marie Huntemann.
Pfarrer Lindemann beginnt Fragen zu stellen: über das Verhalten seiner Gemeinde während der Zeit des Nationalsozialismus und über die Lebens- und Verfolgungsgeschichten der jüdischen EinwohnerInnen in seiner näheren Umgebung. In dem Buch „Die H. ist Jüdin!“ berichtet Lindemann eindrücklich über seine Rechercheergebnisse und sein Entsetzen, dass der Großteil seiner eigenen christlichen Gemeinde den jüdischen MitbürgerInnen und Gemeindemitgliedern nicht geholfen hat. Ihm gelingt es dabei, das Einzelschicksal der Marie Huntemann und anderer Jüdinnen und Juden in Aumund mit Hintergrundberichten über das Leben im nationalsozialistischen Bremen und die dortige Judenverfolgung zu verbinden.
Exemplarische Lokalrecherchen
Zeitweilig entsteht beim Lesen der Eindruck, das Buch wendet sich vor allem an BremerInnen, denn es finden sich zahlreiche Details über Namen, Straßen und Orte wieder, die bei Bremer oder Aumunder LeserInnen sicherlich eine höhere Identifikation schaffen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und sich auf die Spurensuche von Pfarrer Ingbert Lindemann einlässt, erfährt viel über Marie Huntemann, ihre Familie und FreundInnen, die Lindemann nach und nach ausfindig macht, sowie bewegende Details über den Umgang christlicher Gemeinden mit ihren jüdischen Mitgliedern: Über das Wegschauen der Mehrheit angesichts von nationalsozialistischer Diskriminierung, Schikane, Ausgrenzung, Verfolgung und Tod und über die Solidarität und Hilfe einzelner.
Auch die oppositionelle Bekennende Kirche unterzieht Lindemann kritischen Betrachtungen. Bei seinen Recherchen musste er feststellen, dass auch in der Bekennenden Kirche in Aumund nur wenige wirklich gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung protestiert haben; viele Kirchenvertreter handelten oftmals nur dann, wenn ihre eigenen Belange und Privilegien gefährdet waren, so das Resümee seiner Recherchen.
Am Ende seines Buches skizziert Lindemann kurz die Straflosigkeit für eine Reihe von NS-Verantwortlichen für die Judenverfolgung in Bremen und Umgebung nach 1945. Und er beschreibt die Verlegung eines „Stolpersteins“ für Marie Huntemann im Jahr 2007 als ein Ergebnis seiner Recherche – sowie den Kontakt zur Enkelin von Marie Huntemann.
Rezension: Natalie Rossow
„Die H. ist Jüdin! Aus dem Leben von Aumunder Juden nach 1933“
Ingbert Lindemann
Mit einem Vorwort von Hans Koschnick
ISBN 978-3-938275-58-0
2009 Donat Verlag, Bremen
12, 80 €







