![]() | |
Bus in den Alten Straßen Jerusalems |
Egal, was ich Neues entdecke: In Israel habe ich einen ständigen Begleiter. Er nennt sich Egged, ist quadratisch und leuchtet in einem saftigen Grasgrün.
Wer sich einen Eindruck von der israelischen Gesellschaft machen möchte, sollte sich einfach in eine Jerusalemer Egged-Buslinie zwischen Nord und Süd oder Ost und West setzen und die Augen weit offen halten. Nichts ist leichter – und günstiger – als das: Eingequetscht zwischen jungen Soldaten mit Gewehren auf den Knien, neben Orthodoxen Juden mit schwarzen Anzügen und Hüten oder einfach nur inmitten viele Menschen mit Kippas auf dem Kopf. Für 1,20 Euro für die Fahrkarte gibt es viel zu sehen.
Ein Querschnitt der israelischen Gesellschaft
Mit den grünen Egged Otobus, die mit einem langgezogenen Oo ausgesprochen werden, fährt die halbe Bevölkerung Israels. Und die ist vielfältig. Neben jüdischen Israelis, darunter Russen und Äthiopier, und natürlich den Orthodoxen leben auch viele arabische Israelis sowie südostasiatische oder zentralasiatische Gastarbeiter im Heiligen Land. Das ist zwar nur eine oberflächliche Betrachtung, gibt aber so etwas wie eine Grundordnung. Und alle finden sich vereint im täglichen Busverkehr, der sie zum Einkaufen, zur Arbeit oder zum Gebet befördert. Zwischen den vielen Menschen, die sich in den engen Raum quetschen, findet oft Kommunikation statt. Einen Gesprächspartner in Redelaune findet man immer.
Echte Originale: Die Jerusalemer Busfahrer
Mobil gemacht wird Jerusalem von der Flotte eines deutschen Busherstellers. Die beinhaltet sogar einen kleineren Sonderbus für die engen Gassen der Altstadt. Ihre Lenker, die Jerusalemer Busfahrer, sind eine ganz besondere Spezies. Trotz des erhöhten Gefahrenpotentials sind es meist echte Originale und coole Typen – auch wenn Hemd und Schlips Teile der Uniform sind. So gibt es einen Busfahrer, der immer einen roten Schal trägt, einen anderen afrikanischer Abstammung mit markantem Hut, der immer einen Gesprächspartner hinter sich hat oder den, der den Bus mit Frank Sinatra beschallt. Obligatorisch ist außerdem natürlich die Sonnenbrille, auch bei Wolken. Sogar die Businnengestaltung richten sie sich nach ihren Vorlieben aus und so gibt es beispielsweise einen FC Barcelona-Fanbus. Zusätzlich machen die Busse auf die jüdischen Feiertage aufmerksam. Wer freut sich nicht, wenn die gelbe LED-Anzeige „Chag Sameach“ – frohe Feiertage – wünscht, wobei sich Chag zu Pessach, Purim oder Channukah wandelt. Das würde ich in Deutschland sofort übernehmen – der kommunikative Bus.
Unfreiwillig quer durch die Stadt
![]() | |
Busimpressionen aus Israel, Foto: Alona Praslov, Flickr, ccc-Licsense |
Der Informationsminimalismus auf den Infotafeln an den Haltestellen setzt hohe Erfahrungswerte voraus. Die Infotafel gibt meist nur eine Busnummer mit Endhaltestelle preis und das allzu oft nur in hebräischen Lettern. Auf diese Weise habe ich viele Ecken Jerusalems schon unfreiwillig kennengelernt. Der Bus macht mich mit seinem sehr flexiblen Fahrplan und aufgrund seiner Alternativlosigkeit ziemlich abhängig. Gleich auf meiner ersten Fahrt konnte bzw. musste ich verschiedenste Umsteigeverbindungen ausprobieren. Wenn ich dem Busfahrer mein Ziel nenne, komme ich dort auch an, aber erst nach einer Tour durch die gesamte Innenstadt. Wenn ich einen Bus in eine Richtung nehme, ist es der größte Fehler davon auszugehen, dass in Gegenrichtung wieder dasselbe Ziel erreicht wird – eine ungeschlossene Kreislinie brachte mich einmal einem Nervenzusammenbruch nahe. Eine Regelmäßigkeit ist in der Streckenführung nicht zu erkennen: Es gibt die Theorie, dass Routen ähnlich wie bei Staatspräsidentenkolonnen aus Sicherheitsgründen ständig wechseln. Tatsache ist, dass Busse und Haltestellen in den Jahren der zweiten Intifada zu den Hauptanschlagszielen der Terroristen zählten. An vielen Ecken und vor heute besonders schönen Lokalen in der Deutschen (Café-)Kolonie, einem beliebten Stadtteil, findet man mit Rosen geschmückte Gedenktafeln. Hier war bis 2008 niemand vor Anschlägen sicher. Man spricht aus diesem Grund auch von einem kollektiven Bustrauma. Das ist nicht weit hergeholt: Auf einer Busfahrt zersplitterte zwei Sitzreihen hinter mir eine Seitenscheibe, als hätte ein Wurfgeschoss sie getroffen. Im Bus brach Panik aus, alle Insassen stürzten so schnell wie möglich auf die Straße und ich nach kurzem Zögern gleich hinterher. Ich war in einer Art Schockstarre und wusste nicht, wie mir geschah. Doch die Leute um mich herum hatten die Gefahren der Vergangenheit noch viel stärker im Hinterkopf. Letztendlich stellte sich jedoch heraus, dass einfach die Fensterscheibe des noch aus den 1980er Jahren stammenden Mercedesbusses nachgegeben hatte.
Immer in Eile
Die Busse in Israel sind die einzigen, die es wirklich eilig haben. Ankommend mit offener Tür fährt der Bus schon wieder an, wenn man am Einstieg steht. Anschließend muss man das Gleichgewicht halten, um noch seinen Busausweis vorzeigen zu können. Zu kaufen gibt es das Ticket nur direkt beim Fahrer, weshalb das Ausstellen und Abknipsen während der Fahrt erfolgt. Manche Fahrt auf einem Stehplatz kommt den Trockenübungen fürs Surfen gleich – in den vielen Kurven und den Berg- und Talfahrten Jerusalems gilt es, seitlich zu stehen und einen Haltegriff zu erreichen. Das Aussteigen verlangt eine wortgewaltige Stimme, um laut „Nehag!“ (Fahrer!) oder erweitert „Rega Nehag!“ (Warte Busfahrer!) zu rufen. Die Businsassen helfen sich gegenseitig, um den Busfahrer über eine Stimmenkette zu erreichen, auch wenn Personen noch auf den letzten Drücker zusteigen wollen. Manche Busfahrer sind jedoch gnadenlos. Nur für den Moment der offenen Türen ist das Umsteigen erlaubt. Danach ist Schluss und es geht weiter. Während viele Busfahrer gehetzt wirken, hielt der Busfahrer mit Hut dagegen einfach an einer Kurve und ließ ein Mädchen im strömenden Regen zusteigen.
Sitzordnung
Unerwartet bei dieser Flexibilität ist das strenge Ordnungsprinzip des Sitzens. Es ist für mich nicht Neues, wenn die Jugend (zu der ich mich zählen darf) hinten und die älteren Semester im vorderen Abteil sitzen, doch in Israel kommt zusätzlich eine Geschlechtertrennung zum Tragen. Orthodoxe Juden dürfen nicht neben dem anderen Geschlecht sitzen, wenn sie nicht gerade mit dieser Person verheiratet sind. Also erfolgt bei jedem Einstieg sofort ein prüfender Blick nach einem alleinsitzenden Fahrgast, dann wird nach Geschlecht geordnet. Diese Gewohnheit färbt ab und ich merke, wie ich ähnlich aufmerksam werde. Eine religiöse Partei fordert schon seit Jahren nach Geschlechtern getrennte Busabteile. Soweit ist es aber Gott sei Dank noch nicht gekommen. Die Konfessionstrennung ist eine andere Geschichte: Blau-weiße arabische Busse findet man auf dem Weg zur Altstadt zur Genüge.
Konkurrenz für Egged
So läuft die Mobilität in der heiligen Stadt und in Israel insgesamt. Vieles ist mir mittlerweile vertraut, sodass ich mich an einem Morgen auf dem Weg in die Innenstadt dabei ertappte, die Wahrzeichen im Vorübergehen nur noch als Orientierungspunkte für Ausstiege wahrzunehmen. Der Eggedbus ist ein spannender Mikrokosmos, der mir viel über die israelische Gesellschaft vermittelt hat. Eine Stadt und ihre Menschen lassen sich am besten über das öffentliche Verkehrssystem kennenlernen – doch zugegeben, ich werde Egged gerade untreu. Ich habe einen neuen Begleiter. Er ist kompakt und dunkelrot: Mittlerweile bringt mich mein rotes 90er Jahre Bianchi Mountainbike durch den Alltag. Es ist schön, unabhängig von Egged zu sein, aber für den nächsten längeren Trip werde ich wieder auf die grüne Mobilität zurückkommen.
Autor: Eric Eibeck, Jahrgang 1990, ist seit dem September 2009 Freiwilliger in Israel. Er arbeitet in Jerusalem im Projekt Beit Sefer Ilanot mit Menschen mit Behinderungen.
![]() |
Der Freiwilligendienst von Eric Eibeck wird hauptsächlich durch Spenden finanziert. Tragen auch Sie / tragt ihr dazu bei, dass weiterhin viele junge Menschen mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste einen Freiwilligendienste in Israel leisten können.









