"Wenn ich noch jung und gesund wäre, würde ich im Kongo für Demokratie kämpfen"

Keno Kunkel (19) und Leonie Jegen (19) sind für ein Jahr ASF-Freiwillige in  Saint-Étienne in Paris und engagieren sich in dem Projekt Entraide Pierre Valdo, einer Organisation, die Flüchtlinge durch Sozialarbeit und Freizeitangebote unterstützt.

Freiwilligendienste in Frankreich

Leopold Kingombe wurde als 20-Jähriger in der Demokratischen Republik Kongo politisch aktiv. Dann musste er fliehen und in Europa für sein Aufenthaltsrecht kämpfen. Heute ist er Vorsitzender eines Vereins für Kongolesen in Frankreich. Die ASF-Freiwilligen Leonie Jegen und Keno Kunkel trafen Leopold Kingombe in Paris.

 

In den ersten Wochen unseres Freiwilligendienstes trafen wir Leopold Kingombe, 67 Jahre alt und Staatsbürger der „Demokratischen“ Republik Kongo in der Eingangshalle des „Foyer Clairvivre“, einem Wohnheim mit kleinen Zimmern für AsylbewerberInnen und junge ArbeiterInnen. Kingombe, der uns schon einmal flüchtig vorgestellt wurde, begrüßte uns sehr herzlich und steuerte mit uns eine Sofaecke in der Eingangshalle an. Leonie und ich fragten ihn aus.

 

Im Kongo

 

Kingombe kommt ursprünglich aus Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo, engagiert sich politisch seit seinem 20. Lebensjahr und trat später der im Jahr 1990 gegründeten Partei PDSC (Parti Démocrat Sozialiste Chrétien) bei. Schnell machte er in seiner Partei Karriere und wurde Parteichef der Hauptstadtregion Kinshasa. Die oppositionelle Arbeit wurde jedoch durch Anhänger des Diktators Joseph-Désiré Mobutu stetig stärker gestört. Parteitreffen und Versammlungen wurden gewaltsam aufgelöst und Regimekritiker inhaftiert. Kingombe bekam mit, dass es Pläne gab ihn zu töten, da er dem Regime zu gefährlich und einflussreich erschien und entschied sich zur Flucht. Er gehörte zu den wenigen, die über die finanziellen Mittel verfügten, sich die Flucht ins Exil leisten zu können. Er gelangte zunächst in die Niederlande, wo er sechs Jahre vergeblich darauf wartete, dass sein Asylantrag angenommen werden würde. Um einer Abschiebung zu entgehen, floh Leopold weiter nach Frankreich. Dort hatte er nach drei Jahren Wartezeit mehr Erfolg und bekam vor kurzer Zeit ein Bleiberecht für zehn Jahre, welches anschließend üblicherweise in eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung umgewandelt wird. Leopold Kingombe benötigte also neun Jahre bis er endlich eine längere Aufenthaltsgenehmigung erhielt: und dies trotz seines Bekanntheitsgerades und der Tatsache, dass er nachweisbar politisch verfolgt ist in seinem Herkunftsland.

 

Im Exil in Frankreich

 

In Frankreich lebt inzwischen eine große Gruppe von Kongolesen. In Saint-Etienne haben sich diese in einem Verein zusammengeschlossen, dessen Vorsitzender Kingombe ist. Uns sagte er, dass es sehr wichtig sei, dass die in Frankreich lebenden Kongolesen auf der einen Seite ihre Kultur nicht vergessen dürften, auf der anderen Seite aber auch westliche Verhaltensweisen annehmen müssten. Dass sie für Busfahrten eine Fahrkarte bräuchten, erkläre er vielen Landsleuten. Dies sei auch richtig, so der Kongolese, da ihnen der französische Staat während des Asylbewerbungsverfahrens durch die Bezahlung von Unterkunft, Unterhalt und anfallende Kosten für Gesundheit helfen würde und dieses Geld ja irgendwo her kommen müsse.

 

Neben seiner persönlichen Geschichte sprachen wir aber auch über die große Weltpolitik. Kingombe machte noch einmal deutlich, dass die Länder des afrikanischen Kontinentes unter den Industrienationen immer noch sehr leiden müssen. Seiner Ansicht nach ist es den wenigsten Europäern bewusst, dass ihr Reichtum für die Armut seines Landes verantwortlich ist. Auch die Verstrickungen des drittgrößten Waffenexporteurs der Welt, der Bundesrepublik Deutschland, in die Ausbeutung der Bodenschätze des Kongo sollten uns als Deutsche noch einmal zu denken geben. Wenn in Deutschland Waffen unrechtmäßig aufbewahrt werden und es dann zu einem Tötungsdelikt kommt, kann man aufgrund fahrlässiger Tötung angeklagt werden. Könnten dann nicht auch deutsche Unternehmen für mit ihren Waffen verübte Gräueltaten auf dem afrikanischen Kontinent verantwortlich gemacht werden? Wie können es Mitarbeiter der in Deutschland ansässigen Waffenschmieden ertragen, in den Abendnachrichten die Toten zu sehen, die mit von ihnen hergestellten Mordmaschinen erschossen wurden?

 

Kingombe gab uns noch mit auf den Weg, dass er gerne in den Kongo zurückkehren würde, um dort für die Demokratie zu kämpfen. Dazu sei er aber schon zu bekannt, alt und auch gesundheitlich nicht mehr in der Lage. Eine Aussage, die uns bewusst macht, dass Demokratie nicht gottgegeben ist, sondern erkämpft, aber auch verteidigt werden muss.

 

Nach zwei Stunden, die wie im Fluge vergingen, entließ er uns gekonnt, wie es wohl nur ein Politiker kann, in unsere – wie er sagte –  Freiheit. Das Gespräch bewegte uns, erzeugte aber auch ein Gefühl von Ohnmacht. Was können wir als junge Generation konkret erreichen, um die Ungerechtigkeit - wie sie Kingombe erfahren hat - der Vergangenheit angehören zu lassen?

 

Einen genauen Plan haben wir leider noch nicht, aber darüber schreiben, uns der Lage bewusst werden und versuchen Verantwortung zu übernehmen, ist ein Anfang.

 

Wer mehr über die Geschichte Kongos und den Verstrickung Europas und der USA auch nach der Kolonialzeit lesen möchte: de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Republik_Kongo

 

 

Text: Keno Kunkel / Saint-Étienne / 02.10.2009

 

 

 


URL: http://www.asf-ev.de/index.php?id=2771
© www.asf-ev.de