Aktion Sühnezeichen
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Im Blickpunkt: Freiwilligendienst in Tschechien




 

Herzlich willkommen zum aktuellen ASF-Länderschwerpunkt zur ASF-Arbeit in Tschechien: ein Land, das so nah und gleichzeitig so fern scheint, da der kleine Nachbar in den deutschen Medien verhältnismässig wenig präsent ist.

 

Diese Ferne zu Tschechien wird mir als ASF-Landesbeauftragte auch deutlich, wenn es darum geht, zukünfitge Freiwillige für ASF-Projekte in Tschechien zu begeistern. Israel, USA und Polen rangieren stets weiter oben auf der Beliebtheitsskala. Nichtsdestotrotz wird die Ländergruppe jedes Jahr wieder voll und alle ASF-Freiwilligen verlassen Tschechien schliesslich mit dem Gefühl, etwas Besonderes erlebt und kennen gelernt zu haben: Ein Land, das um die Ecke liegt, aber in vielem doch so anders ist. Ein Land, das mit Deutschland seit Jahrhunderten aufs Engste verbunden war und ist.

 

Die Gegenwart der nationalsozialistischen Annexions- und Besatzungspolitik von 1938 bis 1945 ist noch immer spürbar. Das ehemalige Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt, das ehemalige „Zigeuner-Lager“ in Lety sowie das Dorf Lidice, das samt seiner EinwohnerInnen nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 exemplarisch vernichtet wurde, sind im tschechischen Bewusstsein genauso präsent wie die zahlreichen ausgelöschten jüdischen Gemeinden und verwaisten jüdischen Friedhöfe im Land.

 

Auch vor diesem Hintergrund ist das ASF-Engagement in Tschechien ein notwendiges Zeichen.

 

Die aktuellen ASF-Freiwilligen und ihre Projekte

 

Derzeit arbeiten neun ASF-Freiwillige in Böhmen und Mähren, mehrheitlich mit jüdischen NS-Überlebenden und ehemaligen ZwangsarbeiterInnen. Beinahe alle Freiwillige sind in so genannten „Kombi-Projekten“ eingesetzt, sodass sie neben der offenen Altenarbeit auch mit Menschen mit Behinderungen oder sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen arbeiten.

 

Ein ASF-Freiwilliger begleitet zudem in Theresienstadt (tscheschisch: Terezín) deutschsprachige Besuchergruppen in der pädagogischer Arbeit der Gedenkstätte. In Ústí nad Labem, dem ehemaligen sudetendeutschen Aussig, arbeitet ein ASF-Freiwilliger im Rahmen der tschechisch-deutschen Kulturarbeit, u.a. durch seine Mitarbeit an den jährlich stattfindenden Deutsch-Tschechischen Kulturtagen.

 

Für die Zukunft ist ein verstärkter Einsatz in Projekten mit und für Roma vorgesehen. In Brünn und Budweis engagieren sich Freiwillige bereits einige Stunden pro Woche in der Arbeit mit Kindern der Roma-Minderheit. In Český Brod bei Prag wird ab September 2010 eine Freiwillige komplett in einem Freizeitzentrum für Roma- und Nicht-Roma-Kinder eingesetzt sein.

 

 

Schwerpunkt-Übersicht





Im ASF-Sommerseminar auf den Spuren der deutsch-tschechischen Geschichte

 

Von  Almut Klose und David Jung

 

Unser ASF-Sommerseminar begannen wir bei strahlender Sonne am 4. Juni in Řehlovice. Die Auseinandersetzungen mit der Deutsch-Tschechischen Beziehungsgeschichte standen dabei im Mittelpunkt. Als Seminarort dient uns ein zum Kulturzentrum umfunktionierter Bauernhof in der Nähe von Usti nad Labem in Nordböhmen. Zum riesigen „Anwesen“ gehören die alten Gebäude, mit begrünten Dächern, unser Schlaf- und Küchentrakt und nicht zu vergessen: die Feuerstelle und der kleine Teich. Diesen ehemaligen Hof hat Lenka mit ihrem Vater zu einem Kulturzentrum umgebaut. Heute ist er  Treffpunkt für KünstlerInnen aus Tschechien, Deutschland und Österreich, aber auch die Musikszene aus Usti weiß den Ort zu schätzen.

 

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ASF in Tschechien

 

1939 zerstörte der Einmarsch deutscher Truppen die 1. Tschechoslowakische Republik. Während der Okkupation verübten die Deutschen vielfach Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Die deutsch-tschechischen Beziehungen erlitten durch die deutsche Okkupation tiefe Verletzungen. Die Pluralität in den Böhmischen Ländern wurde nachhaltig zerstört. Die Arbeit von Aktion Sühnezeichen in der ČSSR begann Mitte der 60er Jahre vor diesem Hintergrund in der Gedenkstätte Theresienstadt.

 

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Jeder Tag ein kleines Abenteuer

 

Als ASF-Freiwillige in einem Projekt mit Menschen mit Behinderungen in Brno.

 

Von Susanne Jacobi

 

Alle wuseln durcheinander, unterhalten sich lautstark, sind fröhlich oder auch wütend, gähnen vor sich hin oder wirken schon hellwach und bereit, in den Tag zu starten. In dem Haus ist so viel Leben, dass man gar nicht anders kann, als sich davon anstecken zu lassen.  Jeder Tag ist anders, jeder einzigartig und jeder birgt ein kleines Abenteuer. Selbst wenn man alles genau plant, kommt es am Ende doch anders als erwartet. Gerade das habe ich in meinen bisher neun Monaten ASF-Freiwilligendienst sehr zu schätzen gelernt.

 

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Alltägliche Diskriminierung

 

Als ASF-Freiwilliger in einem Roma-Projekt in Budweis

 

Von Felix Sens

 


Diskriminierung bedeutet die Ausgrenzung und Benachteiligung einer bestimmten Gruppe oder Minderheit aufgrund von Vorurteilen. „Diskriminierung gibt es in der Tschechischen Republik nicht“ glaubt die Mehrheit derer, mit denen ich über das „so genannte Roma-Problem“ spreche. Dann wird mir erklärt, dass die Vorurteile keine Vorurteile seien, sondern Tatsachen und die Diskriminierung keine Diskriminierung sei, sondern von „den Roma“ selber verursacht.

 

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„In Theresienstadt mussten wir zu dritt in einem Bett schlafen“

 

Als ASF-Freiwillige in einem Projekt mit NS-Überlebenden in Olomouc.

 

Von Magdalena Prinzler

 

Manche Erinnerungen höre ich immer wieder, sie werden laut ausgesprochen, mit Stolz vorgetragen oder unter Stöhnen hervorgebracht. Manche Erinnerungen wurden schon oft erzählt, sind vielleicht nur noch Erinnerungen an Erinnerungen. Manche begegnen mir nur einmal, vielleicht hält der Erzählende sie nicht für wichtig, vergisst sie wieder. Manche Erinnerungen sind nur Randbemerkungen, Gedankensprünge, Nebensätze. Manchmal blitzen Erinnerungen aus dem Nichts auf und lassen mein Gegenüber im Gespräch innehalten, versinken, abschweifen, bis er oder sie nach einer für mich kaum nachvollziehbaren Reise irgendwann wieder in der Gegenwart ankommt. Manche Erinnerungen werden nie ausgesprochen. Ich kann sie nur in den Augen lesen.

 

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Geringe Wahlbeteiligung in Tschechien

 

Eine kurze Analyse im Rückblick

 

Von Silvia Kunz

 

Nach über einem Jahr Übergangsregierung, die auf den Zusammenbruch der Regierung während des tschechischen EU-Ratsvorsitzes folgte, standen vom 28. bis 29. Mai in Tschechien Parlamentswahlen an. Die große konservative Partei ODS („Občanská Demokratická Strana - „Bürgerlich Demokratische Partei“) warb vor allem mit Wahlplakaten, die inhaltlich stark reduzierte Botschaften vermittelten. Wie soll ein riesiges blaues Plakat mit der Aufschrift „Lösung“ Menschen dazu bringen, diese Partei zu wählen?

 

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Als Englischlehrerin in Brno

 

 

Als ASF-Freiwillige im Kinderhaus Brno unterrichte und fördere ich Kinder der Roma-Minderheit.

 

von Silvia Kunz

 

„Good morning“, tönt es immer fröhlich von allen Seiten, wenn ich im Unterrichtsraum des Kinderhauses ankomme. Vor allem Kinder der Roma-Minderheit kommen ins Kinderhaus, um hier dreimal in der Woche zusätzlichen Unterricht zu erhalten. Ich bin ihre Englischlehrerin, die Kinder nennen mich „Pani Učitelka – Frau Lehrerin“. Da in Tschechien schon in der Grundschule Englisch gelehrt wird, übe ich mit den SchülerInnen der 3. und 4. Klassen Vokabeln, lasse sie Texte übersetzen oder vorlesen. Mich beeindrucken „meine“ Kinder sehr. Wenn ein achtjähriger Schüler nach dem normalen Schultag noch hierher kommt, um Englisch, Mathe oder Tschechisch zu lernen, dann hat er schon einen ziemlich harten Tag hinter sich. Viele Kinder kommen aus einem Elternhaus, in dem auf Bildung nicht viel Wert gelegt wird.

 

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»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«

Erika Brooks, ASF-Freiwillige aus den USA in Berlin