Aktion Sühnezeichen
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Ansprache anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus


Josef Kuzba, Jahrgang 1916 aus Warschau.

Der heute 93jährige Josef Kuzba war von 1940 bis 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert.

Weil es nicht möglich ist, mit Worten auszudrücken, was ein Konzentrationslager war, werde ich nur einige Sätze darüber verlieren, was ich selbst erlebt und gesehen habe. Vor dem Krieg war ich Lehrer an der polnischsowjetischen Grenze. Nach den Ferien 1939 blieb ich bei meinen Eltern zu Hause. Wenn ich wieder an der polnisch-sowjetischen Grenze gewesen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich in Sibirien gelandet. Da ich bei Kriegsausbuch jedoch in meinem Geburtsort war, hatte ich also keine Arbeit. Am 2. Mai 1940 sollte ich im Rahmen der so genannten AB-Aktion (der außerordentlichen Befriedungsaktion als Lehrer und aktives Mitglied der Pfadfinder-Bewegung festgenommen werden – so wie viele andere meiner Lehrerkollegen und -kolleginnen auch. Ich wusste, dass ich in angesichts dieser Lage die Region Pommern verlassen musste und begab mich daher nach Süd-Polen. Ein paar Mal konnte ich verhindern, dass ich festgenommen wurde und es gelang mir auch, aus dem Transport zu flüchten, der mich ins Dritte Reich bringen sollte Ich konnte mich zunächst in die Slowakei retten.

 

Aber diese glückliche Phase war vorbei, als es mir nicht gelang, nach Ungarn zu kommen. Ich hatte nicht gewusst, dass es damals auch in Ungarn schon politische Veränderungen gegeben hatte – und dass das Horty-Regime die Macht übernommen hatte. Ungarische Grenzbeamte wiesen mich zurück und übergaben mich slowakischen Grenzschützern. Ich war ungefähr in sechs slowakischen Gefängnissen, bis ich in Muszyna der GESTAPO übergeben wurde Nach dem ersten Verhör durch die GESTAPO am selben Tag wurde ich in die Zelle geschmissen. So beschrieb es mir mein Kamerad, der in derselben Zelle eingesperrt war. Von Muszyna wurde ich nach Tarnow überführt und nach Sachsenhausen gebracht. Am Tag vor meinem 23. Geburtstag, am 10. August 1940, war ich schon in Sachsenhausen. Im Zug, der nach Sachsenhausen fuhr, waren insgesamt 520 Menschen. Wir wurden in die Quarantäne geschickt, die in Wirklichkeit eine Selektion war. Im Laufe der zweimonatigen Quarantäne sind viele Menschen gestorben aufgrund der allgemein schlechten Lebensbedingungen und Krankheiten. Viele wurden Opfer der Willkür der Blockführer. Nach der Quarantäne sind wir in die so genannten großen Lager verlegt worden, wo wir Sklavenarbeit leisten mussten. Die Arbeit musste unter den schwierigsten Bedingungen verrichtet werden – egal, ob Frost, Hitze, Gewitter, Regen oder Schnee herrschten. Der Hauptort der Arbeit für Polen, Juden, Sinti und Roma war das Klinkerwerk. Die Polen nannten diesen Ort auch „Kommando Speer“. Jeden Tag wanderte ein Kommando von 2000 Häftlingen unter Aufsicht zu dem Ort der Arbeit – in vielen Fällen, um dort den Tod zu finden. Es war ein widerlicher Ort. Ich habe diesen Ort kennengelernt und ihn mit eigener Haut gefühlt, denn ich arbeitete dort an verschiedenen Abschnitten: wie bei der Rodung des Waldes oder dem Hafenbau. Am Ende des Jahres 1940 wog ich noch 38 Kilogramm. Bis heute denke ich daran, was am 6. Dezember 1940 geschah. Ich wurde mit einer Karre, die mit Schutt beladen war, von einem Aufseher von einem Schiff in den zugefrorenen Kanal geschmissen. Ich schwamm 20 bis 30 Meter durch geborstene Eisschollen und es gelang mir, ans Ufer und an Land zu kommen. Dort wurde mir erlaubt, meine Kleidung auszuwringen. Doch obwohl ich dem Tod nur knapp entkommen war, musste ich den ganzen Tag weiter für das Dritte Reich arbeiten. Ich selbst weiß nicht, warum ich damals nicht erschossen worden bin und ob ich mich hinter oder vor dem Wachposten befunden hatte.

 

 


Hinzufügen muss ich, dass die Posten sehr gerne nach einem Grund suchten, um einen Häftling umzubringen. Denn sie erhielten für die Verhinderung der Flucht eines Häftlings eine Belonung: beispielsweise drei Tage Urlaub. Auf diese Weise verlor ich meinen Freund Pawel Kalamarski. Ein SS-Mann hatte wahrscheinlich schon gewusst, dass Pawel Kalamarski bestraft werden sollte, weil er auf dem Bahnhof erzählte, die Glokken, die sie aus dem Wagen heraustragen sollten, seien aus Polen gestohlen worden. Der Posten nahm dann seine Mütze vom Kopf und schmiss sie weit hinter die Sperrlinie. Pawel durfte den Befehl, die Mütze zu holen, nicht ignorieren. Er musste die Mütze holen, wurde angeschossen und starb später an seinen Verletzungen. Die Häftlinge waren von der Arbeit so erschöpft, dass sie auf der Erde liegen blieben. Manchmal kehrten sie nach dem Abendappell getragen von Kameraden ins Lager zurück. Oft haben sie den Weg zurück in das Lager nicht geschafft. Jeden Tag wurden Kranke und auch Tote vom Arbeitsplatz mit einem Rollwagen ins Lager transportiert. Ich werde hier nicht länger und ausführlicher über die Details der Organisation von Zwangsarbeit sprechen. Es war ein sehr breiter Arbeitseinsatz, der den Handel mit Sklavenarbeit im großen Umfang auf allen Ebenen mit Rüstungskonzernen erlaubte. Für dieses Ziel organisierte man rund 100 Außenlager des Lagers Sachsenhausen und spann ein Netz von Lagern von Berlin aus in der ganzen Umgebung.

 

Noch eines möchte ich jedoch sagen: Das Klinkerwerk, in dem ich gearbeitet habe, sollte die allergrößte Ziegelei der Welt werden. Bis zur Weltausstellung 1950 sollte Berlin in Germania umbenannt und umgebaut werden – und in diesem Zusammenhang sollte schon vorher des Klinkerwerk weiter ausgebaut werden. In Sachsenhausen ist fast jeder zweite Häftling gestorben. Ich bin einer von denen, der Sachsenhausen überlebte – und deswegen berichte ich davon. Ich arbeitete bei der Rodung des Waldes für das Klinkerwerk, beim Betonieren von Wegen in Königs Wusterhausen, in einer Gärtnerei, beim Ebnen von Grundstücken, in einer Schuhfabrik und machte jede Menge anderer Arbeiten. Ich könnte stundenlang über die unterschiedlichen Formen der Zwangsarbeit berichten. Meine besten Freunde, die ich im Lager kennengelernt habe, kamen aus Polen, Tschechien oder aus Deutschland. Ich habe Menschen von großem Format kennen gelernt, die später als Professoren, Ärzte, Rechtsanwälte oder Politiker arbeiteten. Zum Beispiel, Strand Johansen, der nach der Befreiung Arbeitsminister in Norwegen wurde, Aleksander Strohbach, mein allerbester Freund aus Tschechien, und viele, viele andere. Der Todesmarsch: Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass man durch so eine Hölle – den Todesmarsch – lebendig durchkommen konnte. Während des Todesmarsches habe ich meine spätere Ehefrau kennen gelernt. Ihre Familie wurde nach dem Warschauer Aufstand nach Sachsenhausen deportiert. Mein Schwiegervater wurde im Lager erschossen. Seine Frau starb nach der Entlassung aus dem Lager 1951. Meine Ehefrau starb 1985. Jetzt lebt niemand von dieser Familie mehr.

 

Die Zeit im Lager hat einen tiefen Eindruck in meinem Leben hinterlassen. Ich verließ das Lager mit vielen Krankheiten. Ich freue mich aber, dass Berlin nicht in Germania umbenannt wurde. Heute ist Berlin eine sehr schöne Stadt, in der ich sehr oft zu Besuch bin. Ganz herzlich möchte ich mich bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und insbesondere bei Helga Sibaei bedanken für die Seminare mit ehemaligen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen und anderen Konzentrationslagern. Mögen diese Seminare auch in Zukunft mit jungen Menschen veranstaltet werden. Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei der Stiftung „Polnisch- Deutsche Aussöhnung“ und dem Maximilian- Kolbe-Werk für ihre Aktivitäten und Hilfe. Besonders erwähnen möchte ich auch Pfarrer Franz Meyer und seine Bemühungen. Darüber hinaus will ich mich bei den Lehrerinnen Martina Richtert und Sabine Rührmann aus Gelsenkirchen und ihren Schülern und Schülerinnen, mit denen ich seit dem Treffen der so genannten „Spurensucher“ in Kontakt stehe. Und auch dem Lehrer Tobias Lethen, der jedes Jahr mit einer Gruppe von Jugendlichen Warschau besucht.

 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Ihr Josef Kuzba. Warschau im Januar 2010

 


»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«

Erika Brooks, ASF-Freiwillige aus den USA in Berlin

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