Aktion Sühnezeichen
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ausgesteuert – ausgegrenzt … angeblich asozial


„Weit später, nach der Wende, sah ich in einer Kopie der Transportlisten, dass hinter meinem Namen ein Fragezeichen stand. Nur deshalb habe ich wohl überlebt“, schreibt Elvira Manthey, Jahrgang 1931. Sie ist eine der AutorInnen des Sammelbandes „ausgesteuert – ausgegrenzt … angeblich asozial“ über den staatlichen Mord an „devianten“ und gesellschaftlich randständigen Menschen im Rahmen des T4-Programms der Nationalsozialisten und dessen Nachfolgeprogrammen. Eva Manthey wächst als Kind einer so genannten „asozialen Großfamilie“ während des NS in verschiedenen Fürsorgeheimen und psychiatrischen Einrichtungen in Sachsen-Anhalt auf; als „schwachsinnig“ und „erbkrank“ abgestempelt, überlebte sie nur durch Zufall das „Euthanasie“-Programm – und musste miterleben, wie in ihrer unmittelbaren Nähe Kleinstkinder und Erwachsene durch Giftspritzen ermordet wurden.

 

 

Neben dem bewegenden Lebenszeugnis von Eva Manthey versammelt dieser unter die Haut gehende Sammelband eine breite Palette von ExpertInnen und AktivistInnen rings um das Thema „NS und der Umgang mit gesellschaftlich Randständigen“: wie beispielsweise die Historikerin und ASF-Vorstandsmitglied Christa Schikorra, die hier über den Umgang von Polizei und Fürsorgeeinrichtungen mit Frauen schreibt, die mit der Zuschreibung „asozial“ oder „arbeitsscheu“ ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingewiesen wurden. Anhand der von Christa Schikorra exemplarisch beschriebenen Lebens- und Leidenswege der Frauen wird deutlich, wie breit das Spektrum der so genannten „Asozialen“ in den Konzentrationslagern war. Passend dazu setzt sich der amtierende Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch mit der Verstrickung der Polizei im NS an der Ausgrenzung und Ermordung von sozial Randständigen auseinander. Und Ulla Jelpke (MdB/ Die Linke) und Eva Manthey beschreiben den langen und oftmals vergeblichen Kampf der Opfer um Rehabilitierung, gesellschaftliche Anerkennung und angemessene Entschädigung.

 

 

Hinzu kommen am Ende des Buches Vorstellungen von Initiativen, die sich zum einen heute gegen die Marginalisierung und Entrechtung von sozial Schwachen – wie beispielsweise ALGII-EmpfängerInnen – und für würdige Erinnerungsorte für die Opfer der „Euthanasie“-Programme einsetzen. Das Buch gehört – nicht zuletzt aufgrund der Bandbreite der AutorInnen und Einzelthemen – zu den wichtigsten Neuerscheinungen in der Auseinandersetzung mit T4 und dessen Auswirkungen.

 

Heike Kleffner

 

 

Ausgesteuert – ausgegrenzt … angeblich asozial, AG SPAK – Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise, Berlin 2009, 351 Seiten, 28 Euro

 

 


»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«

Erika Brooks, ASF-Freiwillige aus den USA in Berlin