Aktion Sühnezeichen
Logo
     
 
 
   
   
   

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

„Wenn die Menschen schweigen, werden die Steine schreien“: ein Bericht aus Majdanek


Marvin Lindenberg (20) ist als ASF-Freiwilliger seit August 2009 in der Gedenkstätte Majdanek sowie im Maximilian-Kolbe-Werk in Lublin.

 

64 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Majdanek die älteste Gedenkstätte am Ort eines ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers. Das Konzentrationslager Das Konzentrationslager Majdanek bestand seit 1941 und hatte bis zur Befreiung durch die sowjetische Armee am 23. Juli 1944 unterschiedliche Funktionen: Erst war es ein SS-Kriegsgefangenenlager, dann ein Konzentrationslager, zwischenzeitlich ein Vernichtungslager. Der Historiker Tomasz Kranz nannte das Lager ein „multifunktionales Provisorium ohne eindeutige Bestimmung und klare Zielsetzung“. Zumindest für das Jahr 1943, in dem es im Lager zu mehreren Massenerschießungen kam, wird es von Historikern als Vernichtungslager eingestuft.  Kein Eisentor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei!“ hing am Lagereingang – nur ein einfaches Holztor markierte den Eingang zur „Stadt der Toten“. Der Anschluss an die Wasserleitungen der Stadt Majdanek fand erst drei Jahre nach Inbetriebnahme des Lagers statt. Das so genannte „neue Krematorium“ wurde im Herbst 1943 in Betrieb genommen, davor hatte man die Leichen mehrheitlich auf Scheiterhaufen verbrannt. Im diesem Zusammenhang von für Konzentrationslager ungewöhnlich schlechten Bedingungen für die Häftlinge zu schreiben, klingt zwar absurd, aber in der Tat, waren die Bedingungen im Lager so schrecklich, dass es eine der höchsten Sterblichkeitsraten in Lagern aufwies. Aktuelle Forschungen gehen davon aus, dass in dem Lager rund 78.000 Menschen umgekommen sind. So könnte ich noch weiter fortfahren, ohne dass man das Leiden und die Qualen, auch nur halbwegs verständlich machen könnte.

 

Geschichte ist verbunden mit bestimmten Bildern, durch die Erinnerung ihre Symbolik erhält. Bevor ich in Majdanek meinen Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste begann, verband ich mit dem nationalsozialistischen Völkermord vor allem die Rampe in dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, obwohl diese erst im Sommer 1944 errichtet wurde. Zu dieser Zeit war das Konzentrationslager Lublin in Majdanek schon längst von der Roten Armee befreit worden. In den deutschen Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka im Osten Polens, im so genannten Generalgouvernement, waren da schon mehr als eine Millionen Menschen ermordet worden; Sobibor und Trablinka waren nach Revolten von Arbeitshäftlingen vom NS-Regime 1943 geschlossen worden; alle Spuren wurden verwischt. Heute sind diese  Lager, in denen schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten, vielen unbekannt. Die Gedenkstätte in Belzec beispielsweise ist erst fünf Jahre alt...

 

Veränderungen in der Gedenkstätte



Für mich ist es manchmal schwierig den richtigen Umgang mit dem Thema, besonders am Arbeitsplatz zu finden. Erst recht, wenn Diskrepanzen und Missstände im Museum dringend angesprochen werden müssten. So ist zum Beispiel der ehemalige Selektionsplatz in Majdanek, wo die jüdischen Gefangenen in den Tod geschickt wurden, nach 64 Jahren immer noch nicht offiziell ausgeschildert, genauso wenig wie der Platz, an dem am 3. November 1943 schätzungsweise 18.000 Juden erschossen wurden…

 

Doch seit dem  Leitungswechsel in der Gedenkstätte hat sich einiges getan. Eine der ersten Taten des neuen Leiters Tomasz Kranz war es, eine Ausstellungsabteilung zu gründen, die vorher noch nicht existent war. Insgesamt sind die Pläne des neuen Direktors sehr ambitioniert: Eine Sanierung der maroden Infrastruktur der Gedenkstätte steht an und es soll eine neue Dauerausstellung geben, die dann das ganze Jahr besichtigt werden kann. Alternative Besichtigungsrouten mit denen die Gedenkstätte individueller besichtigt werden kann und neue Hinweisschielder sind geplant. Ich bin gespannt, welche Neuerungen noch im Laufe meines Freiwilligenjahren Gestalt annehmen.

 

 

 

 



Der Freiwilligendienst von Marvin Lindenberg wird hauptsächlich durch Spenden finanziert. Tragen Sie / tragt ihr dazu bei, dass weiterhin viele junge Menschen mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste einen Freiwilligendienste in Polen leisten können. 


»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«

Erika Brooks, ASF-Freiwillige aus den USA in Berlin