Zwei historisch-interkulturelle Studienfahrten, die sich mit den Beziehungsgeschichten von in Deutschland lebenden ArmenierInnen, GriechInnen und TürkInnen sowie Herkunftsdeutschen auseinandersetzen, bilden das Herzstück des ASF-Kooperationsprojekts „Erinnerung – Konflikt – Toleranz“, das jetzt vom Bündnis für Demokratie ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit den Partnerorganisation – die Raphael-Lemkin-Bibliothek und die Griechische und Armenische Gemeinde aus Köln – hatte ASF die Studienfahrten in 2008 und 2009 organisiert.
Geschichten von Flucht und Exil
Die oft spannungsreiche und gewaltbelastete Beziehungsgeschichte von ArmenierInnen, GriechInnen, TürkInnen und Herkunftsdeutschen wurde bei den fünftägigen Studienfahrten in Berlin auf vielfältige Weise thematisiert. Bei einem Stadtrundgang entlang der Hardenbergstraße diskutierte die Gruppe das Schicksal von Cemal Kemal Altun: Der politische Aktivist aus der Türkei, der vor staatlicher Repression nach Deutschland geflohen war, stürzte sich 1983 aus Verzweiflung über die Ablehnung seines Asylantrags aus dem Fenster im sechsten Stock des Verwaltungsgerichtes in den Tod. Erzählort für eine ältere Fluchtgeschichte ist der Ernst-Reuter-Platz – nur ein paar hundert Meter entfernt von der Stelle, wo Kemal Altun starb: Ernst Reuter und seine Familie fanden, wie hunderte andere Wissenschaftler, Politiker und Künstler aus Deutschland, während der NS-Zeit Schutz in der Türkei.
Diesen Schutz verweigerte die türkische Regierung häufig ihren jüdischen Bürgern im deutsch besetzten Europa. Wenige hunderte Meter vom Ernst-Reuter-Platz entfernt, in der Kantstraße, lebte bis 1942 die türkisch-jüdische Familie von Isaak Behar. Sein Vater beobachtete 1915 in Istanbul den beginnenden Völkermord an den Armeniern und die zunehmende Minderheitenfeindlichkeit türkischer Nationalisten. Er entschied sich zur Auswanderung nach Berlin. 1939 verweigerte die türkische Botschaft die Verlängerung ihrer Papiere, so dass Isaak Behars Eltern und seine beiden Schwestern 1942 als „staatenlose“ Juden in Auschwitz ermordet wurden. Isaak Behar überlebte in Berlin im Versteck. Die Gruppe traf ihn zu einem deutsch-türkisch-jüdischen Zeitzeugengespräch.
Auseinandersetzung mit Antisemitismus
Zu der Studienfahrt gehörten außerdem ein Besuch im Haus der Wannsee-Konferenz, eine Führung im Jüdischen Museum und ein Zeitzeugengespräch mit Edzard Reuter in der Ausstellung „Haymatloz“. Diese Ausstellung erzählt vom Exil unterschiedlichster Deutscher in der Türkei während der NS-Zeit. Kontrovers und informativ verlief dann die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, nachdem ExpertInnen aus armenischer, griechischer und türkischer Perspektive zu antijüdischen Stereotypen referiert hatten.
Dem ASF-Projektbereich Interkulturalität gelang es, für die Studienfahrten sowohl ein interkulturelles Team deutsch-griechisch-türkischer Herkunft als auch eine interkulturelle Gruppen zusammenzubringen. Die TeilnehmerInnen setzen sich mit der Gegenwartsbedeutung von Geschichte, auch der Geschichte des Nationalsozialismus, in einer erweiterten interkulturellen Perspektive auseinander, indem sie ihre eigenen, vielfältigen Geschichten in der Einwanderungsgesellschaft einbringen. In diesem Ansatz liegt die eigentliche Bedeutung des nun ausgezeichneten Projektes.
Weitere Studienfahrtenangebote für 2010
Auch im Herbst 2010 soll zusammen mit den Kölner PartnerInnen wieder eine historisch-interkulturelle Studienfahrt nach Berlin angeboten werden. Da die Kosten für Fahrt, Unterkunft, ReferentInnenhonorare und Eintrittsgelder die Möglichkeiten der TeilnehmerInnen übersteigen, wird das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld in Höhe von 1.500,00 Euro zur Realisierung dieses Projekts beitragen.
Weitere Informationen bei:
Jutta Weduwen, weduwen(at)asf-ev.de; Eike Stegen, stegen(at)asf-ev.de





