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Eine Tradition bricht ab: die Freiwilligen von ASF, die während ihres Vorbereitungsseminars zwei Tage im Haus der Wannsee-Konferenz verbringen, werden nicht mehr - wie die Freiwilligen-Generationen der vergangenen zehn Jahre - ein Gespräch mit Willi Frohwein erleben dürfen. Am 12. Dezember 2009 starb Willi Frohwein im Alter von 86 Jahren in Berlin.
Willi Frohwein wurde 1923 in Berlin-Spandau als Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen, katholisch getauften Vaters geboren. Ab 1933 war er den immer stärker werdenden antisemitischen Schikanen ausgesetzt, bis er schließlich als junger Mann zwangsweise in der Rüstungsindustrie arbeiten musste. Als ihm Sabotage vorgeworfen wurde, entschloss sich Frohwein zur Flucht in die Schweiz. Die Flucht misslang und hatte die Deportation nach Auschwitz zur Folge. Willi, der in Auschwitz-Monowitz so lange Zwangsarbeit verrichten musste, bis die Bewacher ihn für nicht mehr arbeitsfähig hielten und er mehrfach von Dr. Horst Fischer für den Tod in der Gaskammer selektiert wurde. Willi, der aber jedes Mal wieder vom Lastwagen heruntergeholt wurde, weil seine Mutter Briefe an die Kommandantur geschrieben hatte, in denen sie auf dem „Deutschsein“ ihres Sohnes bestand, was ihm – wie Willi in den Gesprächen immer hervorhob – das Leben rettete. Willi, dessen Leid damit aber nicht beendet war, weil er nach Mittelbau-Dora verschleppt wurde und dort in den Bergstollen arbeiten musste, in denen die V2 -Rakete gebaut wurde. Letztendlich wurde er nach einem weiteren Transport nach Bergen-Belsen im April 1945 von den Engländern befreit.
Zeuge und Zeitzeuge
Es hat lange gedauert, bis Willi Frohwein diese Geschichte erzählen konnte und wollte. In der DDR ist er ab den späten 1960er Jahren als Zeitzeuge aufgetreten. „Überlistet haben sie mich“, meinte er, wenn ihm bei den Gesprächen mit den ASF-Freiwilligen die Frage gestellt wurde, wann er denn angefangen habe, seine Geschichte zu erzählen. Als Zeuge war er im Rahmen des Prozesses gegen Horst Fischer 1966 geladen gewesen und bei dieser Gelegenheit hatte ihn eine Schülerinnengruppe zu einem Gespräch gebeten. Als er den Saal betrat, stand er von mehreren Hundert Gästen, die seine Geschichte hören wollten.
Die Gedenkstätte am Wannsee zu besuchen, hat ihn Mühe gekostet: den Ort, an dem auch sein Schicksal besprochen worden war. Er hat mir später mehrmals erzählt, es sei der Intuition meiner Kollegin Lore Kleiber zu verdanken, dass er das Haus für sich neu definieren konnte. Sie begegnete ihm an der Rezeption, bemerkte seine Unsicherheit und nahm ihn mit in die Bibliothek und die Etage mit den Büros, wo er in den folgenden Monaten Kontakte zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern knüpfte. So hatten wir die Chance, Willi als Freund kennenzulernen, mit dem wir über die Jahre manches Mal in der Cafeteria des Hauses zu Mittag aßen, mit ihm eine Zigarette rauchten und über die Dinge des Lebens sprachen.
Mit Humor und Lebensfreude erzählte er aus seinem Leben
Als er schließlich entschied, sich die Ausstellung anzusehen, hatte er das Haus so sehr zu seinem Ort gemacht, dass er wie selbstverständlich ins Gespräch mit einer Schülergruppe kam, die dort von Christoph Kreutzmüller geführt wurde. Als ASF die Entscheidung fällte, allen Freiwilligen solle im Rahmen des Vorbereitungsseminars die Gelegenheit gegeben werden, ein Gespräch mit einem Zeitzeugen zu führen, war für mich klar, dass Willi dieser Gesprächspartner sein musste. Er mochte diese Gespräche, weil die Freiwilligen seiner Meinung nach eine so gute und wichtige Arbeit machen. Als die Vorbereitungsseminare umstrukturiert wurden und wir gezwungen waren, für das Gespräch 75 Freiwillige in den Seminarraum zu drängen, waren wir nicht sicher, ob dies eine gute Gesprächssituation sei. Willi hat es nicht gestört – im Gegenteil, er mochte den vollen Seminarraum, in dem so viele junge Menschen drei Stunden mucksmäuschenstill seiner Geschichte lauschten…
Er kannte viele der ASF-TeamerInnen und freute sich, wenn die Vorbereitungsseminare ihm auch die Gelegenheit gaben, Sebastian Weber, Eike Stegen und andere wiederzusehen.
Seit vielen Jahren diskutieren wir die Frage, was sein wird, wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sein werden. Ich will hier nicht auf diese Diskussion eingehen – aber dass diese Diskussion häufig nicht zur Sprache bringt, worum es eigentlich geht, ist mir mit dem Tod von Willi Frohwein wieder deutlich geworden. Er ist nicht mehr da, mit seinem Humor und seiner Lebensfreude, seiner Wärme und seiner Freundlichkeit. Er war uns ein Freund, aber darüber hinaus erleichterten diese ihn kennzeichnenden Eigenschaften es, uns mit der Geschichte der im Nationalsozialismus auch an ihm begangenen Verbrechen auseinanderzusetzen.
Die ASF-Freiwilligen formulierten oft im Anschluss an das Gespräch mit ihm, dass sie beeindruckt waren von der Art, seine Geschichte zu erzählen, dass er sie nicht in ein dunkles Loch gestoßen, sondern ihnen immer wieder mit einem kleinen Witz einen Lichtblick mitgegeben hat.
Willi Frohwein starb am 12. Dezember 2009. Er wird uns allen fehlen.
Elke Gryglewski ist Mitarbeiterin der Bildungsabteilung im Haus der Wannseekonferenz und war von 1985 bis 1987 ASF-Freiwillige in Israel und von 2000 bis April 2009 im ASF-Vorstand aktiv.
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