Aktion Sühnezeichen
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Projektbericht Renate Jungmann, Altenheim Bet HaDekel

Gruppe der Freiwilligen im Mittelfristigen Dienst in Israel Frühjahr 2007

 

Drei Monate in Israel

 

Mein Einsatz in Israel begann mit einem dreitägigen Seminar im Beit BenJehuda in Jerusalem. Wir waren 8 Freiwillige im Alter zwischen 18 und 68 Jahren. In diesen ersten drei Tagen lernten wir uns bereits so gut kennen, dass der Abschied und die Abreise zu unseren verschiedenen Einsatzorten fast schwer fiel. Mein Einsatzort lag im Norden Israels, in Westgaliläa, ca. 3 km nördlich von Akko.

Ein bisschen beklommen war mir schon, als ich im strömenden Regen im Kibbuz ankam.

Was würde mich erwarten, würde ich wirklich klarkommen mit diesen so völlig anderen Lebensumständen als in Deutschland, mit der Sprache; würden die Menschen im Altenheim mich überhaupt akzeptieren? Vor mir hatte noch keine Deutsche in diesem Altenheim gearbeitet. Die Bewohner dort stammen fast alle aus Polen und hatten den Holocaust überlebt.

 

Als ich ins Altenheim ging, um mich vorzustellen, sah ich am Eingang eine große Tafel hängen, auf der etwas eingraviert war. Im Vorbeigehen las ich nur die letzten beiden Worte,

„against Germany“, was meine Befürchtungen nicht gerade zerstreute. (Später las ich dann genauer, was auf der Tafel stand: „The improvements to the nursing unit were made possible with the help on the grant from the Conference on Jewish Material claims against Germany“).

Aber in diesem Moment trugen die letzten beiden Worte wirklich nicht zu meiner Ermutigung bei.

Und dann – welche Wärme und Herzlichkeit empfingen mich! Als wäre ich ein lange vermisstes Mitglied der Familie. Nichts von Ablehnung oder Argwohn. Meine Chefin, Dvora, empfing mich mit offenen Armen und stellte mich allen vor. Und jede der Bewohnerinnen und auch meine Kollegen begegneten mir mit Freundlichkeit und wohl auch einer Spur Neugier, was diese Deutsche hergetrieben hatte und was man von ihr wohl zu erwarten hätte…

Bet Hadekel ist ein ganz kleines Altenheim mit nur 16 Bewohnern, die fast alle aus dem Kibbuz stammen und zum Teil dort sogar noch ihre Wohnungen haben, in die sie gelegentlich - mit Begleitung – gehen. Und meine Kolleginnen und Kollegen dort sind eine bunt gemischte Truppe. Jüdische Israelis, arabische Israelis (sowohl christlichen als auch moslemischen Glaubens), und Einwanderer aus Russland, auch sie zum Teil jüdischen, zum Teil christlichen Glaubens. In diesem kleinen Mikrokosmos funktioniert das alles wunderbar, es ist wie in einer große Familie. Allerdings ergab sich für mich ein kleines Problem: Ausser Dvora, der Managerin, sprach niemand Englisch, geschweige denn Deutsch. Ich hatte also auf meine mageren Hebräischkenntnisse zurückzugreifen. Im Dienstplan standen nur die Konsonanten meines Namens, Rnth, was dazu führte, dass alle mich Renetah nannten. Am Anfang versuchte ich noch ab und zu, das richtigzustellen, aber dann gab ich es auf und hatte mich schnell an meinen neuen Namen gewöhnt.

 

Ich bekam meinen ersten Dienstplan. Eine Kollegin war für mehrere Monate erkrankt und ich hatte ihren Platz einzunehmen, was bedeutete, dass ich voll in den Pflegedienst integriert war. Am anderen Morgen um sechs Uhr begann mein erster Dienst. Ich wusste ja, dass die Menschen dort Überlebende des Holocaust waren, aber als ich der ersten Bewohnerin

dort beim Anziehen half und die blaue Nummer auf dem Arm sah, schnürte es mir den Hals zu. Hadassah, diese Frau, hatte Auschwitz überlebt. Und gerade sie brachte mir so viel Liebe und Zuneigung entgegen in den nächsten Monaten und weinte bitterlich, als es am Ende meiner Zeit dort ans Abschiednehmen ging. Oder Moshe, der seine gesamte Familie in der Shoa verloren hat und der einsamste Mensch ist, der mir jemals begegnete. Er sprach so gut wie nie und sass immer allein an seinem Tisch, man hatte oft den Eindruck, dass er am Geschehen in seiner Umgebung oder an den Menschen um ihn herum überhaupt keinen Anteil nahm. Eines Morgens, als ich ihm beim Duschen und Anziehen half, summte ich das Jerusalem-Lied vor mich hin, „Jerushalaim shel zahav...“ Plötzlich begann er zu weinen und sagte in klarem Deutsch: „Dass jemals eine Deutsche dieses Lied singt, hätte ich nie geglaubt.“ Von da an drehte er sich oft zu uns um, wenn ich mit den anderen Bewohnern jiddisch sprach, und hörte zu. Und als ich einmal einen freien Tag hatte und nicht erschien, fragte er die anderen, wo ich denn sei. Dvora sagte, das sei das erste Mal gewesen, dass er überhaupt an etwas Interesse gezeigt hat. Später zeigte er mir dann seine Fotos, und dabei weinte und weinte er. Immer wieder zeigte er auf einen langen Zug Menschen, der sich aus einem Ort herausbewegt, und sagte „Transport, Transport…“ Ihm gelang die Flucht aus einem Lager, aber seine ganze Familie wurde ermordet. Nach dem Krieg war Moshe mehr als ein Jahr auf Zypern interniert, bevor er endlich nach Israel kam. Das Trauma des Holocaust saß bei ihm so tief, dass er nie den Versuch machte, eine Familie zu gründen.

 

Meine rudimentären Sprachkenntnisse – ich hatte vor Jahren mal einen Sprachkurs in Hebräisch gemacht – waren manchmal etwas problematisch. Manchmal fragte ich Abke, einen Bewohner, der Deutsch und Jiddisch sprach, nach einem Wort. Und dann, immer öfter, kamen die Antworten von überall her aus dem Aufenthaltsraum, und es stellte sich heraus, dass alle Bewohner Jiddisch oder Deutsch konnten. Und es war bewegend zu sehen, wie sie plötzlich untereinander auf Jiddisch zu kommunizieren begannen. Oft genug sorgte ich allerdings auch unfreiwillig für Lachsalven, wenn ich Wörter verwechselte. Als ich aus „Chitul“ (Windel) „Chatul“ (Katze) machte, oder als ich meinen Kollegen erklären wollte, dass ich im Osten (Misrach) Deutschlands wohnen und daraus „Midbach“ (Küche) machte.. Darauf konnten sie sich überhaupt keinen Reim machen, bis mir Abke aus der Patsche half.

Und wir lachten alle zusammen.

Ein besonderes Erlebnis war es auch, den jüdischen Glauben mit seinen Sitten und Gebräuchen kennenzulernen. Den Shabat zu feiern und die verschiedenen Feste, von denen mir vor allem Pessach unvergesslich bleiben wird.

Aber das Wichtigste und Bewegendste war immer wieder die Begegnung mit den Bewohnern, die mir so ans Herz gewachsen waren – und ich wohl auch ihnen – dass beim Abschied die Tränen auf beiden Seiten wirklich in Strömen flossen.

 

Jeder der Bewohner dort hat Furchtbares durchmachen müssen, Leid, das ihnen von Deutschen angetan wurde. Aber nie haben sie mich Ablehnung spüren lassen. Und vielleicht hat es ihnen gut getan, dass da eine Deutsche kam, die ihnen – manchmal oft buchstäblich – auf Knien diente. Mir hat es auf alle Fälle gut getan.

Ich bin Altenpflegerin, auch in meinem „normalen“ Leben. Zu Hause diene ich den Tätern oder Mitläufern. Einer meiner Bewohner dort hat ein Foto auf dem Nachttisch stehen, dass ihn mit Naziuniform zeigt. Es würde mir nie in den Sinn kommen, einen Unterschied in der Behandlung der Menschen zu machen. Hier wie dort sind es – Menschen.

Aber als ich meinen Dienst in Israel tat, habe ich anders gefühlt. In die Zuneigung und Liebe dort mischte sich auch Ehrfurcht vor dem Leid, das sie durchlitten haben, Leid, das ihnen von meinem Volk angetan wurde. Für die Überlebenden der Shoa wird diese Zeit nie nur Vergangenheit sein, sondern immer auch Gegenwart. Gegenwart in einer Nummer auf dem Arm, in schrecklichen Erinnerungen, im Nichtvorhandensein von Angehörigen.

 

Ich bin so dankbar für diese drei Monate, die einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen haben.

Dankbar, dass ASF so etwas auch für Menschen der etwas älteren Generation möglich macht.

Die Gruppe, mit der ich gekommen war, war wirklich bunt gemixt, sowohl altersmäßig als auch, was Anschauungen, Berufe, den Lebensstil betraf. Wir waren nur kurze Zeit zusammen, zweimal drei Tage in Jerusalem, aber wir waren über Email in Kontakt und haben uns während der ganzen Zeit doch als Gruppe gefühlt. Und zu sehen, wie „innerlich jung“ gerade unser ältester Freiwilliger war, war wirklich eine Freude.

Die Seminare waren inhaltsreich, abwechslungsreich, informativ, bewegend. Manchmal war man wirklich in einem emotionalen Wechselbad der Gefühle. Gespräche mit Zeitzeugen, Journalisten, die Besuche in Jad VaShem, dann wieder die Fahrt nach Ramallah und der Besuch eines palästinensischen Flüchtlingslagers. Jeder Tag der Seminare war sehr intensiv und emotional. Keinen von ihnen hätte ich missen wollen.

Dank auch besonders an Katharina von Münster, die alles so wunderbar organisiert hat, immer wieder Emails geschickt hat mit aktuellen Veranstaltungen, und im Hintergrund immer für uns da war.

 

Wir waren wohl alle voller Erwartungen und auch Befürchtungen, als wir zum ersten Mal zusammensaßen im Bet Ben Yehuda. Bunt gemischt, was Alter und Herkunft anging, verband uns aber eines: Etwas tun zu wollen für die Versöhnung zwischen Juden und Deutschen, eben ein Zeichen zu setzen.

 

Wir – das waren Dirk Baumann und Katharina Gotzler aus Berlin, beide Politikstudenten;

Lousia Schimanski aus Mönchengladbach, die unlängst ihr Abitur hinter sich hatte; Karl Bernhardt aus Kiel, 68 Jahre alt und pensionierter Berufsschullehrer; Erdmute Eisner, Pastorin im Ruhestand aus Schleswig und vor 37 Jahren schon mal ein Jahr für ASF in Israel; Cornelie Hensel, Mitte 50,Lehrerin aus Heidelberg; Gitta Brodersen, Mitte 40, Pädagogin für behinderte Kinder aus Hamburg und ich, Renate Jungmann, Altenpflegerin aus Limbach-Oberfrohna, auch so Anfang 40. Unser Programm wurde gefördert durch „Internationale Freiwilligendienste in unterschiedlichen Lebensphasen“ (IFL).

Am Nachmittag des 31. Januar, als alle angekommen und die Zimmer verteilt waren, machten wir uns nach einer kurzen Vorstellungsrunde gemeinsam auf den Weg zum Einkaufen. Ein gemeinsamer Einkauf verbindet, und lässt nebenbei manchen Blick in die Tiefen des Charakters anderer zu. Danach machte sich die „Küchenbrigade“ ans Kochen. Für die drei Tage unseres Zusammenseins war jeden Tag jemand anderes dran mit dem Küchendienst. Auch das gemeinsame Werkeln in der Küche war für das Kennenlernen sehr förderlich. Wenn man gemeinsam kocht oder andere „simple“ Dinge tut, schwinden Berührungsängste sehr viel schneller, als wenn man sich nur gegenübersitzt.

Wir hatten nur diese drei Tage, und es war doch genug Zeit, als Gruppe zusammenzuwachsen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln, das auch nach unserer „Zerstreuung“ über das ganze Land anhielt. Das lag zum einen an den vielen gemeinsamen Erlebnissen, die wir hatten. Sei es der Besuch in Yad VaShem, der Gang durch die Altstadt, die Einladung an den Freundeskreis von ASF, der Besuch von Zeitzeugen, die Teilnahme am Gottesdienst in einer Reformsynagoge und viele andere Dinge, die wir gemeinsam erlebten. Zum anderen war es aber auch die Offenheit in der Gruppe. Man sagte sich, wenn man mit etwas nicht einverstanden war. Einige der Älteren mussten – zum Teil – erst lernen, dass man auch die ganz Jungen aussprechen lässt, dass sie dieselbe Stellung in der Gruppe haben wie die Älteren.

Eine Belastungsprobe war, dass wir während des dreitägigen Seminars praktisch keine Möglichkeit des Rückzugs hatten. Einige aus unserer Gruppe leben schon seit Jahren allein und waren es nicht gewohnt, ständig in Gesellschaft zu sein. Wir waren von 8-22 Uhr zusammen, und auch danach war man nicht allein, da wir alle in Zwei- oder Dreibettzimmern untergebracht waren. Aber auch das war letztendlich keine Hürde. Wir steckten die „Schnarcher“ zusammen in ein Zimmer, der Rest verteilte sich auf die anderen Räume. Und die Gespräche vorm Einschlafen empfand ich als Bereicherung. Ich bin sicher, dass auch die anderen gut mit der Situation umgehen konnten.

Der Abschied am Morgen des 4. Februar fiel wirklich schwer! Es war ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entstanden. Und in Gedanken und per Email waren wir in Kontakt bis zu unserem zweiten Treffen Ende März.

 

Das Wiedersehen war eine Freude! Wir hatten uns so viel zu erzählen, und die Stimmung war viel gelöster als beim ersten Treffen, da wir ja nun schon „gestandene Leute“ an unseren Einsatzorten waren und der Kontakt mit den vielen verschiedenen Menschen und die Arbeit dort uns einfach offener gemacht hatte. Leider war Karl, unser Senior, sehr krank während dieses Seminars und musste fast bis zum letzten Tag das Bett hüten. Es war rührend zu sehen, wie gerade die jungen Leute sich um ihn kümmerten!

Auch dieses zweite Seminar war angefüllt mit Programm bis zur letzten Minute, aber wir alle waren uns einig, dass wir nicht einen Moment hätten missen wollen. Besonders das Treffen mit Jehuda Bacon, Überlebendem von Auschwitz und Zeugen im Eichmann-Prozess, wird uns allen unvergesslich bleiben. Ein Mensch so voller Güte und Wärme, trotz der schrecklichen Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugend. Auch der Besuch im Flüchtlingslager Al-Amari war bewegend. Und der Besuch von Inge Günter, Nahostkorrespondentin der Frankfurter Rundschau, gab uns viele Einblicke in den Nahostkonflikt. Es ging mit unseren Emotionen immer hin und her, man konnte manchmal gar nicht so schnell „umschalten“ bei dem Programm voller unterschiedlicher Inhalte – aber ich kann es nur wiederholen, wir hätten nichts davon missen wollen. Die jungen Leute – Katharina, Lousia und Dirk, beschlossen, die angesammelte Spannung in einer durchtanzten Nacht loszuwerden, und sie schleppten mich „Alte“ mit. Ich habe es genossen, wohl zum ersten Mal seit 20 Jahren in einer Diskothek zu tanzen, wir waren morgens um vier wieder im BBY…

 

Das zweite Treffen war völlig frei von Spannungen zwischen uns, wie sie beim ersten Seminar manchmal angeklungen waren. Unsere Arbeit, die neuen Erfahrungen und Eindrücke hatten uns viel offener gemacht und wohl auch hellhöriger für die Befindlichkeiten anderer.

Beim Abschied versprachen wir uns, in Kontakt zu bleiben.

 

Ich kann wirklich nur jedem wünschen, egal welchen Alters, eine solche Erfahrung zu machen. Sie ist eine Bereicherung, ein Geschenk für das Leben, für jeden aus unserer Gruppe. Zu lernen, sich auf andere einzustellen, zuzuhören, zu akzeptieren – ganz gleich, wie gross der Altersunterschied ist. Wenn man immer nur mit Menschen der eigenen Generation zusammen ist, neigt man wohl sehr dazu, zu erstarren, im eigenen Saft zu schmoren. Die Gedanken der ganz Jungen und etwas Älteren kennenzulernen, ihr Lebensgefühl, ihre Absichten zu erpüren, kann frischen Wind in die eigenen, manchmal festgefahrenen Vorstellungen bringen.

Neben all den Erfahrungen, die die Arbeit im Altenheim „Bet HaDekel“ mit sich brachte, bin ich dafür besonders dankbar.

 

Ich würde mir wünschen, dass noch viele Menschen die Möglichkeit bekommen, diesen Friedensdienst zu tun. Es wird nur noch für eine begrenzte Zeit Menschen geben, die vom Holocaust so unmittelbar betroffen waren. Aber auch für die Kinder und Kindeskinder der Opfer ist dieser Friedensdienst von großer Bedeutung. Ich habe das immer wieder gemerkt, wenn die Kinder und Enkel „meiner“ Bewohner sich bei mir für meinen Dienst bedankt haben.

 

Diese Monate in Israel waren eine reiche, emotionale, unvergessliche Zeit.

Dank an ASF, die das ermöglicht hat!

 

Renate Jungmann




»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«

Erika Brooks, ASF-Freiwillige aus den USA in Berlin