40 Years Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel
Anniversary Brochure, October 2001
AVITAL BEN CHORIN, friends of ASF in Israel

Es war vor vierzig Jahren

An einem spätsommerlichen Jerusalemer Nachmittag machte der erste Leiter der Aktion Sühnezeichen im Lande, Pfarrer Otto Schenk, damals Diakon, einen Antrittsbesuch bei meinem lieben Mann. Mit den Gründern der Aktion in Berlin hatte mein Mann engen Kontakt und plante mit ihnen gemeinsam. So stand er mit an der Wiege der Aktion Sühnezeichen.

Bevor ich das Haus verlassen musste, kredenzte ich den beiden Herren einen türkischen Kaffee. Als ich zurückkam, spürte ich die Erwartung im Raum. Es war nämlich folgendes geschehen: Otto Schenk erzählte von den Plänen der Arbeit der Aktion Sühnezeichen im Lande und zum Schluss fragte mein Mann, woher er denn käme. "Ich komme aus Berlin, meine Familie lebt in Wolfenbüttel, geboren bin ich aber in Eisenach." "In Eisenach?" "Ja, in Eisenach, mein Grossvater war dort Forstmeister." Daraufhin mein Mann: "Forstmeister Brehme?" Diese Frage warf Otto fast um. Schalom Ben-Chorin in Jerusalem weiss, wie der Forstmeister in Eisenach hiess? Er stotterte: "Nein, nein, mein Grossvater war der Nachfolger von Forstmeister Brehme." "Und wo sind Sie da geboren?" Antwort: "Im Forsthaus, Schmelzerstrasse zwölf."
Unvorstellbar! Wie kam es, dass mein Mann Name und Adresse in Eisenach wusste? Ich selbst wohnte im Familienhaus Schmelzerstrasse vierzehn und erzählte oft von der guten Nachbarschaft mit dem Forsthaus, dessen Garten an unseren grenzte, und der Freundschaft des Forstmeisters mit meinem Grossvater, dem Sanitätsrat Dr. Fackenheim. Jeden Samstagabend holte Herr Brehme seinen Nachbarn ab, rief vom Hauseingang laut (er war etwas schwerhörig): "Herr Rat!" und dann gingen die beiden fürbass zum nahen Lutherkeller im Lutherhaus, um dort Doppelkopf zu spielen. Allerdings wurde dieses Spiel recht von Hilferufen der Patienten des Arztes unterbrochen. Noch immer sehe ich die beiden älteren Herren auf der Strasse. In diesem gemeinsamen Gang drückte sich für mich eine echte deutsch-jüdische Nachbarschaft aus, die leider sehr bald darauf zerstört werden sollte. Oft sprach ich davon, und mein Mann kannte daher Namen und Lokalität.
Otto Schenk wurde im Jahre 1936 in diesem Nachbarhaus geboren, im gleichen Jahr, in dem ich selbst Deutschland verlassen musste. Nun aber kam das Kind aus dem Nachbarhaus nach fünfundzwanzig Jahren als Aktion Sühnezeichen nach Israel.
Symbolischer hätte es nicht sein können!

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