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Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus
»Ein Schatz in irdenen Gefäßen«, 2. Kor 4,6-10
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste widmet diese Predigthilfe anlässlich des 27. Januars, des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus, den Opfern einer hybriden Selbstermächtigung. Das nationalsozialistische Regime, im Konkreten die MitarbeiterInnen des Reichssicherheitshauptamtes wurden zu Herrschern über Leben und Tod von vermeintlich oder tatsächlich »nicht gesunden« sowie beeinträchtigten Menschen. Ein Großteil der deutschen Bevölkerung und zunächst auch die Mehrheit der kirchlich Gebundenen sahen dabei tatenlos zu; viele befür worteten dieses Mord programm.
Am 25. Oktober 2007 wurde eine Bushaltestelle zum Gedenken an die Ermordung von Menschen mit Beeinträchtigungen vor der Philharmonie in Berlin-Tiergarten der Öffentlichkeit übergeben. Das Denkmal wurde von der Hans Wall AG errichtet, von Ronnie Golz gestaltet und von ASF inhaltlich verantwortet. An der Stelle, wo das Denkmal jetzt steht, stand das Haus Tiergartenstraße 4 (T4), die Zentrale der »Euthanasiemorde«, deren AkteurInnen sich später nahtlos einfügten bei der Ermordung der europäischen Juden. Andreas Nachama beschreibt den Ort und die späten Bemühungen um ein angemessenes Gedenken an diesem Ort im Zentrum Berlins in seinem Artikel. Die Ausführung der eindrücklichen Idee, direkt vor dem prominenten Standort Philharmonie eine Bushaltestelle so umzugestalten, dass die Texte die Erinnerung an eine verdrängte NS-Opfergruppe sozusagen direkt in den kulturellen Alltag hineinstellen, stieß jedoch auch auf harsche inhaltliche Kritik. Denn eine der »Euthanasie«-Opfergruppen wurde auf den Texttafeln, die ASF vorher durch viele Hände und Köpfe hatte gehen lassen, mit dem Begriff »psychisch Kranke« bezeichnet. Jenseits der Frage, ob es nicht auch psychische Krankheiten gibt, ist es klar, dass die Nazis Krankheiten diagnostizierten, wo es keine gab, und Menschen als »krank« und deshalb als »lebensunwert« definierten, wo Carmen Würth in ihrem Geleitwort »Respekt vor Gottes Schöpfung zu leben« fordert. So hätten hier wie andernorts Anführungsstriche bei der Bezeichnung »psychisch Kranke« stehen müssen, um deutlich zu machen, wie der Missbrauch der Nazi-Ärzteschaft mit Todesfolge im Dienst des Nationalsozialismus stattfand. Gleichzeitig verweist die Auseinandersetzung um die Texttafeln auf die Frage, die uns im Kontext dieser Predigthilfe auch in vielen Texten beschäftigt: Was ist denn »gesund«?
Seit 1945 sind die Fragen nach lebenswertem Leben, Gesundheit und Normalität natürlich nicht aus der Welt verschwunden und sogar, wie Ulrich Eibach zeigt, in gespenstischer Weise in der Debatte um das sogenannte Recht auf Selbsttötung als Teil des Selbstbestimmungsrechtes implizit und explizit sehr lebendig. Biblisch ist das Kriterium Autonomie, das »Über-sich-selbst-bestimmen-können«, mindestens nicht das Kriterium für Geschöpflichkeit. Das immer wieder pointierte »Herr-über-sich-selbst-Sein« als Kriterium des Menschseins führt wie selbstverständlich zu Kategorien wie »lebensunwert« und weist damit auch über den Kasus »Selbsttötung« hinaus.
2. Kor 4,6-10 ist der Predigtext für den 24. Januar und wir empfanden die Rede von dem Schatz in den irdenen Gefäßen wie auch vom Tragen der Zeichen des Sterbens Jesu an unserem Leib als eine große Herausforderung für die Beschäftigung mit der Situation von Menschen mit Beeinträchtigungen, die landläufig »Behinderte« genannt werden. Lorenz Wilkens versteht den Text als Betonung und Ermutigung unserer jeweiligen Besonderheit, die durch die Besonderheit Jesu und das Leuchten der Herrlichkeit Gottes in seinem Antlitz auf uns übergeht. So zeigt sich in jedem Gesicht das Echo der Liebe Gottes. Und wie in der Lebenserfahrung von Lorenz Wilkens besonders unverstellt deutlich wird, in Menschen mit Beeinträchtigungen. Diese Würde im Gesicht jedes Menschen ist gerade wegen ihrer Zerbrechlichkeit so nachdrücklich. Diesen Gedanken aus Helmut Ruppels Paraphrase eines christlich-jüdischen Gesprächs zwischen Edna Brocke und Gerhard Bauer nimmt Anne Gidion in ihrer Predigtmeditation anders auf. Von der bewegenden Geschichte von Wilhelm R., einem Bewohner der Stiftung Alsterdorf in Hamburg zur Nazizeit, die eine Geschichte eben jener aktiven Verweigerung ist, die Würde im Gesicht jedes Menschen zu sehen und dies zu leben, kommt sie im Gespräch mit dem 2. Kor. auf die Zerbrechlichkeit unserer Bilder von »Behinderung« und »Normalität«.
Das weist uns auf den Grund: nicht nur den Grund unserer Existenz, sondern auch auf den Grund unserer eigenen zerbrechlichen Kategorien. Dieses Thema ist nicht eines, wie übrigens die wenigsten, bei dem wir mit dem Finger auf die anderen zeigen können. Wir haben bei der Erstellung dieser Predighilfe sehr wohl gemerkt, dass der Grund unter unseren Füßen schwankend wird. Wir müssen uns weiter um die Unantastbarkeit der Menschen würde bemühen und für sie streiten und sind trotz und wegen unserer kirchlichen Geschichte mit diesem Thema der Absonderung von »Anderen« uns bewusst, dass wir das als Zerbrechliche tun, die selbst immer Teil des Problems sind. Der schwankende Grund in diesem Thema »Was heißt schon normal?« wird unterstrichen durch die von Ingrid Schmidt ausgesuchten und kommentierten Fotos der von Leonid Lewin entworfenen Gedenkstätten Chatyn aus Belarus, einem Künstler, der Architektur als Gratwanderung versteht zwischen Gedächtnis und Gegenwart. Das ist zu sehen. Wie immer schließen sich Materialien und Freiwilligenberichte für die Gemeinden, für Ihre konkrete Arbeit an.
Wir hoffen, dass Sie helfen können, in den Gemeinden im Gottesdienst und in Bibelstunden, Konfirmandenunterricht oder eigenen Veranstaltungen etwas von dem Ernst und der großen Relevanz der Schöpfungstheologie und der damit verbundenen Zerbrechlichkeit, die uns im 2. Korintherbrief als christologische Kategorie wieder begegnet, zu besprechen und wie Carmen Würth sagt, zu leben. Die Freiwilligen von ASF versuchen dies zu tun. Das Redaktionsteam und die AutorInnen versuchen diese Erfahrungen des Lebens zum Sprechen zu bringen. Allen ist mehr als herzlich zu danken für diesen entschiedenen, werbenden und doch auch demütigen Eintrag auf dem Weg der wirklichen Unantastbarkeit der Menschenwürde. Mit diesem Dank grüße ich Sie und euch mit den besten Wünschen für inspirierende Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen.
Christian Staffa
Inhalt
4 Vorwort, Christian Staffa
5 Geleitwort, Carmen Würth
I »Schatz in irdenen Gefäßen«
10 »Denkt immer daran: Wir haben das Leben und unsere Heimat und euch geliebt« – Gedenkstätte Chatyn in Belarus (Weißrussland), Ingrid Schmidt
15 Die Würde Gottes auf dem menschlichen Gesicht – zu 2. Kor 4,6-10, Lorenz Wilkens
19 »Ist für euch Christen mit ihm und durch ihn die Erlösung gekommen? …« Erinnerung an einen »jüdisch-christlichen Dialog zur Bibel« über 2. Kor 4,6-10 auf dem Kirchentag 1981 in Hamburg zwischen Edna Brocke und Gerhard Bauer, Helmut Ruppel
22 Wir tragen den Schatz in irdenen Gefäßen« Predigtmeditation zu 2. Kor 4,6-10, Anne Gidion
29 Liturgieentwurf zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am letzten Sonntag nach Epiphanias 2010, Helmut Ruppel
II Menschen mit Beeinträchtigungen
36 »Aktion T4«: Ein Gedenkort in Berlin, Andreas Nachama
42 Unterrichtsmaterialien »Geschichte betrifft uns«: Medizin ohne Ethik
43 »Wer lässt manche stumm oder taub, sehend oder blind sein? Bin nicht ich es, ICH-BIN-DA?« (Ex 4,11) - Erkundungen in einem unübersichtlichen Feld, Helmut Ruppel
48 Brief von Franz Rosenzweig an seine Schwester
51 War die Würde des Menschen unantastbar? – Zur Diskussion über Menschenwürde im Kontext der »Euthanasie«-Debatte, Ulrich Eibach
57 »Axels Geburtstag. Verrückungen« Theaterensemble des Vereins Spastikerhilfe Berlin e. V., Christine Vogt
61 Architektur als Gratwanderung Leonid Lewin – ein Werk als Brücke von Gedächtnis und Gegenwart, Ingrid Schmidt
III Materialien für die Gemeinde - Ingrid Schmidt und Helmut Ruppel
64 »Holocaust – Was damals geschah« / »Simpel« / »Rico, Oskar und der Tiefer schatten« / »Wo fahren wir hin, Papa?« / »ausgesteuert – ausgegrenzt … angeblich asozial« / Wissen – nützlich, ergiebig und erschwinglich
IV ASF-Freiwillige berichten aus ihrer Arbeit
72 »Das College für besondere Humanisten« - Als ASF-Freiwillige im »Heilpädagogischen Zentrum« in Moskau, Juliane Linke
76 »Wir wollen leben wie normale Leute« - Als ASF-Freiwillige im Novinki, Heim für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in Minsk, Marei Adam
80 Ein Dank den Freiwilligen, Sascha Kolesaw
83 Ein Bindeglied zwischen den Generationen - Als ASF-Freiwilliger im Holocaust Center of Greater Pittsburgh, Michael Lauterbach
86 »Shalom, Emily« - Als ASF-Freiwilllige in der »Max Rayne Hand in Hand Schule« in Jerusalem, Emilie Körber
89 Kollektenbitte für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
90 AutorInnen und Fotonachweise






