Gedenken und Gestalten - Predigthilfe zum 27. Januar 2004: Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (Röm 1,16-17)
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Liebe Leserinnen und Leser,
der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 steht für das Ende der Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft. Er ist ein Tag der Befreiung und Erleichterung, aber vor allem für die Nachfahren/-innen der Täter/-innen auch ein Tag, der uns in unserem Alltag einen Moment innehalten lässt, um uns ernsthaft unserer Geschichte zuzuwenden, sie nicht zu vergessen und zu verdrängen.
Einen (Gedenk-)Gottesdienst am Sonntag vor dem 27. Januar zu feiern, bedeutet, den für die Predigt vorgesehen Bibeltext, die berühmte und gewichtige Stelle aus Röm 1,16f., in diesen Kontext zu stellen und ihm so eine neue Aussagekraft zu verleihen. Prof. Peter von der Osten-Sacken macht auf eindrückliche Weise deutlich, dass die Rede von der Rettung durch den Glauben an das Evangelium heute nicht mehr ungebrochen gehört werden kann. Denn statt für die Rettung der Juden sei in Deutschland zwischen 1933 und 1945 für den Führer gebetet worden. Unsere Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit, die 1945 hervor trat, bleibe Teil unserer Geschichte, und jede Generation müsse sich dem neu und auf ihre Weise stellen. Rettung sei etwas, auf das wir hoffen dürfen, kein Besitzstand, den wir beanspruchen könnten, so sehe es schon der Apostel Paulus.
Harry Wassmann reflektiert in der Predigtmeditation die abnehmende Hörbereitschaft in Deutschland, wenn es um die Geschichte des Nationalsozialismus geht und zeigt am Beispiel des Paulus die positive Funktion auf, die Scham über die eigene Geschichte haben kann ("Ich schäme mich des Evangeliums nicht"). Die Vorschläge zur Liturgie eröffnen einerseits die Möglichkeit, das Thema des Gedenkens in den Charakter und Ablauf des dritten Sonntags nach Epiphanias einzubetten (Harry Wassmann) oder andererseits den Sonntagsgottesdienst als einen Gendekgottesdienst zu Begehen (Irene Pabst).
In einem weiteren thematischen Teil geht es um die Bedeutung der Erinnerung an die Schoa im Dialog zwischen den Generationen. Dieser Dialog gewinnt umso mehr an Bedeutung, als die Generation der Zeitzeugen/-innen bald nicht mehr unter uns sein wird. Die Frage, wie dem Anliegen des Wachhaltens der Vergangenheit im Sinne der Eröffnung einer Zukunft ohne Antisemitismus, Antijudaismus und anderen Formen rassistischer Diskriminierung gedient werden kann, wird hier ganz unterschiedlich beantwortet.
Die unterschiedlichen Antworten spiegeln widevon Christian Staffar, dass es auf diese Frage keine einfache Antwort gibt. So betonen Franz von Hammerstein, die Schoa-Überlebende Zofia Pohorecka und Avital Ben-Chorin die existentielle Wichtigkeit des Erinnerns, damit sich Auschwitz nicht wiederholt. Letztere warnt auch vor der Gefahr einer Relativierung der Schoa mit Verweis auf den zeitlichen Abstand. Die Sozialwissenschaftlerin Nina Leonhard hat in ihrer Dissertation die Erinnerung 4 an die NS-Zeit im Verlauf von drei Generationen untersucht. Sie zeigt, dass der Zugang über die jeweils eigenen Familiengeschichten in der jüngeren Generation nachlässt und stärker über die gesellschaftliche Vermittlung, wie z.B. in Schulen, stattfindet. Der Verankerung von Erinnerung im öffentlichen Leben, wie z.B. auch durch Gedenkgottesdienste, kommt damit eine zunehmend wichtigere Bedeutung zu. In den Beiträgen von Freyja Eberding und Johannes Gockeler wird betont, dass die persönliche Begegnung mit den überlebenden der Schoa und ihren Nachkommen unersetzbar ist. Sie verändern die Wahrnehmung der eigenen Geschichte und die eigene Position dazu nachhaltig.
über diese Erfahrung bei ihrer praktischen Arbeit berichten die Freiwilligen von ASF immer wieder. Sie setzen sich dabei auch intensiv mit der Bedeutung und Ausrichtung ihrer Versöhnungs- und Friedensarbeit in unserer Gesellschaft auseinander. Die Berichte im dritten Teil der Predigthilfe geben davon einen Eindruck.
Wir möchten mit dieser Predigthilfe zum Gespräch zwischen den Generationen, im Gottesdienst, in der Gemeinde und anderswo beitragen. Dass dieses Gespräch nie aufhört, immer wieder Anregungen durch neues Fragen erfährt, so dass ein lebenslanger Lernprozess in Gang gesetzt wird, wie Iris Berben in ihrem Geleitwort schreibt, ist die Aufgabe von uns allen, von jedem Einzelnen und jeder Einzelner an seinem Ort, in ihrem Alltag.
In diesem Sinne und mit herzlichem Dank an alle Autoren/-innen dieser Predigthilfe sowie mit guten Wünschen für das Wagnis eines (Gedenk-)Gottesdienstes grüßen wir Sie herzlich
Dr. Christian Staffa (Geschäftsführer von ASF) und Irene Pabst (verantwortlich für die Redaktion)
Inhaltsverzeichnis
Vorwort, Dr. Christian Staffa
Geleitwort, Iris Berben
I. Gedenken und Gestalten (Röm 1,16-17)
"Denn es ist Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der glaubt" Exegese der paulinischen Sätze über das Evangelium in Röm 1,16f., Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken
Die Scham ist vorbei ...? Predigtmeditation zu Röm 1,16f. und Liturgievorschläge für den dritten Sonntag nach Epiphanias am 25. Januar 2004, Harry Wassmann
Liturgische Bausteine für einen Gedenkgottesdienst zum 27. Januar, Irene Pabst
II. Die Schoa im Dialog zwischen den Generationen
Es ist mir nie gelungen, meine Dankbarkeit auszudrücken ..., Zofia Pohorecka
"In jenen Tagen wird man nicht mehr sagen ...", Avital Ben-Chorin
"Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel", Dr. Franz von Hammerstein
Erzähl mir deine Geschichte, Freyja Eberding
Die Erinnerung an die NS-Zeit im Verlauf von drei Generationen, Dr. Nina Leonhard
Zwischen Dankbarkeit und Beklemmung - Mein Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Johannes Gockeler
III. Zeichen der Versöhnung setzen - Freiwillige von ASF berichten
Der Zweite Weltkrieg ist Vergangenheit In der Normandie ist keine Sühne gefragt, aber Zuhören, Grit Keller
Deutscher? Inder? Sühnezeichen?! Ansichten eines Berliners, Benjamin Muguluvila George
Sühne als Beitrag zur Völkerverständigung Wir sollten mit Verantwortung an die Zukunft denken, Artur Brzozowski
Nicht wie die Schafe zur Schlachtbank In Mechelen wird der jüdische Widerstand dokumentiert, Sebastian Juhnke
Die letzten überlebenden der Schoa, Juliane Leinker
"Ja schiwu!" - "Ich lebe!", Martin Peter Müller
Auf den Spuren der Vergangenheit in Buchenwald, Sabine Falke/Elisa Mileta
Kollektenbitte
Info über ASF
Die Predigthilfe zum Herunterladen
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