Aktion Sühnezeichen
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zeichen 04/9


Liebe Leserin, lieber Leser,

 

der 9. November steht für ein sehr komplexes deutsches Datum, das die Freude über die »friedliche Revolution 1989« sowie über eine etwas weniger gewaltfreie, aber von den Revolutionären aus immerhin erstaunlich friedliche Revolution von 1918, und ein Höchstmaß an Gewaltförmigkeit im Gedenken vereint. Darüber hinaus bieten die Jahreszahlen 1939 und 1989 auch noch zusätzliche Komplexität, weil der deutsche Überfall auf Polen nicht zu trennen ist von der Mauer und ihrem Fall. Darüber haben wir im letzten zeichen nachgedacht. In diesem zeichen wollen wir mit ASF-Stimmen beginnen und damit auf das hören, was im Moment des Mauerfalls in unterschiedlichen Lebensgeschichten an ganz verschiedenen Orten passierte und wie die Öffnung der Grenzen die Lebensgeschichten und -wege beeinflusste.

 

Hansjakob Ziemer, der erste ASF-Freiwillige aus der ehemaligen DDR, der 1991 aus Leipzig zu seinem Friedensdienst nach Amsterdam aufbrach, beschreibt eindrücklich »das Glück, ein Leben mit Handlungsoptionen« leben zu können – und die Ambivalenzen, die mit den daraus resultierenden neuen Begegnungen verbunden waren. Ulrich Tempel erinnert daran, dass Aktion Sühnezeichen in der DDR zu denjenigen gehörte, die durch Beharrlichkeit, »Mut zum Ausprobieren« und unerschütterlichen Glauben den Boden bereiteten für die Öffnung der Grenzen. Diejenigen ASF-Freiwilligen, die in ihren Friedensdienst aufgebrochen waren, als es noch »zwei Deutschlands gab«, wie Broder Jürgensen schreibt, berichten, dass mindestens in der ersten Phase die Reaktionen des Umfeldes der Freiwilligen in Israel, Frankreich und den USA sehr positiv waren, auch von Menschen, bei denen von ihrer Lebenserfahrung her vielleicht Skepsis gegenüber einem neuen vereinten Deutschland zu erwarten gewesen wäre. Vielleicht ist es nicht ganz untypisch, dass diese Freiwilligen selbst kaum in der Lage waren, die weltverändernde Bedeutung des Mauerfalls zu ermessen.

 

Den Novembertagen 1989 folgte bald die Frage, »wer sind wir Deutschen in diesem neuen Deutschland und dem neuen Europa«, die der 1989 geborene ASF Freiwillige, Florian Lüdtke, als einer der heute 20jährigen »Mauerfallkinder« noch lange nicht für gelöst hält. Auch die jüdischen Stimmen, die wir für dieses Heft gewannen, sind an dieser Stelle nicht zufällig sehr unterschiedlich. Israel Loewenstein, jüdischer Kommunist mit Wurzeln im Berliner Scheunenviertel, kann sich nach seiner Skepsis bei vorherigen Besuchen in der DDR uneingeschränkt über die Maueröffnung freuen. Gideon Botsch spricht dann über die alltäglichen Folgen der nachfolgenden Identitätssuche. Dass jüdische Deutsche nach der Wende verstärkt als »Fremde« angesprochen wurden, ist keine Seltenheit und eine Erfahrung, die sie mit schwarzen und migrantischen Deutschen bzw. denjenigen teilen, denen dieser Status zugeschrieben wird.

 

Leider hatte und hat diese deutsche Identitätssuche auch einen gewaltförmigen Ausdruck. Deshalb ist die in den Beiträgen manches Mal auftauchende Kombination aus Freude und Sorge auch Wirklichkeit geworden. Zu dieser Sorge gehört auch, dass die flächendeckende Verwirrung der begrifflichen Zusammenschau von nationalsozialistischen Verbrechen und DDR-Unrecht als Diktaturen und totalitären Systemen nicht aufhören will. Diese Gleichsetzung, so sagt Wolfgang Wippermann, ist ideologisch und somit unbrauchbar – wenngleich sie eben von manchen zu unterschiedlichen Zwecken gebraucht wird. Nun sei an dieser Stelle auch noch einmal gesagt, dass diese Differenzierung zwischen NS-Regime und DDR sicher nicht bedeutet, die DDR zu rehabilitieren. Wie auch das Festhalten an der Sorge um das neue Deutschland nach 1989 und die Perspektive der Minderheiten auf die Einheit, anhaltenden rechten Gewalttaten und Schändungen jüdischer Friedhöfe keine Verharmlosung der DDR darstellen. Sondern einen Versuch uns daran zu erinnern, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. So wie auch der Weg der beiden und nun des einen Sühnezeichens, den Ulrich Tempel beschreibt, eben noch lange nicht zu Ende ist.

 

Das können Sie, das könnt ihr auch den Berichten der Freiwilligen entnehmen, wie auch der wunderbaren Neuerung der Vereinigung von Mitgliederversammlung und Jahrestreffen, die der Leitungskreis vorgeschlagen und der Vorstand aufgegriffen hat. Wir hoffen, dass die differenzierten Zwischentöne so nachhaltig wirken, wie es uns verheißen ist und danken Ihnen und euch für die Unterstützung und hoffen auf weitere großzügige Hilfe in diesem und dem nächsten Jahr. Mit den besten Wünschen für ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein hoffnungsvolles friedlicheres und gerechteres Jahr 2010.

 

Ihr und euer

Christian Staffa


 

 

 

Inhalt


3     Editorial, Christian Staffa

 

Schwerpunkt:

9. November – Erinnern in Deutschland – Zwischen Pogrom und Utopie

 

4-5     Von Leipzig nach Amsterdam, Hansjakob Ziemer

 

6-7     Ein Ort, um etwas auszuprobieren – Über Aktion Sühnezeichen in der DDR (ASZ), Ulrich Tempel

 

8-9     Die Frage der »vieilles voitures«, Florian Lüdtke | Erinnerungen einer Nicht-Dabeigewesenen, Gabriele Kammerer | Zur Wendezeit in Israel, Broder Jürgensen | Eine Frage der Perspektive, Akim Jah

 

10-11     »Sind Sie von drüben?« – Ein Interview mit Israel Loewenstein über Eindrücke aus der DDR und die Folgen des Mauerfalls, Katharina von Münster

 

12-13     Zwischen offenen Fenstern... und Ausgrenzungsdynamik – Ein Gespräch mit Gideon Botsch

  

14-15    Diplomatische Drahtseilakte – Russisch-jüdische Zuwanderung begann vor zwanzig Jahren in Ost-Deutschland, Olaf Glöckner

 

16-17    Schuld waren immer die anderen – Zum Umgang mit einem ehemaligen Konzentrationslager im deutsch-deutschen Grenzbereich, Jens-Christian Wagner

 

18     »Zweite deutsche Diktatur« – War die DDR »totalitär« und mit dem Dritten Reich vergleichbar?, Wolfgang Wippermann

 

Andacht

19-20    Sich den Herausforderung der Geschichte stellen, Ruth Misselwitz

21     »Weil Hass nicht die Welt regieren darf« – Artur Radvanský: 24.11.1921 - 1.11.2009, Friedemann Bringt

 

Freiwillige berichten

22    »Schnall dich gut an« – Als ASF-Freiwillige in Camden, Lucia Mair

 

23    Hand in Hand in Jerusalem – Als ASF-Freiwillige in der »Max Rayne Hand in Hand Schule«, Emilie Körber

 

Berichte aus den Sommerlagern

24     Sommerlager 2010: Begegnung in acht Ländern, Christine Bischatka

International und lebendig – Sommerlager in Ahrensbök, Ruben Pfizenmaier

 

25     »Zusammen diskutieren, arbeiten und leben« – Sommerlager in der Gedenkstätte Vught, Malte Otremba / Sommerlager 45Plus

 

ASF-Nachrichten

 

26     ASF-Jahresversammlung, Christine Bischatka / Bernhard Krane

 

27     Neue Gesichter bei ASF

 

28     Lothar-Kreyssig-Friedenspreis für Dr. Michaela Vidláková | Film: »Leise gegen den Strom«

 

Nachrufe

 

29     »Die Zeit heilt nicht die Wunden, aber sie schärft den Verstand« – Nachruf auf Jenny Wulff und Markus Sender, Robert Münch

 

30     »Anstöße zum Umdenken« – Nachruf auf Renate Trautmann, Hildegart Stellmacher 

 

31     Ihre Unterstützung hilft uns weiter, Bettina Hoffmann

 

Beilage: Termine, Hebräisch-Sprachkurse in Israel, Studienreise 2010

  

 

 

 

 

 

 


»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«

Erika Brooks, ASF-Freiwillige aus den USA in Berlin