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2000 Jahre christliche Judenfeindschaft?

Abbildung Dr. Matthias Loerbroks, 44 Jahre, ist Gemeinde-pfarrer in Berlin-Mitte. Von 1977 bis 1979 war er Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel.

von Matthias Loerbroks

Das ist natürlich übertrieben, wenn auch nicht sehr, wie das Schlagwort 2000 Jahre Christentum überhaupt. Jesus, nach dessen Geburt diese 2000 Jahre gezählt werden, war Jude. Er wollte wie seine Anhänger und wie die Verfasser des Neuen Testaments nie etwas anderes sein. Polemik, die sich in den Texten des Neuen Testaments findet, ist innerjüdische Polemik.

Das änderte sich rasch. Bald war die Mehrheit der Christen nicht-jüdischer Herkunft, während die meisten Juden bestritten, daß Jesus der Messias sei: Mit dem Kommen Jesu hatte sich nichts geändert weder an der Situation Israels noch am Zustand der Welt. Aus dem innerjüdischen Streit wurde antijüdische Propaganda.

Die Ecclesia am Straßburger Münster, um 1230.

Bereits im zweiten Jahrhundert forderte Marcion, die jüdische Bibel abzuschaffen, die von Christen Altes Testament genannt wird. Das lehnte die Kirche offiziell ab. Faktisch kam es zu einer Abwertung und Mißachtung des ersten Teils der christlichen Bibel, etwa durch die Behauptung, das Alte Testament enthalte Verheißungen, deren Erfüllung das Neue Testament verkünde. Dabei wurden die Worte alt und neu umgedeutet: Für die Zeugen des Neuen Testaments bedeutete »neu« den Einbruch einer neuen Welt mitten in die alte. Die Nachricht von der Auferweckung Jesu verstanden sie als Anbruch des Reiches Gottes. Doch zunehmend wurde »neu« nicht mehr im Sinne einer neuen Welt verstanden, sondern im Sinne des Entwicklungs- oder Fortschrittsgedanken: Ablösung, Überwindung, Ersetzung einer alten und veralteten Religion durch eine neue, verbesserte. Jesus selbst hat das Pathos, mit dem spätere christliche Generationen neu gegen alt setzten, nicht geteilt. Im Lukasevangelium wird erzählt, daß er nicht nur als Weinsäufer verschrieen, sondern auch wirklich ein Weinkenner war: »Niemand, der alten Wein getrunken hat, will neuen, denn er spricht: der alte ist gut« (Lk 5,39).

Das NEIN der Juden zu Jesus und dem Evangelium irritierte die überwiegend heidenchristliche Kirche zutiefst: Nicht irgendwelche Heiden, die von Gott und Bibel keine Ahnung hatten lehnten Jesus ab, sondern Gottes Volk und Bundespartner. Wer, wenn nicht Israel, sollte beurteilen, ob Jesus der Messias ist? Doch die Kirche drehte entschlossen den Spieß um, erklärte sich selbst zum neuen Israel, zum neuen Gottesvolk. Israel sei abgelöst und durch die Kirche ersetzt. Dennoch blieb unbestreitbar, daß Jesus keine messianische Weltveränderung, Erlösung, Befreiung bewirkt und gebracht hatte. Auch aus dieser Not machte die Kirche eine zweifelhafte Tugend: sie erklärte die jüdischen Messiashoffnungen für bloß äußerlich und betonte dagegen das Innerliche, Seelische, Geistige, Individuelle ihrer Befreiung. Mit dieser Spiritualisierung und Privatisierung des Evangeliums wurde die Kirche höchst geeignet zur Staatsreligion: Trost und Vertröstung für trostlose Verhältnisse, Kitt für gesellschaftliche Widersprüche. Aus der biblischen Botschaft, die auf reale Weltveränderung zielt, wurde Stabilisierung des Bestehenden. Aus dem Gott Israels, der seinen Willen und seinen Unwillen deutlich kundtut, wurde ein Gott ohne Eigenschaften,die Macht des Schicksals. Aus der christlichen Hoffnung wurde Fatalismus. Trennung von Israel, Bibelvergessenheit und Anpassung an herrschende Verhältnisse hängen zusammen.

Jerusalem:
Die Oberrabbiner begrüßen Papst Johannes Paul II. in Israel.

Jerusalem: Die Oberrabbiner begrüßen Papst Johannes Paul II. in Israel.

Die Kirche definierte sich selbst, indem sie sich antijüdisch abgrenzte. Sie nahm für sich in Anspruch, vom Geist bewegt, frei und in Liebe zu leben und unterstellte den Juden ein enges und ängstliches Sich-Klammern an Buchstaben. Von sich selbst behaupteten Christen, ganz und gar aus der Gnade Gottes zu leben. Demgegenüber urteilten sie über die Juden, sie ächzten ständig unter der Last des Gesetzes, versuchten, durch Werke des Gesetzes sich vor Gott zu rechtfertigen. Jüdische Freude an der Tora nahmendie Christen nicht wahr. Sie schoben den Juden das zu, was sie an sich selbst nicht sehen wollten und nicht akzeptieren konnten.

Als Beleg für ihre Behauptung, die Juden seien von Gott verstoßen, weil sie Jesus als Messias nicht angenommen hatten, diente den Christen die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer im Jahre 70. Seitdem seien die Juden dazu verurteilt, heimatlos, unstet und flüchtig zu leben, als unfreiwillige Zeugen des Zorns Gottes. Die Christen sorgten allerdings selbst dafür, daß die Lebensbedingungen der Juden miserabel waren. Sie sahen und betätigten sich gern als Gerichtsvollzieher Gottes. Augustin entwarf die Lehre vom Fortleben der Juden unter dem Zorn Gottes als Mahnung und Warnung für Christen. Er hat damit immerhin dazu beigetragen, daß Juden als einzige Nichtchristen im christlichen Mittelalter leben durften, wenn auch unter geradezu programmatisch schlechten Bedingungen. Doch die Erziehung zur Verachtung der Juden war viel wirksamer als feinsinnige Theologie: die Kreuzzüge, die das Heilige Land und Jerusalem den »Ungläubigen« (gemeint waren Moslems) entreißen sollten, begannen mit Massakern an den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Bereits in der Heimat sollten Gottes Feinde bekämpft werden. Hinzu trat ein heidnisches, magisches Sakramentsverständnis, besonders des Abendmahls: Den Juden wurde der Vorwurf der Hostienschändung gemacht, Christen verstanden sich mehr und mehr als Blutsverwandte unter Ausschluß der Juden. Bezeichnend ist für diesen Zusammenhang das Vierte Laterankonzil (1215): Es stellte das Dogma der realen Verwandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi auf, verpflichtete Juden dazu, sich an ihrer Kleidung als Juden zu kennzeichnen, und führte die Inquisition ein. Aus diesem Sakramentsverständnis entwickelte sich später, ebenfalls als Blutsverwandtschaft verstanden, die säkulare Volksgemeinschaft der verschiedenen Nationalismen unter Ausschluß der Juden.

Die Synagoge am Straßburger Münster, um 1230.

Schon am Ende des Mittelalters stellte sich heraus: aus der angeblich religiös motivierten Judenfeindschaft war Rassismus geworden. Während der Kreuzzüge hatten sich die meisten Juden, wenn sie vor die Alternative Tod oder Taufe gestellt wurden, für das Martyrium entschieden. 300 Jahre später, bei Pogromen in Spanien, traten viele Juden unter Druck zum Christentum über. Aber die Christen glaubten ihrer eigenen Dogmatik nicht, nach der ihr einziges Problem mit den Juden darin bestand, daß sie das Bekenntnis zu Jesus als Messias ablehnten. Sie betrachteten die Konvertiten mit Mißtrauen, unterstellten ihnen, sie seien heimlich Juden geblieben, unterschieden zwischen Altchristen und Neuchristen, begannen, Stammbäume zu schreiben und zu erforschen, sprachen von limpieza de sangre, Reinheit des Bluts. Das Mißtrauen gegen die »Neuchristen« führte hundert Jahre später (1492) zu dem Beschluß, alle jüdisch gebliebenen Juden aus Spanien zu vertreiben.

Es ist wahrscheinlich unmöglich,den nicht mehr religiös, sondern weltanschaulich-pseudobiologisch-rassistisch motivierten Judenhaß ausschließlich auf christliche Wurzeln zurückzuführen – zumal es christliche Judenfeindschaft nicht nur in Deutschland gab und gibt. Aber die Zusammenhänge sind unübersehbar: Jahrhunderte lang sprachen Christen theologisch vom Ende Israels – die Nazis nahmen diese Rede wörtlich und setzten sie um, bezeichneten ihr Mordprogramm geradezu eschatologisch als Endlösung der Judenfrage und ihr Regime in apokalyptischen Formulierungen als Drittes oder Tausendjähriges Reich. Auch die christliche Ge genüberstellung von innerlich und äußerlich (materiell) erwies sich als säkularisierbar zur Formel: Juden geht es ums Geld. Das ermöglichte den Nazis, sowohl die internationale Arbeiterbewegung als auch den internationalen Handel als jüdische Weltverschwörung darzustellen. Geschärfte Ohren hören dieses Klischee auch in der Anti-Golfkriegsparole: Kein (Christen, bzw. Leib-Christi) Blut für Öl (Geld).

Helmut Gollwitzer erzählt: »Ein namhafter deutscher Neutestamentler, der sich während des Kirchenkampfes in der Hitlerzeit ordentlich verhalten hat, nicht im Traume ein Nazi und Antisemit, erklärte mir einmal: ›Ich sage jedem Juden, mit dem ich über diese Dinge spreche: Dich dürfte es als Juden gar nicht mehr geben; denn wärest du mit der Gottesgeschichte weitergegangen, die das Judentum überholt hat, dann wärest du Christ, und es gäbe kein Judentum mehr.‹ Ich antwortete ihm zu seinem Schrecken: ›Dann gilt für die nazistische Form der ›Endlösung‹ Heines Wort: ›Ich bin die Tat von Deinen Gedanken.‹ Zu seinem Schrecken; denn er war sich natürlich nicht bewußt gewe-sen, daß er mit seiner Einstellung auf dem Wege stand, den die traditionelle christliche Judentumstheorie für die ›Endlösung‹ gebahnt hat.«

 

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»Der Krieg ist hier manchmal so präsent, so zeitlich nah, dass ich zumindest eine leise Ahnung von den Geschehnissen KRIEGe. Und in diesen Momenten weiß ich, wie wichtig der Ort Wolgograd für die russische und deutsche Geschichte ist.«

Ulrike Bischoff, 20 Jahre, ASF-Freiwillige in Wolgograd

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