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Moshe Zimmermann wurde 1943 in Jerusalem geboren, wohin seine Eltern 1937 aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflüchtet waren. Er studierte Geschichte und Politologie. Seit 1986 leitet er das Richard-Koebner-Institut für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem.
von Moshe Zimmermann
Wäre die hebräische Sprache die lingua franca unseres Diskurses über Erinnerungsarbeit, dann könnte manche Schwierigkeit vermieden werden, die gegenwärtig die Diskussion um die historische Erinnerung des zwanzigsten Jahrhunderts erheblich erschwert.
Nehmen wir als Beispiel das für die Erinnerungsarbeit – und auch in der Diskussion um das Berliner Holocaust-Mahnmal – zentrale Wort Denkmal. In die deutsche Sprache gelangte der Begriff durch die lutherische Bibelübersetzung von Exodus 13,9: »wie ein Denkmal zwischen deinen Augen.« Was auf Deutsch zum Denkmal geworden ist, bedeutet auf Hebräisch schlicht Andenken oder Erinnerung – Sikaron. Im Fall der hier zitierten Textstelle bezeichnet das Wort Sikaron die äußere Hülle, die Gebetskapsel der Tefilin, die Juden beim Morgengebet auf die Stirn binden. Sikaron ist hier eine rein technische Äußerlichkeit, die Essenz und Inhalt – die Schriftrolle mit den biblischen Versen, das Narrativ – in sich birgt. Will man in Berlin ein Denkmal im ursprünglichen, biblischen Sinn errichten, so muß die äußere Schale, das Bauwerk, das sogenannte Monument, im Schatten des Textes stehen, der den Inhalt der Erinnerung trägt – nicht umgekehrt!
Die Diskussionen um die Themen »Denkmal« und »Erinnerung« führen zur nächsten Frage: Geht es bei der Erinnerungsarbeit im Hinblick auf die Shoah um die Globalisierung der vielfach parzellierten Erinnerung? Auch hier ist ein Blick auf die hebräische Sprache nützlich: Die alternativen Bezeichnungen für das komplexe Geschehen im Mittelpunkt der Erinnerung, von denen Worte wie Holocaust oder Auschwitz nur zwei Beispiele sind, schaffen durch ihre Zweideutigkeit eine begriffliche und inhaltliche Unklarheit. Sie führen in der Folge zu einer philologischen Debatte, die eine sinnvolle Auseinandersetzung bereits im Vorfeld erstickt und vom eigentlichen Thema ablenkt.
 Nennen wir das Ereignis beim hebräischen Namen – Shoah, dann erhalten wir einen gemeinsamen Nenner. Der Begriff der Shoah ist wesentlich präziser und adäquater als der Sammelbegriff Auschwitz. Spricht man von Auschwitz, so vergißt man den langen Weg dorthin, der über unzählige Stationen der Entrechtung geführt hat. Die Shoah, die Katastrophe, die Juden unter der nationalsozialistischen Herrschaft widerfuhr, braucht eine angemessene Form der Erinnerung, wobei es zunächst mehr als nur eine einzige derartige Form gibt. Solange die Generation der Täter, Mitläufer, Indifferenten und Opfer am Leben war, hatte jeder einzelne und jedes Teilkollektiv seine eigene Art des Erinnerns entwickelt. Nationale Kollektiverinnerungen an die Shoah folgten später. Heute konzentrieren sich zwei diametral entgegengesetzte nationale Erinnerungen auf die Shoah – die deutsche und die israelische. Hier hat sich im Laufe der Zeit – trotz aller Bemühungen um die Erinnerung an den Widerstand – die kollektive Erinnerung der Täter formiert, dort – trotz später Geburt – die kollektive Erinnerung als Opfer. Daß es nicht um die eigentlich betroffenen historischen Kollektive geht, sondern allein um Teile dieser Gemeinschaften, hat man dem Anspruch beider Teilkollektive auf die »Alleinvertretung« des historischen Kollektivs zu verdanken: Einerseits stellte sich die Bundesrepublik Deutschland als Alleinvertreterin des gesamten deutschen Erbes dar und entlastete so im Hinblick auf die unter dem nationalsozialistischen Regime begangenen Verbrechen sowohl Österreich als auch die ehemalige DDR. Andererseits hat Israel für sich die Rolle der Alleinvertreterin des jüdischen Volkes und der eigentlichen Erbin des Shoah-Traumas reserviert und somit versucht, die Diasporajuden zu Erben zweiter Klasse zu machen.
Wie stets bei der historischen Erinnerung geht es auch hier nicht um die Vergangenheit allein, sondern um die Gegenwart und Zukunft. Nun ist in der Diskussion um Geschichte und Erinnerungsarbeit das Wort Instrumentalisierung ein rotes Tuch. Doch macht Geschichte keinen Sinn, wenn sie nicht zu einem pädagogischen Zweck gelehrt und gelernt wird, wenn sie nicht als pädagogisches Instrument einer breiten Öffentlichkeit vermittelt wird. Somit wird Geschichte in nahezu jedem Kontext instrumentalisiert. Gerade die erschreckendsten Kapitel der Geschichte eignen sich effektiv zur Instrumentalisierung, und das Beispiel par excellence ist die Shoah. Schon deshalb war Walsers Entrüstung über eine »Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken« nicht angebracht. Instrumentalisiert man Geschichte in der Gesellschaft und will vor Greueltaten eines totalitären Regimes warnen, dann eignet sich die Shoah am besten als »effektive Moralkeule«.
Zwar liegt die Schuld für die Shoah auf den Tätern und der Tätergeneration, aber die Erinnerung kann und darf nicht ausgemerzt werden. Und ist die Erinnerung erst einmal da, dann wird sie auch instrumentalisiert. Dies macht wiederum insbesondere die Nachkommen zu Betroffenen. Allein durch die Vermeidung der Ursachen kann dieser Dynamik vorgebeugt werden. Mit anderen Worten: die ungleiche Last der Erinnerung ist positiv umzuwerten. Die Anfänge einer gefährlichen Entwicklung sind frühzeitig zu blockieren. Ansonsten wird die Kette der unschuldigen Opfer nicht mehr abreißen.
Dies alles – die Geschichte »als solche«, die ungleich verteilte Last und die Moral aus der Geschichte – ist nicht Beitrag eines Denkmals aus Stein; es ist vielmehr Sinn und Inhalt des Sikaron, der Erinnerung, die man kollektiv zu einem pädagogischen Zweck heranzieht. Die Historiker haben darauf zu achten, daß das Fundament der Erinnerungsarbeit methodologisch sauber bleibt und die Ergebnisse der Forschung nicht in den Dienst der Willkür gestellt werden. Instrumentalisierte Geschichte ist nicht mit manipulierten Fakten oder manipulierter Geschichte identisch.
Berlin: Auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße erinnert ein Eisenbahnwagen-Denkmal an die Judendeportation.
 Nur einen Punkt der Entwicklung sollte man dabei nicht außer acht lassen – das historische Kapitel der Shoah ist über den Prozeß der kollektiven Erinnerung zum globalen Symbol geworden. Zugegeben: so weit ist die Globalisierung der Erinnerung noch nicht fortgeschritten, daß das Wir-Gefühl im nationalen Rahmen einem globalen Wir-Gefühl freiwillig Platz gemacht hat. Aber wir befinden uns zweifellos auf diesem Weg. Die dritte Generation nach der Shoah lebt zunehmend in einem globalen Dorf, in dem der Begriff der Shoah zu einem globalen Begriff geworden ist. Vielleicht ist auch in diesem Zusammenhang die hebräische bzw. aramäische Sprache präziser: Statt »Globalisierung« steht die sprachliche Wendung: Sadna De'ara Chad Hu. Was die Shoah anbetrifft sind »die Fundamente (die Ambosse) der Welt alle gleich«: Man hämmert unterschiedlich auf dem gleichen Amboß. Daß die Shoah zum Fundament der Welt geworden ist, kann man nicht bestreiten.
Juden als Opfer oder Vertreter der historischen Opfer haben selbstverständlich wesentlich dazu beigetragen, die Shoah als Denkmal zu globalisieren. Aber auch innerhalb des Judentums bedeutet die Globalisierung keine einheitliche Erinnerung. Erstens schließt eine globale jüdische Shoah-Erinnerung nicht unbedingt die partikulare jüdische Erinnerung aus: Die Shoah gilt so als eine singuläre jüdische Angelegenheit. Darüber hinaus ist für die Konkurrenz zwischen Diaspora und Israel, also bei der Frage der jüdischen Identität, die Shoah und ihr Sikaron außerordentlich relevant. Für Diasporajuden in aller Welt dient diese Erinnerung als Rechtfertigung für den Kampf um die Emanzipation der Juden oder auch anderer diskriminierter Gruppen. Dem Staat Israel dient diese Erinnerung als Bestätigung des Zionismus als »Endlösung der Judenfrage«.
Aber gerade in Israel zeigt sich eindringlich auch die Gefahr, die der Verlauf der Zeit für die kollektive Erinnerung mit sich bringt: Je weiter ein Geschehen in die Vergangenheit rückt, destodeutlicher tritt die Tendenz der Erinnerung hervor, pauschaler, eindimensionaler, flacher zu werden. Und was allgemein gilt, das trifft auch in unserem Fall zu: Gerade der Generation, die vom Ereignis der Shoah selbst keine direkte individuelle, quasi private Erinnerung als Kontrollfaktor besitzt, prägt sich eine Erinnerung ein, die ein Produkt gesteuerter Erinnerungsarbeit und daher ein nicht unbedingt einwandfreies Produkt der Instrumentalisierung ist.
Die Reziprozität von Erinnern und Konzeptualisieren schuf, gegen Ende des zweiten Jahrtausend, das eigentliche Denkmal: Das Wort Ha-Shoah – die Katastrophe. Monumente, die Schalen des eigentlichen Denkmals, sind so in den Hintergrund gedrängt worden. Gleichzeitig hat sich der hebräische Terminus universal verbreitet und dazu beigetragen, die Erinnerungsinhalte des Denkmals Ha-Shoah zu globalisieren und seine partikularen Erinnerungsinhalte zu relativieren oder mindestens doch zu hinterfragen.
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