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Die Bedeutung der Ethnizität in der Holocaust-Erziehung

Abbildung Karen Polak, Historikerin, ist die Leiterin der Pädagogischen Abteilung des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam.

von Karen Polak - aus dem Englischen von Ursel Müller

Was bedeutet die Shoah für Schüler, deren Eltern oder Großeltern in der Nachkriegsperiode nach Europa gekommen sind?«, war eine oft gestellte Frage auf der Tagung »Erinnerung – Identität – Interkulturalität. Gegenwartsbedeutung des Nationalsozialismus und multikulturelle Gesellschaften« vom 20. bis 23. Juni in Berlin. In der Diskussion über die pädagogische Arbeit des Holocaust in multikulturellen Ge-sellschaften wird häufig behauptet, die Ethnizität habe einen Einfluß darauf, welche Beziehung Schüler zur Geschichte des Holocaust haben. Dies beeinflusse außerdem die Unterrichtsgestaltung. Meines Erachtens hat die unterschiedliche Beziehung der Schüler zum Holocaust keine wesentliche Bedeutung für die pädagogische Aufarbeitung des Holocaust. Die Frage, welches Wissen unbedingt vermittelt werden muß und welche Unterrichtshilfen dabei genutzt werden, richtet sich nach dem Alter und den Fähigkeiten der Schüler und nicht nach ihrer ethnischen oder nationalen Herkunft.

Vorstellung der pädagogischen Arbeit des Anne Frank-Hauses.

Einige Konferenzteilnehmer stellten fest, Kinder von Einwanderern lehnten es ab, sich mit er Geschichte der Shoah zu befassen, weil dies nicht ihre eigene Geschichte sei. Sie müßten mit dieser Geschichte nicht so ins eine kommen, wie ihre deutschen, holländischen oder polnischen Altersgenossen. Diese Feststellung unterstellt, daß die pädagogische Aufarbeitung des Holocaust eine Lektion in Fragen der Moral ist, die für die einen wichtiger ist als für die anderen. Diese Vorstellung wird oft nicht direkt ausgesprochen und ist dadurch schwer zurückzuweisen. Der warnend erhobene Zeigefinger, mit dem die Schüler ermahnt werden sollen, diese wichtige Lehre der Vergangenheit zu beherzigen, ist in der Tat oftmals der Grund, weshalb sie – ungeachtet ihrer Herkunft – verärgert sind. Moralisieren bewirkt bei vielen Schülern sogar eine Verweigerung, sich Kenntnisse über die Zeit des Nationalsozialismus anzueignen.

Das Einteilen der Geschichte in »unsere Geschichte« und »ihre Geschichte« schließt Einwanderer aus und ist gleichzeitig irreführend, denn es setzt eine nationale Geschichte voraus, in der die unterschiedlichen Erfahrungen der Gruppen in den von den Nazis besetzten Ländern unbeachtet bleiben. Vielleicht unterscheiden einige Einwanderer zwischen »ihre Geschichte« und »unsere Geschichte«, aber ich denke, daß die Menschen oft eine Beziehung herstellen zur Geschichte der Gesellschaft, in der sie gerade leben. Allein das Leben an einem bestimmten Ort ermöglicht es den Menschen, sich die Geschichte dieses Ortes zu eigen zu machen. Normalerweise ist das einer der Gründe, weshalb die lokale Geschichte ein so wichtiger Zugang zur Geschichte des Nationalsozialismus ist. Das Konzept von Räumen »geteilter Schuld« in Europa führt zu der Frage, inwieweit es notwendig ist, daß sich jeder Einwohner einer Stadt oder eines Dorfes, in dem Juden gelebt haben, der Vernichtung bewußt ist, die vor 55 Jahren stattgefunden hat.

Durch die Geschichte eines holländischen Juden wurde ich unerwartet konfrontiert mit der Illustration dieses Bewußtseins geteilter Schuld. Er hatte die Zeit des Krieges in einem geheimen Versteck in Amsterdam überlebt und ist nach dem Krieg in die USA emigriert. Erst 1999 entschloß er sich, das Haus aufzusuchen, in dem er sich versteckt hatte. Schon damals lag das Haus in einer ärmlichen Gegend. Heute leben hier überwiegend Einwanderer. Als der Mann nach langem Zögern an der Tür läutete, öffnete ihm eine türkische Frau. Kurz erklärte er den Grund seines Kommens, worauf er mit dem erstaunten Ausruf begrüßt wurde: »Sind Sie wirklich der Mann, der hier während des Krieges versteckt war?«

Die Vormieter, ebenfalls eine türkische Familie, hatten sie über das Versteck informiert. Beim Renovieren des Hauses war die Familie auf einen verborgenen Schrank gestoßen und hatte sich von der Tochter der Nachbarn erklären lassen, was es damit auf sich hat. Viele Menschen, die einer ethnischen Minderheit angehören, haben Erfahrungen mit Vorurteilen oder Rassismus gemacht. Flüchtlinge wissen, was es heißt, verfolgt zu werden. Dies ist ein weiterer Aspekt, der für die Diskussion über Ethnizität und pädagogische Aufarbeitung des Holocaust von Bedeutung ist. Die Erfahrungen von Rassismus und Verfolgung können zu unterschiedlichen Standpunkten führen. Ein Schüler, für den Diskriminierung zum täglichen Leben gehört, mag der Ansicht sein, daß es keinen Sinn macht, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander zu setzen. Er hat selbst erfahren, daß die Gesellschaft zu wenig aus der Vergangenheit gelernt hat. Andererseits kann ein solcher Schüler aber auch die Geschichte »annehmen«, unter Hinweis darauf, daß die Einwandererminderheiten in Europa heute unter den gleichen Mechanismen leiden, die auch das Naziregime getragen haben. Obwohl diese Einstellungen existieren, sind sie meiner Ansicht nach nicht repräsentativ. Die Kriege der jüngsten Vergangenheit mit ihren Genozid-Verbrechen und die gegenwärtigen Flüchtlingsfragen veranlassen junge Menschen, die Vergangenheit und die Auseinandersetzung mit ihr zu hinterfragen. Hat sich im letzten halben Jahrhundert wirklich nichts verändert? Diese Frage können Schüler nur beantworten, wenn sie tief in die Vergangenheit eintauchen, und viele Schüler sind dazu motiviert.

Anne Frank.

Die hier dargelegten Gedanken stützen sich auf eigene Beobachtungen aus meiner Arbeit im Anne-Frank-Haus und auf Gespräche mit Kollegen aus verschiedenen Ländern. Im Anne-Frank-Haus haben wir jährlich etwa 700 Schülergruppen, die an einem pädagogischen Programm teilnehmen. Anschließend besuchen sie das Versteck, in dem Anne Frank ihr Tagebuch schrieb. Die Mehrheit der Besuchergruppen bilden ausschließlich weiße Schulklassen. Aber auch Klassen mit Schülern unterschiedlicher ethnischer Herkunft besuchen das Anne-Frank-Haus. Einige Gruppen bestehen sogar in der Mehrzahl aus Einwandererkindern. Es gibt keinen direkt erkennbaren Unterschied im Grad des Interesses der Schüler, bezogen auf ihre ethnische Herkunft. Die Programme für Schüler konzentrieren sich auf die Erfahrungen der Familie Frank in bezug auf ihre Zeit und insbesondere auf das, was in dem Haus passierte, in dem sich das Versteck befand. Das Hauptaugenmerk gilt dabei den unterschiedlichen Stufen der Verfolgung, die schließlich zu dem Entschluß führten unterzutauchen, der Rolle der Helfer und dem Verrat, der zur Verhaftung der acht Versteckten und schließlich mit einer Ausnahme zu ihrem Tode führte.

Bestandteil der Programme ist eine Diskussion über die Mechanismen, die durch Vorurteile und die Suche nach Sündenböcken ausgelöst werden. Auch die Rollen, die Menschen als Beobachter oder Teilnehmer von Verfolgungen einnehmen, diskutieren wir mitden Schülern. Vom Beitrag der Schüler hängt es ab, ob es im Rahmen des Programms zu einer Diskussion über Vorurteile oder Diskriminierungen in der heutigen Gesellschaft kommt. Wie die Schüler diese Fragen diskutieren bestimmt die Unterrichtskultur und vor allem der Einfluß, den der Lehrer auf die Klasse hat. Die Diskussionen werden kaum von der ethnischen Zusammensetzung der Gruppe bestimmt. Schüler, die sich innerhalb einer Gruppe nicht sicher sein können, von ihresgleichen geachtet zu werden, zögern mit Recht, sich an einem Gespräch über so sensible Fragen wie Vorurteile oder stereotype Auffassungen zu beteiligen. Aus diesem Grunde sollten die Pädagogen vor allem auf das Verhältnis der Schüler einer Klasse untereinander eingehen, ehe sie diese Fragen ansprechen. Auf der Konferenz unterstellte ein Teilnehmer, daß nicht die Schüler sondern die Lehrer das Problem bei der pädagogischen Aufarbeitung des Holocaust seien. Dies ist eine recht provokative Feststellung. Dennoch scheint es so, als ob viele Pädagogen mehr daran interessiert sind, darüber zu diskutieren, welche Beziehung ihre Schüler zum Holocaust haben, als ihre eigene Position zu hinterfragen. Um auf den jeweiligen Hintergrund der Schüler eingehen zu können, müssen die Lehrer sich ihres eigenen Hintergrunds in bezug auf den Holocaust bewußt sein. Die Erziehung und Ausbildung eines großen Teils der heutigen Lehrergeneration wurde stark von den Kriegserfahrungen ihrer Eltern beeinflußt. Die Schuld, die alle Gruppen von Kollaborateuren gleichermaßen trifft oder das Aufbegehren gegen die Gleichgültigkeit der Zuschauer hat die Nachkriegsgeneration geprägt.

Wenn auf künftigen Konferenzen zum Thema Holocaust-Erziehung Lehrer ermutigt werden, persönlicher auf diese Fragen einzugehen, und ihre eigene Position einzubringen bei der Behandlung dieses schwer beladenen geschichtlichen Abschnitts, würde das ihren eigenen Horizont erweitern und ihren Schülern nutzen.

 

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»Der Krieg ist hier manchmal so präsent, so zeitlich nah, dass ich zumindest eine leise Ahnung von den Geschehnissen KRIEGe. Und in diesen Momenten weiß ich, wie wichtig der Ort Wolgograd für die russische und deutsche Geschichte ist.«

Ulrike Bischoff, 20 Jahre, ASF-Freiwillige in Wolgograd

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