Ein Haus des Dialogs
Internationale Jugendbegegnungsstätte Oswiecim/Auschwitz

Planungstreffen in Berlin: Alwin Meyer, Wolfgang Brinkel, Helmut Morlok, ASF-Freund aus Polen, Christoph Heubner, ASF-Freund aus Polen, Alfred Przybylski

Planungstreffen in Berlin: Alwin Meyer, Wolfgang Brinkel, Helmut Morlok, ASF-Freund aus Polen, Christoph Heubner, ASF-Freund aus Polen, Alfred Przybylski

Das Projekt wird konkreter – und anders

Am 19. und 20. Dezember 1985, also nur eine Woche nach unserer ersten Begegnung, kam Alfred Przybylski zusammen mit dem Vorsitzenden des Stadtrates von Oświęcim und dem Chef der Wojwodschafts-Architekten nach Berlin. Seine Vermittlung führte zu einer Teilüberarbeitung unseres Entwurfes und letztlich zur Anerkennung unserer Vorschläge für die Architektur, das Bausystem, die Organisation und den Ablauf des Bauvorhabens. Damit verbunden war eine konkrete Beteiligung der Stadt Oświęcim als drittem Partner sowie die Übernahme der Projektleitung durch ASF.

Vieles kam dadurch anders, als in den 1970-er Jahren von ZBo- WiD geplant.

  • Eine total andere, an „Jugendbegegnung“ orientierte Architektur, als die von den Wojwodschaftsarchitekten aus Bielsko- Biala geplante „Hotelanlage“.
  • Bauherr und Auftraggeber war nicht ZBoWiD, sondern Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.
  • Architekten und Ingenieure aus Deutschland leisteten einen ehrenamtlichen Friedensdienst.
  • Die fertige, komplett eingerichtete Bauanlage wurde am 15. November 1986 an die Stadt Oświęcim und nicht an ZBoWiD übergeben.
  • Die Leitung des Hauses übernahm nicht ZBoWiD, sondern in enger Zusammenarbeit mit Leuten von ASF die Stadt Oświęcim, die wiederum „Juventur“ (die staatliche Jugendreiseagentur) als Pächter auf Zeit einsetzte.

Diese, bewusst auch von mir aktiv geförderte Weichenstellung, die Organe der Stadt Oświęcim, einer Stadt mit einer 800-jährigen Geschichte in die Verantwortung zu nehmen, hat sich im Rückblick als richtig erwiesen. Vorbehaltlich der bautechnischen Genehmigungen gab eine große polnische Kommission von maßgebenden Vertretern der Stadt Oświęcim, der Wojwodschaft Bielsko-Biala und ZBoWiD am 28. Januar 1986 in Warschau, grünes Licht für das Bauvorhaben. Ende März 1986 wurde von den zuständigen Behörden die Baugenehmigung erteilt und nach einer bundesweiten Ausschreibung lagen die Angebote von deutschen Holzbaufirmen vor. Eine polnische Firma aus Krakau konnte für die Ausführung der Fundierung und der Betonarbeiten gewonnen werden. Am 5. April 1986 tagte der ASF-Vorstand im Haus Gollwitzer in Berlin. Obwohl die Finanzierung der errechneten Kosten noch nicht gesichert war, sagte der Vorsitzende, Bischof Kurt Scharf: „Wir fangen an!“

ASF-Gruppenleiterseminar in der Gedenkstätte Auschwitz

Einige Jahre nach der Inbetriebnahme der IJBS am 7. Dezember 1986 veränderten sich die Machtverhältnisse im Land und in der Stadt. Die Besitzverhältnisse der IJBS waren jedoch eindeutig und mit der Änderung der Strukturen in der Stadtverwaltung wurden auch die leitenden Organe der IJBS neu strukturiert. Nach allerdings zähen Verhandlungen wurde die IJBS in eine deutsch-polnische Stiftung nach polnischem Recht überführt. Susanne Willems führte dabei erfolgreich die Verhandlungen auf deutscher Seite. Zur Entstehung der IJBS in kommunistischer Zeit und der Zusammenarbeit mit ZBoWiD gab es auch kritische Stimmen. „Ihr habt mit den Falschen zusammengearbeitet.“ Diesen Vorwurf habe ich aus Kreisen von ASZ (Sühnezeichen Ost) in den Sitzungen des Kuratoriums von ASF später zu hören bekommen; jedoch nicht ein einziges Mal, vielleicht aus Höfl ichkeit, von einem Polen gehört. Ich muss diesen Vorwurf so stehen lassen. Doch schon meine erste Reise nach Oświęcim begann mit einem Besuch der Freunde von ASZ. Nach meiner Ankunft in Berlin–Tegel fuhr Wolfgang Brinkel mit mir in die Auguststraße im damaligen Ost-Berlin. Werner Liedtke, den Sprecher des ASZ-Leitungskreises, kannte ich schon von den Mitgliederversammlungen bei ASF. Bei diesem Besuch am 13. September 1985 in der Auguststraße erzählten wir dem ASZ-Leitungskreis von unserer Weiterreise nach Auschwitz und dem Versuch, den Bau der IJBS neu zu beleben.

Aber man kann es einfach tun

Vor Kurzem ist nun ein Buch erschienen, mit dem Titel: „Tatort – Versöhnung“. Es behandelt u.a. die Arbeit von ASF in Polen; darunter auch das Projekt IJBS. Ein Abschnitt trägt die Überschrift „Vom falschen Kniefall“. Ja, es gab einen Kniefall und zwar an der Baustelle, als im Oktober, kurz vor der Fertigstellung, meine Söhne und ich auf den Knien die Zimmer putzten, damit die Möbel aufgestellt werden konnten. An diesem Tag waren aus unbekannten Gründen die Frauen, die die Baureinigung übernommen hatten, nicht erschienen. Der Möbellieferant drohte mit Konventionalstrafe. Den bestürzten Stadtpräsidenten, der zufällig zur gleichen Zeit einen Baurundgang machte und Zeuge unserer Putzerei wurde, tröstete ich mit dem Hinweis auf die vielen deutschen Fußböden, die schon von Polen geputzt werden mussten.

Bei allem Wissen um die Unvollkommenheit unserer Arbeit lautet mein Resümee: Die Internationale Jugendbegegnungsstätte hat sich seit der Eröffnung vor 25 Jahren zu einem Haus des Dialogs, zu einem Baustein für eine Welt mit mehr Menschlichkeit, zu einem „heilsamen Haus“ entwickelt – ein Ehrentitel, den es von einem Besucher erhielt. Sie wurde nicht nur für Jugendliche aus aller Welt zu einer „Heimat auf Zeit“; sie wurde dies auch für die Überlebenden. Für sie ist die IJBS „unser Haus“. Dafür haben viele Menschen gearbeitet, Polen und Deutsche. „Aber man kann es einfach tun“, lautet der Untertitel des Buches von Gabriele Kammerer über ASF. Dieser Titel könnte auch über der Geschichte der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/ Auschwitz stehen.

Autor: Helmut Morlok, 1930-2017, war Architekt. Er war u.a. ehrenamtlicher Ehrenvorsitzender des Stiftungsrats der IJBS Oświęcim/Auschwitz und Beauftragter der deutschen Bundesländer für ihren Beitrag zur Erhaltung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in den Jahren 1994-2006.

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