Ein Haus des Dialogs

Arbeiten auf der Baustelle der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz. In die Kamera schaut Christoph Heubner, damals ASF-Osteuropa-Referent.

Arbeiten auf der Baustelle der Internationalen Jugendbegegnungsstätte
Oświęcim/Auschwitz. In die Kamera schaut Christoph Heubner, damals ASF-Osteuropa-Referent.

Am 7. Dezember 1986 wurde die Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz eingeweiht. Anlässlich des Jubiläums gab Helmut Morlok, Architekt der IJBS, einen Überblick über den langen Weg bis zur Einweihung der IJBS.

Die Idee, an diesem Ort eine Jugendbegegnungsstätte zu bauen, kann nur in Auschwitz entstanden sein. Die Begegnungen und Gespräche, die hier – im Angesicht der ehemaligen Lager – zwischen Polen und Deutschen begannen, verlangten nach einer Fortsetzung. Die wunderbare Erfahrung, dass dieser Ort Menschen nicht trennt, sondern zusammenführt, – dieses Geschenk – erfuhren schon die ersten Gruppen der Aktion Sühnezeichen. Werner Ross, Teilnehmer der legendären Fahrten einer Gruppe von Aktion Sühnezeichen in der DDR in den Jahren 1965 und 1966, schrieb mir: „In Auschwitz kam es (im Jahre 1966) nicht nur zu Kontakten mit Szymanski, Brandhuber und Smolen, sondern auch zu einer Begegnung und Zusammenarbeit, in Birkenau beim Krematorium II, mit einer katholischen Jugendgruppe. Dabei wurde der Gedanke einer Jugendbegegnungsstätte erneut diskutiert und vertieft.“

1967 - 1971: Erste Schritte

1967, ein Jahr später, war es Gruppen von Aktion Sühnezeichen in der DDR nicht mehr möglich, zu Arbeitseinsätzen nach Polen zu fahren. Von Lothar Kreyssig ausdrücklich gutgeheißen, arbeiteten deshalb, ab dem Jahre 1967, Gruppen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (West) in Polen, auch in der Gedenkstätte Auschwitz.

Im gleichen Jahr wurde das Denkmal in Birkenau eingeweiht. „Von seiner Reise zur Einweihung des Internationalen Denkmals für die Opfer des Faschismus in Auschwitz-Birkenau im April 1967 brachte Franz von Hammerstein überdies die erste Idee einer Jugendbegegnungsstätte mit – eine Idee, die im Laufe der Jahre zu einem zentralen Vorhaben der ASF werden sollte,“ schreibt Gabriele Kammerer im Buch zum Jubiläum von ASF. Zwei Jahre später hielt Günter Särchen, enger Mitarbeiter von Lothar Kreyssig, bei einem ZNAK-Seminar in Krakau einen Vortrag mit dem Titel „Auschwitz – ein deutsches Problem“. Der Vortrag endete mit der Empfehlung, statt einer Kirche in Auschwitz ein „Haus des Friedens“ zu bauen. Ein Haus für Menschen aller Weltanschauungen und Nationen. Günter Särchen sagte damals: „Ein solches Haus, an eben diesem Ort, an der Stätte der Unmenschlichkeit, wäre ein neuer Keim des Lebens und der Menschlichkeit.“

Helmut Morlok mit seinem polnischen Kollegen Alfred Przybylski,
Auschwitz-Überlebender.

Ein Name – Tadeusz Szymanski – wurde schon genannt. Als polnischer Pfadfinder wurde er 1941 verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert. Es war für mich ein wunderbares Geschenk, ihm im hohen Alter zu begegnen, ihm helfen zu dürfen, seinen Traum von einer Jugendbegegnungsstätte an diesem Ort doch noch zu verwirklichen. Er hatte klare Vorstellungen von der Gestalt, der Ordnung und der Aufgabe dieser Jugendbegegnungsstätte. Ich erkenne in Tadeusz Szymanski den Spiritus rector, den Ideengeber der Jugendbegegnungsstätte. Es war ein Glücksfall, dass ihm auf deutscher Seite eine außerordentliche Persönlichkeit begegnete, Volker von Törne, der im Gleichklang mit ihm diese Idee als Chance und Auftrag erkannte und deren Verbreitung und Realisierung maßgebend einleitete.

Mit dem Aide-mémoire vom 8. Januar 1971 – unterschrieben von Richard Nevermann, damals erster Vorsitzenden des Vereins Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Dr. Franz von Hammerstein, dem ASF-Generalsekretär und Volker von Törne als Referent für die Arbeit in der Volksrepublik Polen – endete die Zeit der Ideenfi ndung. Dann begann die erste Phase der Realisierung. Noch im gleichen Monat fuhren die Unterzeichner dieses Papiers nach Warschau und unterbreiteten Vertretern des polnischen Ministerrates unter dem Vorsitz von Minister Wiecorek die Bitte von ASF, in Auschwitz ein Sühnezeichen errichten zu dürfen, das der internationalen Jugend als Begegnungsstätte dienen soll. Mitten in der Zeit des „Kalten Krieges“ war dies ein mutiger Schritt auf dem Weg der Wiederannäherung.

Gemeinsam Schwierigkeiten überwinden

Es vergingen vierzehn Jahre, während derer das Projekt Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz durch ideologische, politische, wirtschaftliche und bürokratische Kräfte fast zerrieben wurde. Volker von Törne hat das Ende dieser „fruchtlosen“ Zeit nicht mehr erleben dürfen. Er starb 1980. Die Verantwortlichen von ASF, nicht zuletzt Christoph Heubner als Nachfolger Törnes im Osteuropareferat gaben jedoch nicht auf. 1985 wurde mit meiner Hilfe ein neuer Versuch zur Verwirklichung eingeleitet. Vom Verlauf der Verhandlungen und Planungen der vorherigen 14 Jahre hatte ich keine Ahnung – zum Glück. Nur deshalb konnte ich in naiver Weise einen- Gegenvorschlag zum letzten polnischen Angebot ausarbeiten, die Räume der Jugendbegegnungsstätte in leerstehende Bauten des Stammlagers einzurichten. Am 11. Dezember 1985 wurde dieser Gegenvorschlag Vertretern der Stadt Oświęcim und der Wojwodschaft vorgestellt.

Deren Reaktion: Ablehnung! – Einen Tag später, am 12. Dezember, Vorstellung bei Vertretern von ZBoWiD in Warschau. Deren Reaktion: Zustimmung! ZBoWiD war der „Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie“. Er wurde 1974 durch die polnische Regierung ASF als Projektpartner zugewiesen. Als die in Polen ansässige Organisation übernahm sie die Projektleitung. So wie ich bei der ASF-Delegation (Heubner-Brinkel-Meyer- Morlok) ein „Neuling“ war, so gab es auch bei den ZBoWiD-Vertretern einen „Neuen“: Alfred Przybylski, mit dem 1. Transport ins KZ-Auschwitz eingeliefert, erhielt er dort die Nummer 471, Überlebender von Auschwitz, Groß Rosen und Buchenwald; nach dem Krieg Studium der Architektur und dann Tätigkeit als Architekt in Warschau. Bei seiner Vorstellung betonte er, dass er in Abstimmung mit der polnischen Architektenkammer anwesend sei. Dank seiner Autorität wurde er zum Sprecher der polnischen Delegation. Als Architekt und als Überlebender stellte er sich hinter den mit meinem Bürokollegen, Edwin Heinz, ausgearbeiteten Entwurf.

Weiter zur IJBS-Geschichte
  • Gefördert vom
  • im Rahmen des Bundesprogramm
  •  
  •