Gedenken an die Familien Grünbaum, Schmulewitz und Ribetzki aus Leipzig

Am 7. Mai 2016 wurden in der Löhrstraße 13 sieben “Stolpersteine” in Gedenken an die Mitglieder der ehemals Leipziger Familien Grünbaum, Ribetzki und Schmulewitz verlegt. Magdalena Scharf, Regionalgruppenreferentin im Berliner ASF-Büro, sowie Mitglieder der Regionalgruppe Leipzig wohnten der Verlegung bei, darunter Richard Bachmann, der Edith Maniker (geb. Grünbaum) während seines ASF-Freiwilligendienstes in Detroit kennenlernte. Er sprach auf der Verlegungszeremonie in Anwesenheit von von 50 Teilnehmer_innen, darunter Mitglieder der Regionalgruppe Leipzig, die sich über mehr als 1,5 Jahre für das Projekt eingesetzt hatten.

Edith Maniker und ihre Familie bei der Stolpersteinverlegung in Leipzig.

Edith Maniker (geb. Grünbaum) und ihre Familie wohnten der Stolpersteinverlegung durch Gunter Demnig bei. Edith und ihre Schwester Paula wurden von ihren Eltern nach England geschickt und haben so den Holocaust überlebt. Ihren Eltern, ihrer Großmutter und ihrer Tante gelang dies nicht. Sie wurden deportiert und ermordet. Der Leipziger ASF-Freiwillige Richard Bachmann hat Edith Maniker während seines Freiwilligendienstes in Detroit, USA kennen gelernt:

Worte Richard Bachmanns auf der Stolpersteinverlegung

"Ich möchte nur kurz ein paar Worte zur heutigen Stolpersteinverlegung in der Löhrstraße 13 sagen. Erst einmal möchte ich allen danken, die gekommen sind. Es ist ein wichtiger Tag für die Familie Maniker und es ist schön, dass es so viele Menschen gibt, die ihn gemeinsam mit ihr begehen möchten.

Ich selbst habe Edith Maniker in Detroit kennengelernt. Wie einige von euch wissen, leistete ich dort 2013/14 einen Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste am Holocaust Memorial Center, einem Holocaust Museum. Meine Kollegen überraschten mich schon am ersten Tag mit der Aussage, dass es eine Überlebende der Shoa am Museum gäbe, die gebürtig aus Leipzig stammt—der Stadt also, in der ich die letzten fünf Jahre gelebt hatte und in deren Umland ich aufgewachsen bin. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie verblüfft ich war. Edith war auch gar nicht kontaktscheu. Ich lernte sie wenig später persönlich kennen.

Ich glaube nicht zu übertreiben wenn ich sage, dass Edith während meines Jahres in Detroit zu einer Art Ersatz-Oma für mich wurde. Immer wenn sie im Museum war, kam sie zu meinem Arbeitsplatz, erkundigte sich, wie es mir ginge, stellte sicher, dass ich auch genügend zu essen hatte usw. Sie tat also all das, was eine Oma so macht. Dazu zählte auch, dass sie mich stets mit ihren köstlichen Chocolate Chip Cookies versorgte.

Während dieses Jahres lernte ich natürlich auch mehr über Ediths Schicksal und das ihrer Familie—eine jüdische Familie, die hier in der Löhrstraße 13 lebte. Zu ihr gehörten Ediths Mutter Trude, der Vater Abraham, die Schwester Paula, die Oma Rose, die Tante Yette und die Cousine Vera. Und natürlich Edith. Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 entschieden sich Ediths Eltern dazu, Edith und ihre Schwester Paula mit dem sogenannten Kindertransport—einer Hilfsaktion, die es jüdischen Kindern erlaubte Nazi-Deutschland zu verlassen—nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Die Schwestern verließen Leipzig im Juli 1939. Ihre Eltern, Oma und Tante wollten nachkommen. Doch Edith und Paula haben sie nie wieder gesehen. Zuerst erhielten sie noch regelmäßig Briefe—zuletzt aus Budapest. Doch dort verliert sich die Spur der Eltern. Niemand kann genau sagen, was mit ihnen geschehen ist.

Nun ist es das eine, solch eine Geschichte in einem Buch zu lesen, im Geschichtsunterricht zu hören, in einem Museum, oder während eines Gedenkstättenbesuchs. Doch bleibt das Gelesene und Gehörte seltsam abstrakt und unwirklich—so geht es mir zumindest oft. Hier jedoch haben wir eine Familie aus Leipzig, die das Verbrechen der Shoa erleiden mussten. Hier sind zwei Schwestern—beide Kinder zu dieser Zeit—die ihre Eltern, ihre Oma, ihre Tante und viele weitere Familienangehörige verloren haben. Sie stammen hier aus der Löhrstraße 13; sie erinnern sich an das Leipzig ihrer Kindheit, an ihre Freunde unter den Nachbarn, an die Synagoge in der Keilstraße, den Platz des Vaters dort im Gebetsraum. Sie erinnern sich aber auch an die Novembernacht 1938, als Leipziger Mitbürger das Mobiliar aus der Synagoge herauszerrten und hier auf dem Platz vor dem Haus verbrannten. Das war nur der Anfang, wie wir heute wissen.

Das Abstrakte, das Unwirkliche der Shoa verdichtet sich im Schicksal dieser Familie. Es bekommt Gesichter und einen Ort, an dem es stattfand—Leipzig, in der Löhrstraße 13. Es betraf die Angehörigen der Familie Grünbaum, Schmulewitz und Ribetzki. Heute soll diesen Menschen hier ein Denkmal gesetzt werden. Durch die Stolpersteine wird ein Ort geschaffen, der dauerhaft an sie erinnern wird. Dafür müssen wir—die Nachgeborenen—uns einsetzen. Denn es gibt Menschen, die wollen das Schicksal von Trude und Abraham, von Rose und Yette, von Edith, Paula und Vera vergessen machen—sie wollen das Verbrechen der Shoa leugnen.

Es ist unsere Aufgabe dies zu verhindern. Wir wollen auch weiterhin an unsere ehemaligen Mitbürger und Nachbarn erinnern; wir wollen aber auch andere daran erinnern ihrer zu gedenken. Denn wer vergisst, wiederholt das Unrecht, was ihnen widerfahren ist, schließt sie genauso aus aus unserer Mitte, wie es die Nazis gewollt haben.

Für die Angehörigen von Familien, die die Shoa erlitten haben, ist sie keineswegs etwas Vergangenes—sie scheint vielmehr in die Gegenwart. Sie ist präsent in der Abwesenheit von Familienangehörigen, von Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Tanten und Onkels, von Geschwistern. Mit den Stolpersteinen können wir dabei helfen das ihr Schicksal auch in unsere Gegenwart scheint. Denn das was ihnen geschehen ist—angetan von ihren Mitbürgern, Nachbarn und vielleicht auch unseren Familienangehörigen—geht uns alle etwas an."

Der Leipziger ASF-Freiwillige Richard Bachmann und Edith Maniker, Überlebende des Holocausts

Der Leipziger ASF-Freiwillige Richard Bachmann und Edith Maniker, Überlebende des Holocausts

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