Blog | 08. Februar 2021

„Wenn ein Schüler etwas zum ersten Mal tut, ist das auch für mich ein unglaubliches Erfolgsgefühl“

Ich heiße Louise Harbaum, bin 19 Jahre alt und komme aus Dresden. Im Frühling 2020 habe ich mein Abitur gemacht und arbeite nun seit August 2020 als ASF Freiwillige an einer norwegischen Folkehøgskole im schönen Örtchen Moi. Eine Folkehøgskole, von denen es über 70 in Norwegen gibt, ist ein Internat für junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren, die nach dem Schulabschluss ein Orientierungsjahr machen. Die meisten der Schüler*innen gehen nur ein Jahr auf eine Folkehøgskole. Es ist aber auch möglich, sich für ein zweites Jahr zu bewerben. Darüber hinaus können sich die Schüler*innen in Lundheim, für ein weiteres Jahr bewerben, in dem sie als „Stipendiater“ (Stipp) arbeitet. Während des Schuljahres besucht jeder Schüler in Lundheim zwei „Linien“ bzw. Klassen in der Woche. Hier in Lundheim kann man zwischen den Linien „Glamat“ (Kochen), „Kreativ Data“, Film og Foto“, „Media“, „Sport X“, „Fotball“, „Cosplay“, „E-Sport“, „Musik“, „Allround“ und „Allround Aktiv“ wählen. Der Unterricht wird von Lehrern und den Stipps geleitet und betreut. Für die Internatsarbeiten, wie das Wecken, Anziehen, zu Bett bringen, Duschen, Toilette, Pflege, Essen, sauber machen, Nachmittagsangebote sind ebenfalls die Stipps zuständig. Hier arbeiten sie mit einem großen Team aus Internatsfrauen zusammen.

Als „Fredsarbeiter“ (Friedensarbeiter) von ASF bin ich in der Position eines Stipps. Ich arbeite hier gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen Mila, drei Freiwilligen vom DRK und sieben norwegischen Stipps. Die Tatsache, dass norwegisches Stipps bereits im Vorjahr als Schüler*innen in Lundheim waren, hat es uns erleichtert, uns am Anfang zurechtzufinden. Ich arbeite unter der Woche in der „Allround“- und „Allround Aktiv“ Linie von 08:15-14:15 Uhr. Die Allround-Linien werden hauptsächlich von den Schüler*innen mit Beeinträchtigungen besucht. Wir machen Ausflüge, Spielen, Kochen, Basteln und üben alltägliche Aufgaben, wie zum Beispiel Wäsche waschen. Das Motto der Schule heißt „muligheter“ – Möglichkeiten. Das bedeutet, dass alles erdenklich Mögliche den Schüler*innen möglich gemacht wird. Wenn ein Schüler etwas zum ersten Mal tut, weil es ihm davor nicht ermöglicht wurde, ist das auch für mich immer ein unbeschreibliches Erfolgsgefühl. Zum Beispiel waren wir am Anfang des Schuljahres mit der gesamten Schule raften. In einem der Schlauchboote saßen auch zwei blinde Schüler. Das war eine unglaubliche Erfahrung.

Es hat etwas gedauert, bis ich mich in die Arbeit richtig eingefunden hatte. Aber mittlerweile kenne ich die Eigenarten und Vorlieben meiner Schüler*innen schon viel besser. Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass jeder Tag abwechslungsreich ist. Heute habe ich zum Beispiel eine gute Stunde damit verbracht, mit einem meiner Schüler das grüne Stück an der Erdbeere abzutrennen. Bei unserer Unterhaltung habe ich bemerkt, dass er sich an jede einzelne Mahlzeit erinnern kann, seitdem er in Lundheim angekommen ist. Die Arbeit, sowie die Schüler*innen halten also immer wieder Überraschungen bereit. Je länger ich in Lundheim arbeite, desto schöner wird es. Auch die Pflegearbeit im Internat macht Spaß. Wenn ich in einer Internatsschicht arbeite, habe ich Bereitschaftsdienst. Wenn einer der Schüler*innen Hilfe braucht und klingelt, sehe ich das auf meinem Beeper, den ich immer bei mir trage. Die Arbeit ist aber manchmal auch sehr anstrengend, besonders weil auf Grund von Corona die Herbst- und Winterferien ausfallen und wir stattdessen doppelt so lange Weihnachts- und Osterferien haben. In den Wochen, in denen ich eine Wochenendschicht habe, mache ich fast jeden Tag zwei Stunden Nachmittagsruhe.

Zu meinen Highlights gehörte bisher auf jeden Fall die Kajaktour. Mit einer kleinen Gruppe von Schüler*innen sind wir zwei Tage lang im Fjord gepaddelt und haben auf einer kleinen Insel in einer Hütte übernachtet. Dabei konnte ich auch einen Kajakschein machen. Das Wasser war zwar eiskalt, aber der Neoprenanzug hat uns halbwegs warmgehalten. Wenn man in der Dunkelheit das Paddel bewegt hat, hat das floureszierende Plankton im Wasser kurz aufgeleuchtet und eine schimmernde Spur hinter dem Kajak hergezogen.

In meiner Freizeit versuche ich bei gutem Wetter möglichst viel raus zu gehen. Weil wir einen unerwartet langen, warmen Sommer in Norwegen hatten, ging das bis Ende September auch noch sehr gut. Wir waren viel wandern, sind in die benachbarten Städtchen gefahren und waren sogar noch im Fjord baden. Wir haben auch Ausflüge auf den Berg Kjerag und den Preikestolen gemacht. Weil eine meiner Mitfreiwilligen mit dem Auto angereist ist, sind wir sehr flexibel, was spontane Ausflüge ermöglicht. Seitdem der Herbst angebrochen ist und sich nun sogar schon der Winter ankündigt, zeigt sich die Sonne nur noch ganz selten. Es wird spät hell, früh dunkel und regnet fast durchgängig. Ende November hat es einmal geschneit, das war sehr winterlich und hat bei allen die Weihnachtsstimmung eingeläutet.

Ich lebe mit zwei Mitfreiwilligen in einem eigenen kleinen Haus, gleich in der Nähe der Schule. Wir haben eine wunderschöne Terrasse mit Ausblick auf den Fjord. Von da aus können wir gut unseren Hausberg, der auf Grund seiner Form „die Nase“ genannt wird, schauen und hinunter ins Dorf. In Moi haben wir eine Bäckerei, einen Supermarkt, einen Charity-Shop, eine Pizzeria, mehrere Friseure und eine Schule. Fast alle Einwohner sind entweder in der Gemeinde aktiv und/oder im Fußballverein. Von unserem Haus sind es ca. 15 Minuten den Berg hinauf bis zu dem See Heivannet, von dem wir unser Trinkwasser bekommen. Zum Fjord läuft man etwa 10 Minuten. Dort führt eine Brücke über die Moisåna, von der man springen kann und sich bis in die Fjordmündung treiben lassen kann. Häufig verbringen wir aber auch den Tag backend, lesend und malend im Haus. In Lundheim wird uns zwar jede Mahlzeit angeboten, aber wir kochen auch ganz oft lieber selbst in unserer eigenen Küche. In Norwegen einzukaufen ist unglaublich teuer und ich bin dankbar dafür, dass wir unsere Lebensmitteleinkäufe im Vorratsraum der Schulküche tätigen können.

Weil man sich als Einreisende aus Deutschland zehn Tage in Quarantäne begeben muss, habe ich mich dazu entschlossen nicht über Weihnachten nach Hause zu kommen. Wir waren stattdessen eine Woche Skifahren gehen und haben uns eine gemütliche Hütte gemietet. Im verschneiten Norwegen konnten wir an einer Huskytour teilnehmen und durften die Hundeschlitten sogar selbst lenken. Außerdem haben wir ASF Mitfreiwillige in Andebu besuchen. Weihnachten und Silvester habe ich also im kleinen Kreis zu Hause in Moi feiern. Natürlich vermisse ich meine Freunde und Familie, aber bis jetzt hatte ich noch kein schlimmes Heimweh. Nur als ich im Oktober eine Woche richtig krank geworden bin, hätte ich am liebsten zu Hause in Dresden auf dem Sofa gelegen. Trotzdem wäre es schön, wenn ich Besuch aus Deutschland bekommen könnte, und vielleicht klappt das ja doch noch. Umso mehr freue ich mich über die zahlreichen Pakete und Briefe von zu Hause. Ich habe die Hoffnung, in den Osterferien nach Oslo und Bergen reisen zu können. Diese Städte gelten als Corona-Hotspots und dürfen im Moment nicht besucht werden. Aber das ist angesichts der momentanen Gesamtsituation vollkommen ok. Ich bin dankbar, dass ich eine der wenigen Freiwilligen bin, die in ihrer Arbeit kaum von Corona beeinflusst wird und bei der Arbeit keine Maske tragen muss.

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