Blog | 08. Juli 2018

Gemeinsames Erinnern und Gedenken in Belarus

Freiwillige 2017 am Erinnerungsort Malyi Trostenez

Malyi Trostenez am Rande der belarussischen Hauptstadt Minsk war die größte Vernichtungsstätte der Nationalsozialisten in der Sowjetunion. Die Opfer waren belarussische Zivilisten, Sowjetkämpfer und Partisanen, aber auch tausende  Juden aus Westeuropa. Nur wenigen in Deutschland ist die Geschichte dieses Ortes bekannt. Am 29. Juni 2018 fand die feierliche Eröffnung des zweiten Bauabschnitts der Gedenkstätte Malyi Trostenez statt. Die ehemalige ASF-Freiwillige Hannah Drasnin war vor Ort und berichtet hier von ihren Erfahrungen. 

Die Namen Auschwitz, Buchenwald oder Theresienstadt sind fast jedem ein Begriff. Wie viele Leute aber haben schon einmal von Malyj Trostenez gehört? Auch dort sind tausende Menschen ermordet worden, doch in der kollektiven europäischen Erinnerung an den Holocaust findet sich dieser Ort nur selten. Auch ich wusste bis vor kurzem nichts über diesen Ort bei Minsk. Als jedoch die Wanderausstellung "Malyj Trostenez - Geschichte und Erinnerung" des IBB Dortmund nach Wuppertal kam und ich die Ausstellung mit einem Kommilitonen um einen lokalen Bezug erweiterte, bemerkte ich schnell, wie eng auch die Geschichte meines Studienorts Wuppertal mit der von Malyj Trostenez zusammenhängt. Ich wollte mehr wissen und beschloss, zur Übergabe des zweiten Bauabschnitts der Gedenkstätte nach Minsk zu reisen, wo außerdem in der IBB „Johannes Rau“ in Minsk eine Konferenz zum Gedenken für eine gemeinsame europäische Zukunft stattfinden sollte.

Bereits einen Tag vor der Eröffnung fand unter dem Titel "Gedenken im virtuellen Raum" ein Workshop für junge Historiker*innen statt. Eine motivierte Gruppe junger Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern fand sich dort zusammen, um über Projekte zu sprechen, die das Gedenken für junge Menschen zugänglicher machen sollen. So konnten wir mit vielen Ideen, von Apps bis zu Online-Sammlungen, und gut vernetzt in die Konferenz am nächsten Tag starten.

Am Freitag, 29. Juni 2018, wurde der zweite Bauabschnitt der Gedenkstätte Malyj Trostenez in Anwesenheit des belarussischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka sowie des deutschen Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, und des österreichischen Bundespräsidenten, Alexander Van der Bellen, sowie weiterer Vertreter der Politik, Religionen und Institutionen feierlich übergeben.

Für mich begann der aufregendste Teil des Tages jedoch am Abend, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Konferenz der IBB Minsk besuchte und ich an einer Diskussion zur Erinnerungskultur mit ihm und weiteren jungen Historiker*innen aus Belarus, Russland und der Ukraine teilnehmen durfte. Neben dieser Diskussion gab es an diesem sowie am nächsten Tag ein vielfältiges Programm aus Reden, Zeitzeugenberichten, Exkursionen und Workshops.

Eine traurige Erkenntnis dieser Konferenz ist, dass Zeitzeugen durch nichts zu ersetzen sind, und dass in der Erinnerungskultur etwas Entscheidendes fehlen wird, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Gleichzeitig ist dieser Fakt eine Motivation, neue Wege des Erinnerns und Gedenkens zu finden, die es auch späteren Generationen möglich machen, das Ausmaß des Leidens zu verstehen und die nicht endende Trauer der Opfer und ihrer Angehörigen nachzuempfinden.

Der Weg zu einer europäischen Erinnerungskultur ist schwer, doch Ereignisse wie die Eröffnung dieser Gedenkstätte, die ein belarussisch-deutsches Kooperationsprojekt ist, sind in meinen Augen ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Mein persönliches Highlight waren die Gespräche, die ich mit ganz verschiedenen Menschen führen konnte. Es war schön zu sehen, dass so viele Menschen aus verschiedenen Ländern, die aus ganz unterschiedlichen Gründen zu dieser Konferenz gekommen sind, alle die Erinnerung als gemeinsames Ziel haben. Ich hoffe, dass Malyj Trostenez - jetzt ein würdiger Gedenkort - auch ein lebendiger Lernort wird, wo aus der Geschichte gelernt und die Zukunft gemeinsam aufgebaut werden kann.

Hannah Drasnin