Blog | Freiwilligenbericht | 30. Oktober 2018

Um eine Erfahrung reicher

Heute in unserem Freiwilligenblog: Hannah-Laura Osang, die ein Jahr als Freiwillige in Gent mit Menschen mit Beeinträchtigungen zusammenlebte und -arbeitete.

Mein Freiwilligenprojekt, die Arche Gent, gehört zu der Organisation L‘Arche international und ist eine Gemeinschaft, wo Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben. Unsere Gemeinschaft besteht derzeit aus sechs Bewohner*innen mit einer Behinderung und weiteren vier jungen Bewohner*innen, die teilweise studieren, arbeiten oder als Assistent im Haus tätig sind. Ich bin eine innewohnende Freiwillige und habe dadurch die Möglichkeit, viel Zeit mit den Bewohner*innen zu verbringen und eine enge Bindung aufzubauen. Da wir eine eher junge und nicht sehr große Gemeinschaft sind, haben wir kein angeschlossenes Atelier, was sonst häufig der Fall bei Archen ist, stattdessen besteht unser Alltagsprogramm aus sehr abwechslungsreichen Aufgaben. An einigen Tagen der Woche gehen wir Assistenten zusammen mit den „Gasten“ (Bewohner*innen mit mentalen Behinderungen) in nahegelegene Läden und Vereine, in denen wir beim Regale einräumen, putzen oder sonstigen Aufgaben helfen. Ansonsten bewältigen wir zusammen den Haushalt, kochen, waschen, putzen. Neben all den alltäglichen Dingen ist das Leben hier aber geprägt durch die außerplanmäßigen Aktivitäten. Jede Woche kommen neue Aktivitäten, Ausflüge oder Besucher*innen hinzu. Hier zeigt sich die Gastfreundschaft und Offenheit der Arche, die Türen sind immer offen für Freund*innen und Menschen, die Kontakt und einen freundlichen Ort suchen. Morgens, mittags und abends wird gemeinsam das Essen vorbeireitet und gegessen, in diesen Momenten kommen alle Bewohner*innen und Assistent*innen zusammen, berichten von Erlebnissen, teilen ihre Geschichten und lachen zusammen.

Nachdem ich die ersten Tage die Möglichkeit hatte mich von den Seminaren ein bisschen auszuruhen und mich in die Gemeinschaft einzuleben, begann ich mich nach und nach dem Rhythmus der Arche anzupassen und mitzuarbeiten. Meine Aufgaben bestanden dann meist aus kleinen Einkaufstouren mit den Bewohner*innen oder aber auch gewöhnlichen Haushaltsaufgaben, wie Wäsche waschen oder gemeinsam kochen. Auch außergewöhnliche Aufgaben wie der Bau einer neuen Küche zu Beginn meiner Arbeit hier, gehörten mit zu meinen Aufgaben. Immer im Team mit Assistent*innen und Bewohner*innen waren das meist gesellige Stunden, in denen viel gelacht wurde.

Am einen Abend im Monat veranstalten die Bewohner*innen der Arche das „Arkcafé“. Dieser Abend ist ein besonderer Abend, alle Freunde werden eingeladen und mit ca. 30 der engsten Freunde wird dann ein gemütlicher Abend verbracht. Es wird gemeinsam getrunken und gegessen. Gute und schlechte Nachrichten werden verkündet und alle zusammen genießen wir die geselligen Stunden, bei denen auch erstaunlich viele junge Leute kommen. Dieser Abend ist sowohl für die Bewohner*innen als auch für mich einer der liebsten Abende des Monats. An einem solchen Abend, an dem eine so große Gemeinschaft zusammenkommt und jede*r so sein kann, wie er*sie ist, bin ich dankbar darüber, eine so wunderbare Erfahrung machen zu dürfen. Die Menschen hier kennenzulernen ist eine große Bereicherung. Jedem Menschen wird hier Zeit und Anerkennung geschenkt, gleichzeitig können alle auf ihre Weise der Gemeinschaft etwas zurückgeben.

Ein Erlebnis, das ich auch nicht schnell vergessen werde, ist das Theaterstück einer Bewohner*in gewesen. Die erste Veranstaltung, zu der ich alleine mit einigen Bewohner*innen gehen sollte. Wir waren zu fünft, vier Bewohner*innen und ich. Gemeinsam, mit Rollstuhl und allen nötigen Dingen, bestiegen wir den Bus und machten uns auf den Weg zum Theater. Dort führte die Theatergruppe einer unserer Bewohner*innen ihr lang geprobtes Stück auf. Wir suchten uns gute Plätze, beschafften uns noch Snacks und Getränke und warteten gespannt darauf, dass es losgehen sollte. Der Krimi, der dann folgte, ließ mich staunen. Mit Leidenschaft, Talent und Humor füllte die Gruppe den Saal. Wir waren begeistert! So vielfältig und mitreißend war das Stück. Nachdem ausgiebig applaudiert und gefeiert war, machten wir uns auf den Rückweg. Glücklich, dass alles so gut gelaufen war und beeindruckt von dem Abend, endete der Abend und ich war glücklich, noch um eine Erfahrung reicher zu sein. Mit ein bisschen Abstand kann ich nun sagen, dass ich genau an solchen Momenten erkenne, wie wertvoll das Zusammenleben mit Menschen mit Beeinträchtigungen ist.

Das Leben im Projekt ist abwechslungsreich, doch auch außerhalb der Arbeit und dem Leben im Projekt sind wir als Freiwilligengruppe innerhalb Belgiens gut vernetzt. Es hat einen großen Vorteil, wenn das Projektland klein ist, wir sehen uns viel und können uns gegenseitig besuchen. Wenn ich mein Leben hier in wenigen Worten beschreiben müsste, würde ich sagen, es ist abwechslungsreich und bereichernd. Ich lerne viel über Gemeinschaft und Zusammenleben. Gleichzeitig entwickle ich ein Gefühl dafür, was es heißt bewusst zu leben, Situationen zu genießen und den Umgang miteinander zu schätzen.

Hannah-Laura Osang war 2017-18 Freiwillige in De Ark Gemeenschap Gent in Belgien.

Die Bewerbungsfrist für den Friedensdienst ab September 2019 ist abgelaufen. Wenn es doch noch freie Plätze geben sollte, wird das auf der Bewerbungsseite veröffentlicht.

Hier gibt es eine Übersicht aller Freiwilligenprojekte in Belgien.

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