Blog | von Beata Tomczyk | 14. Mai 2018

„…wir dürfen nicht vergessen“

Beata Tomczyk bei der Gedenkfeier in Hebertshausen am 29. April 2018

Anlässlich der Befreiungsfeier des KZ Dachau am Mahnmal für die ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen in Hebertshausen hielt die ASF-Freiwillige Beata Tomczyk eine Rede, die hier dokumentiert ist.

Seit fast acht Monaten arbeite ich in der KZ-Gedenkstätte. Ich wurde mehrmals gefragt, warum willst Du hier deinen Freiwilligendienst machen? Warum denkst du, dass es wichtig ist, an so schreckliche Sachen zu erinnern, die hier, in Hebertshausen, in Dachau, und an anderen Orten geschehen sind? Macht es Sinn, immer über immer die gleichen Dinge zu sprechen? Der Krieg wurde vor 73 Jahren beendet. Müssen wir wirklich noch darüber so viel reden? Es scheint fast, dass die Menschen genug über den Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg wissen. Vielleicht sollten wir nicht so viel daran denken und darüber diskutieren?

Ein Beispiel möchte ich erzählen.

Vor ein paar Wochen habe ich zusammen mit Maja Lynn, die mit mir Freiwilligendienste in Dachau macht, eine Schule in München besucht. Wir haben dort Werbung für unsere Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste gemacht, um die Idee des Freiwilligendienstes jungen Leuten vorzustellen. Weil Aktion Sühnezeichen Friedensdienste sehr viel zum Thema Holocaust, Erinnerungskultur und Versöhnung macht, wurden die Jugendlichen am Anfang unserer Präsentation nach ihre Meinung zu diesem Thema gefragt. Ehrlich gesagt, war ich nicht überrascht, dass einige Schüler dem Satz „In der Schule haben wir so viel über den Holocaust geredet, ich kann das alles nicht mehr hören“ zustimmten.

Obwohl ich nicht überrascht war, bedeutet das nicht, dass ich zufrieden war. Vor einigen Wochen habe ich eine Studie der Opferorganisation Jewish Claims Conference gelesen. Die Studie zeigt, dass junge Leute aus der USA erschreckend wenig über dem Holocaust wissen. 41 Prozent der Teilnehmenden wussten nicht, was Auschwitz ist. Unter den Befragten, die in der Untersuchung als Menschen zwischen 18 und 34 definiert wurden, konnten 66 Prozent diese Frage nicht beantworten. Mehr als jeder Fünfte der jungen Teilnehmer gab sogar an, entweder noch nie vom Holocaust gehört zu haben, oder sich nicht sicher zu sein, ob er schon mal davon gehört hat. Die Interviewten waren auch schlecht informiert: 31 Prozent von ihnen dachten, dass im Holocaust zwei Millionen oder weniger Juden ermordet wurden. 49 Prozent der Befragten konnten außerdem kein Konzentrationslager oder Ghetto nennen. Die Studie hat aber auch Hoffnung gemacht: 80% der Befragten haben gesagt, dass es wichtig ist, über den Holocaust in den Schulen zu unterrichten, damit das nie wieder passiert. Als ich diese Forschungsergebnisse gelesen habe, habe ich gedacht, das ist der unwiderlegbare Beweis, dass weiter üben den Holocaust berichtet und gelehrt werden muss. Wir können es nicht hinnehmen, dass die nächsten Generationen die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust vergessen.

Ich denke,
dass meine Generation eine besondere Verantwortung dafür hat, über den Holocaust und andere Verbrechern, die zwischen 1933 – 1945 geschehen sind, zu informieren. Wir sind die letzte Generation, die sich persönlich mit Zeitzeugen treffen kann. Die nächsten Generationen werden sich über den Holocaust nur durch Literatur, Filme oder anderen Medien informieren können. Wir sind die Letzten, die den Zeitzeugen noch Fragen stellen können.

Ich fühle mich in besonderer Weise zur Erinnerung verpflichtet, weil ich aus Polen komme. Aus dem Land, wo der Holocaust in unglaublicher Weise stattgefunden hat. Wo Nazis so viele Menschen ermordet haben. Vor dem Krieg hat in Warschau, meine Heimatstadt, eine der größten jüdischen Minderheit Europas gelebt. Sie wurde durch den Holocaust fast vollständig vernichtet.

Wenn man heute durch Warschau geht, kann man an fast jede Ecke ein Denkmal oder eine Informationstafeln finden, wo zu lesen ist, dass hier so und so viele Menschen ermordet wurden. Diese Tafeln, die ich jeden Tag in Warschau sehen konnte, erinnern mich daran, dass wir alles tun müssen, dass sich solch ein Verbrechen nie wiederholt. Das ist eine große Herausforderung und ich bin nicht sicher, ob wir genug dafür tun.

Piotr Cywiński, der polnische Historiker und Direktor der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau hat am 73. Befreiungstags des Konzentrationslagers Auschwitz sehr deutliche Worte dazu gesagt, mit denen ich sehr einverstanden bin: „Unsere ganze Welt lebt mehr und mehr auf diese Weise, als ob es nicht viel aus der Tragödie der Shoah und der Konzentrationslager gelernt hätte. Wir sind nicht in der Lage, effektiv auf die nächsten anderen Völkermorde zu reagieren. Hunger und Tod, verursacht durch endlose Kämpfe, mobilisieren nicht unserer Institutionen und Gesellschaften zu effektive Aktionen. Der Waffenhandel und die Ausbeutung der Arbeitskräfte stürzen die ärmsten Regionen der Welt in Armut und Krieg. Die Vereinten Nationen brachte auch keine Hoffnung. Die Europäische Union ist von innerer Apathie zersetzt. Gleichzeitig leiden unsere Demokratien unter einem Anstieg von Populismus, nationalem Egoismus und neuen Formen extremer Hassreden. Braune Gruppen entweihen unsere Straßen und Städte. Haben wir in nur zwei oder drei Generationen so viel verändert? Was passiert mit unserer Welt? Was passiert mit uns selbst? Ist Erinnerung wirklich keine Verpflichtung?“.

Ich habe diese Worte zitiert,
weil ich ähnliche Gedanken und Sorgen wie Piotr Cywiński habe. Erinnerung wäre nicht genug, wenn wir das nicht mit dem eigenen Handeln verbinden. Deshalb möchte ich meine Rede mit einem anderen Zitat schließen, mit den Worten von Max Mannheimer: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon." Wir dürfen das nie vergessen.

Beata Tomczyk, Jahrgang 1991, kommt aus Warschau (Polen) und arbeitete 2017/2018 als ASF-Freiwillige in der Versöhnungskirche Dachau.

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