Aktuelles | Rückblick | 10. Dezember 2018

Wir erinnern: Deutschlandweites Gedenken

Teilnehmende der "Wir erinnern"-Aktion in Berlin gedenken der ehemaligen jüdischen Bewohner*innen der Zehdenicker Str. 20. Foto: ASF/Gundi Abramski

Im November jährten sich die Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung zum 80. Mal. Mit einer bundesweiten Aktion lenkte Aktion Sühnezeichen mit den Regionalgruppen in verschiedenen Städten in Deutschland die Aufmerksamkeit auf jene Orte, die vor 80 Jahren zur Zielscheibe von Gewalt und Zerstörung wurden – wie jüdische Wohnhäuser, Geschäfte und Orte.

In Alfeld, Bremen, Hamburg-Bramfeld, Freiburg im Breisgau, Leipzig, Halle (Saale), Heidelberg, Münster, Stuttgart und  Tübingen fanden rund um den 9. November Gedenkaktionen unter dem Motto "Wir Erinnern" statt.

In Freiburg erinnerte die ASF-Regionalgruppe an die Alte Synagoge der Stadt, die 1938 von den Nazis zerstört wurde. Heute erinnert ein Gedenkbrunnen an die Geschichte des Platzes. Auf der Gedenkveranstaltung, in deren Rahmen der Enkelsohn von Schoa-Überlebenden François Blum sprach, wurde auf die Erweiterung und Sichtbarmachung des Gedenkortes gedrängt, der im Sommer als Planschbecken benutzt wird. „Es wurde deutlich deutlich, dass in Freiburg ein großes allgemeines Interesse besteht bei Fragen um den Platz, zu historischen Aspekten, den Ansichten der jüdischen Gemeinden, den Hintergründen der Entstehung des Brunnens und Fragen danach, wie es mit dem Gedenken auf dem Platz in Zukunft weitergehen soll“, sagt Maja Blomenkamp von der ASF-Regionalgruppe in Freiburg. „Mit der Aktion haben wir sehr viele Menschen erreicht und konnten auch einen Teil zu der Debatte um den Platz beitragen.“

In Stuttgart organisierte die Regionalgruppe eine Gedenkaktion im Rahmen eines stadtweiten Erinnerungsprojekts, das von der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg zusammen mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, dem Stadtjugendring und Jugendhaus Gesellschaft initiiert wurde und an dem Schüler*innen aus 29 Schulen teilnahmen. Die Regionalgruppe erinnerte an Theo und Elise Kaufmann, Inhaber*innen von "Speiers Schuhwarenhaus" in der Königstraße, das 1937 enteignet wurde. Das Ehepaar Kaufmann wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Bei einer Gedenkveranstaltung in der Stuttgarter Synagoge sprach Anne Maurer aus der Regionalgruppe über die Bedeutung von Erinnern als Verantwortung.

Dem Boykott jüdischer Geschäfte in Münster gedachte eine Aktion in der Ludgeristraße, in der sich 1933 ein EPA-Kaufhaus befand - mitten in der Innenstadt. Vor dem heutigen H&M Kaufhaus gedachte eine Veranstaltung, auf der Redebeiträge von Vertreter*innen des VVN BDA und der Regionalgruppe Münster zu hören waren und die zahlreiche Passant*innen erreichte, der Novemberpogrome in Münster.

In Alfeld kamen – vermutlich 30 Jahre nach der letzten Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Pogrome – etwa 50 Menschen auf den Marktplatz und ins Stadtmuseum, um einen Vortrag zu den Novemberpogromen in Alfeld und Umgebung zu hören sowie ein neues Ausstellungselement zur Geschichte iund Verfolgung jüdischer Menschen in Alfeld, das im Stadtmuseum enthüllt wurde, zu sehen.

In Leipzig fanden mehrere Aktionen im Rahmen von „Wir erinnern“ statt: Über 1.000 Menschen nahmen an der Gedenkdemonstration am Vorabend des 80. Jahrestages der Novemberpogrome teil, die nicht nur erinnerte, sondern ein klares Zeichen gegen Antisemitismus und Menschenverachtung heute setzte. Am 9. November erinnerte die Regionalgruppe mit einer Verhüllungsaktion an die Euthanasieverbrechen in einem Haus in der Riebeckstraße, das während des Nationalsozialismus auch als Sammelstelle für Deportationen diente. Im Anschluss daran organisierte die Gruppe eine Putzaktion von Stolpersteinen in der Löhrstraße, die im Jahr 2016 unter Mitwirkung der Leipziger Regionalgruppe in Erinnerung an die Familien Grünbaum, Ribetzki und Schmulewitz verlegt worden waren.

In Berlin wurde, gemäß dem Leipziger Vorbild, im Rahmen der Gedenkveranstaltung für die Verlegung von Stolpersteinen vor dem Haus in der Zehndenicker Straße 20 gesammelt. Bisher erinnert nichts an die jüdische Familie Fass, die in diesem Haus in der Nacht vom 9. auf den 10. November in ihrer Wohnung überfallen wurde. So konnten bereits über 200 € für die geplante Verlegung der Stolpersteine gesammelt werden.

In Tübingen wollte die ASF-Regionalgruppe im Rahmen einer Gedenkaktion an der Universität auf die Beteiligung der Bildungs-„Elite“ der Stadt  an der Ausgrenzung und Verfolgung der städtischen Jüdinnen*Juden aufmerksam machen. Bereits im Vorfeld wurden ihnen dabei jedoch Steine in den Weg gelegt: die Universität verweigerte eine Erlaubnis der Gedenkveranstaltung auf dem Geschwister-Scholl-Platz. Stattdessen informierte die Regionalgruppe auf dem Gehweg vor der Neuen Aula über die Mitschuld der Tübinger Bildungsschicht an den nationalsozialistischen Verbrechen. Mittlerweile hat die Universität ihren Fehler eingesehen.

In Hamburg-Bramfeld fand eine Gedenkveranstaltung statt, die in Kooperation mit einer Schule, einer evangelischen Gemeinde und dem Haus der Jugend organisiert wurde. Anhand eines Stolpersteinspaziergangs wurde dort auch auf die Arbeit von ASF aufmerksam gemacht.

Auf dem Marktplatz in Halle (Saale) wurde des Schicksals von Johanna, Curt und Wilhelm Siegmund Lewin gedacht. Sie waren Teilhaber*innen des Kaufhauses Lewin auf dem Markt in Halle, welches 1935 im Zuge der sogenannten "Arisierung" an das Unternehmen Biermann und Semrau zwangsversteigert wurde. Johanna und Curt Lewin wurden 1942 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermordet, ihrer Tochter Ilse gelang 1938 die Flucht nach England. Wilhelm Sigmund Lewin tauchte in Leipzig unter und nahm sich dort als 78-Jähriger das Leben. Ronja Abhalter von der Regionalgruppe sagt dazu: "Die Texte und Bilder an so einem zentralen Ort haben viele Menschen zum Stehenbleiben und Lesen eingeladen. Viele Menschen waren sehr interessiert und dankbar, dass wir uns diesem Kapitel der Stadtgeschichte gewidmet haben und es in die Öffentlichkeit brachten. Auch haben wir in Gesprächen gemerkt, das das Kaufhaus für viele mit Erinnerungen und auch Familiengeschichte verbunden ist."

In Bremen erinnerte am 8. November die Regionalgruppe in Kooperation mit der AG Schlachthof an die Deportation von 300 Sinti*za und Rom*nja vom Bremer Schlachthof nach Auschwitz. Ab dem 8. März 1943 wurden am ehemaligen Schlachthof und heutigen Kulturzentrum Sinti*za und Rom*nja aus und dem Nordwesten festgesetzt und anschließend in Sammeltransporten nach Auschwitz deportiert.

In Heidelberg nahmen am 10. November Mitglieder der Regionalgruppe an einer Gedenkveranstaltung der jüdischen Gemeinde Heidelberg für die nach Gurs, Frankreich, deportierten Jüdinnen*Juden teil und unterstützten die Gemeindemitglieder beim Verlesen der Namen der deportierten Menschen.  Marieke Onnasch aus der Regionalgruppe sagt: "Es ist gerade im Hinblick auf das aktuelle politische Geschehen wichtig, ein geschlossenes Zeichen gegen Antisemitismus und Diskriminierung zu setzen. Gedenktage wie diese regen dazu an beziehungsweise müssen aktiv genutzt werden, um an unsere Vergangenheit zu erinnern und sich auch heutiger Diskriminierung bewusst zu werden."

 

Eine Übersicht über alle im Rahmen von „Wir erinnern“ durchgeführten Veranstaltungen finden Sie hier.

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