Blog | 30. Oktober 2018

Zwei Freiwillige berichten bei Yad Vashem-Ehrung

Mariane Pöschel und Hannah Lutat. Foto: Botschaft des Staates Israel / Ruthe Zuntz

Hannah Lutat und Mariane Pöschel haben bei der Yad Vashem-Ehrung für Lothar und Johanna Kreyssig als „Gerechte unter den Völkern“ das Schlusswort gehalten. Hier dokumentieren wir ihre Rede:

Hannah Lutat:

Mein Name ist Hannah Lutat, ich war 2013 bis 2014 ASF-Freiwillige in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem sowie im Altenheim Idan Hazahav.

Meine Hauptaufgabe bei Yad Vaschem bestand darin,  Zeugenaussagen von Gerichtsprozessen gegen Verbrechen gegen die  Menschlichkeit  nach 1945 vom Deutschen ins Englische zu übersetzen und zu archivieren. Dabei stieß ich immer und immer wieder auf Sätze wie: „Das habe ich ja gar nicht gewusst…Ich konnte ja gar nicht… das habe ich nicht gewollt. I didn’t know… I couldn’t… I didn’t mean to…“  Ich musste mich sehr zusammenreißen, um in dieses kleine Fenster, was vor mir auf dem Bildschirm erschien nicht hinzuzufügen: Doch!

Mariane Pöschel:

Mein Name ist Mariane Pöschel. Ich war vor 7 Jahren, also 2011/2012 Freiwillige mit Aktion Sühnezeichen in Warschau, Polen. In Warschau habe ich für die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung gearbeitet. Ich konnte die Mitarbeiter*innen bei der täglichen Arbeit unterstützen und auch eigene polnische-deutsche Projekte wie einen Literaturkreis umsetzen.

Ein besonderer Teil der Arbeit war aber der Besuch bei ehemaligen Zwangsarbeiterinnen in Warschau. Ich besuchte die Frauen zuhause und half ihnen beim Einkauf oder bei Arztbesuchen, kochte mit ihnen zusammen und lernte Polnisch.

Hannah Lutat:

Wenn ich an meine Zeit mit Aktion Sühnezeichen Friedendienste in Jerusalem zurückdenke, dann erinnere ich mich  vor allem an die vielen Momente, in denen ich an meine Grenzen stieß. Momente, in denen Worte nicht mehr ausreichten für das, was da vor mir lag. Momente, in denen ich das Unfassbare vor Augen hatte und meine  Stimme versagte.  Umso wichtiger, dass ich mit Yad Vaschem einen Ort gefunden habe, an dem alles Unsagbare erfahrbar geworden ist. Wer schon einmal dort gewesen ist, der wird sich vielleicht an jenen symbolischen Ort erinnern, der friedvoll in hellem Sandstein am Har Herzl ruht. Ein Ort der Stille, der Erinnerung und des Gedenkens. Ein Ort, an dem die moralische Frage der Schuld nicht wie eine dunkle Wolke über uns schwebt, sondern ein Ort, der den Opfern Raum gibt. Ein Ort, der mich gelehrt hat: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.“

Mariane Pöschel:

Vor meinem Friedensdienst wusste ich wenig über das Schicksal polnischer Zwangsarbeiter*innen während des Zweiten Weltkrieges. In Warschau lernte ich Menschen kennen, die als Jugendliche nach Deutschland deportiert und hier zur Arbeit gezwungen wurden.

Mit einer Frau kochte ich immer zusammen Mittagessen. Beim ersten Mal gefielen ihr meine geschälten Kartoffeln nicht. Es wären noch zu viele Stellen daran. Sie könne Kartoffeln zu jeder Tages- und Nachtzeit mit offenen oder geschlossenen Augen schälen, denn sie hätte jeden Morgen Kartoffeln für die gesamte Belegschaft des Bauernhofes, auf dem sie zur Arbeit gezwungen wurde, schälen müssen. Sie erwähnt die Geschichte am Rande, zwischen Tür und Angel, aber eigentlich bedeutet sie viel mehr. Diese kleine, vielleicht auf den ersten Blick unbedeutende Geschichte hat für mich gezeigt, dass die Erinnerungen an Zwang, Gewalt und Angst immer da sind und das Leben dieser Menschen beeinflussen -sie bleiben bis heute. Mir ist in diesem Moment bewusst geworden, was Gewalt und Krieg mit Menschen machen. Ich bin dankbar, dass ich diese Begegnungen machen konnte. Ich bin dankbar für die Offenheit dieser Frauen und für ihre Freundschaft.

Hannah Lutat:

We natati lachem bbeiti wbchumati Yad Veschem.(hebr.) „Und ich werde ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben (Yad Vashem)… der niemals ausgetilgt werden soll"  Dieser Leitsatz steht in  großen Lettern über dem Eingangstor Yad Vaschems geschrieben. Lothar Kreyssigs Leitgedanke war: „Man kann es einfach tun und wer es nicht gewollt hat, der hat nicht genug getan.“ Diesem Satz folgend stehend wir heute hier. Es ist unsere Pflicht, zu erinnern und uns dafür einzusetzen, dass so etwas nie wieder geschehen darf.

Mariane Pöschel:

Mein Friedensdienst hat mich sehr geprägt. Ich habe angefangen Geschichte zu studieren und setze mich für einen deutsch-polnische Dialog ein. Lothar Kreyssig war zu Beginn der Gründung von ASF gerade auch die Versöhnungsarbeit in Polen sehr wichtig. Neben Russland und Israel nannte Kreyssig Polen als Land, das besonders unter der deutschen Besatzung gelitten hatte. Auch heute in Zeiten des Erstarkens von Rechtspopulismus und Ausgrenzung in Deutschland und Polen ist diese Arbeit wieder schwerer geworden. Doch das unermüdliche Engagement von Lothar Kreyssig gibt mir Mut und zeigt mir, dass auch wir heute weiter machen müssen und uns immer wieder einsetzen müssen für ein demokratisches und solidarisches Europa.

Bis zum 15. November 2018 können sich Interessierte noch für einen Freiwilligendienst bewerben. Hier geht es zur Bewerbung.

Hier geht es zur Pressemitteilung anlässlich der Yad Vashem-Feierstunde.

 

 

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