Briefe aus Tschechien

Zoe im Kulturni Zentrum Rehlovice

Ich bin Zoe, 18 Jahre alt und ich mag Bananenmilch, La La Land und impressionistische Musik. Irgendwann würde ich gerne mal auf einer Opernbühne stehen oder alternativ etwas anderes Kreatives ausüben.

Doch vorerst führt mich mein Weg nach Tschechien, Rehlovice (ehemaliges Sudentenland), um dort im Rahmen von Aktion Sühnezeichen einen Friedensdienst in der politischen Bildung zu bestreiten. In Rehlovice arbeite ich im "Kulturni Zentrum", einem restaurierten Bauernhof, der nun zu einer künstlerischen Begegnungsstätte umfunktioniert wurde. Nun dient es als Gästehaus und es finden dort kulturelle Veranstaltungen, Kunstsymposien und Ausstellungen statt.

Meine Aufgaben dort lassen sich sehr gut in zwei Bereiche teilen. Zum einen handwerkliche Tätigkeiten, wie Gärtnern, Kochen, Gäste bewirten und Putzen. Meine andere Arbeit geht in den kreativen Bereich. Ich darf Artikel schreiben, Übersetzungen anfertigen, mich mit Kunstwerken auseinandersetzen, an Seminaren teilnehmen und vorallem auch selbst meine eigenen Projekte entwickeln. Aufgrund von letzterem würde ich sagen, dass hier Arbeit und ein alternativer, kreativer Lebensstil miteinander verschmelzen. Denn Lenka, meine Arbeitgeberin, schafft in diesem Jahr auch viel Fläche für eigenen kreativen Prozess, Zeit zum Ausprobieren und Entwickeln. So kann ich sagen, dass ich nach etwa sechs Wochen wirklich gut angekommen bin und mich von hier nicht mehr wegdenken möchte. Die letzte Zeit war geprägt von wunderbaren Erfahrungen, Eindrücken und Erlebnissen, sodass ich Tschechien für dieses Jahr mein zweites Zuhause nennen kann.

Angefangen mit unserem ersten Willkommen in der „Schönheitsmetropole“ Usti nad Labem (meinem Wohnort) war ich wohl erstmal enttäuscht. Die Stadt wird durch ihre dominierende Industriefunktion wohl nie als touristisch wertvolles Ausflugsziel eingestuft werden. Doch schon am nächsten Tag sollte sich der anfängliche Gesamteindruck ändern. Es folgten turbulente Wochen, angefangen mit einem zweiten willkommenen Einstieg auf einem Weinfest in unserer Nachbarstadt, über das Erkunden meines Arbeitsplatzes, der die perfekte Mischung zwischen verwildert und restauriert darstellt, ausgiebige Spaziergänge an der Elbe, gemütliche Abende in der Freiwilligenrunde bei denen mir Kartenspiele immer sympathischer wurden, ein einwöchiger Kunstworkshop, bei dem ich meine erste Begegnung mit Malerei auf Augenhöhe hatte und der bei nächtlichen Gesprächen und Tanzeinlangen auf dem Hausdach richtig ausgekostet wurde, meine erste nichttouristische Stadterkundung Prags, die darin endete, in alle Straßenbahnlinien einzusteigen, um möglichst viel zu entdecken, der Erfolg, mein eigenes Bankkonto eröffnet zu haben (wobei bei letzterem bin ich noch nicht so sicher, was ich da wirklich abgeschlossen habe, wenn mich demnächst eine Waschmaschinenlieferung erwartet muss ich meinen Fortschrittseifer wohl zurücknehmen…) und der Kulturbrunch, meine erste mitorganisierte Veranstaltung.

Insgesamt ist Usti nad Labem eine Stadt, bzw. Tschechien ein Land auf den zweiten Blick. Und immerhin beherbergen wir die schiefste Kirche Mitteleuropas und *trommelwirbel* die schönste Brücke der Welt der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. Ich habe den Eindruck Tschechien wird einfach unterschätzt. Mich haben vor meinem Antritt dieses Freiwilligenjahres einige Menschen gefragt: „WARUM TSCHECHIEN??“
Meine Antwort: Warum sollte es einen immer in die Ferne treiben, wenn man doch schon so nah Tolles erleben und bewirken kann?

Kim und Nele in Terezín

Ahoj, wir sind Kim und Nele und seit beinahe zwei Monaten leben wir in der wunderschönen Stadt Litoměřice. Die ersten Wochen hier in Tschechien vergingen wahnsinnig schnell, was nicht zuletzt daran liegt, dass kein Tag wie der andere ist.

Jeden Morgen fahren wir mit dem Fahrrad nach Terezín, besser bekannt als Theresienstadt, wo wir den deutschsprachigen Teil der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte bilden. Es ist unsere Aufgabe, die Fahrten der deutschsprachigen Gruppen nach Theresienstadt zu organisieren und Führungen und Workshops mit ihnen durchzuführen. Wir tragen also gerade organisatorisch viel Verantwortung, können aber auch inhaltlich sehr frei und selbstständig arbeiten.

Die ersten Wochen in Terezín verbrachten wir hauptsächlich damit, uns auf unsere ersten Führungen vorzubereiten und unsere Aufgabenbereiche besser kennenzulernen. Auch Terezín lernen wir von Tag zu Tag besser zu verstehen, einen Ort, der zwischen Ghetto-Vergangenheit und glorreicher Festungszeit bis heute um sein Geschichtsverständnis ringt. Allerdings zahlen sich die vielen Stunden, die wir mit Führungskonzepten, Workshopmappen und nicht digitalisierten Dokumenten verbracht haben, aus, und wir sind bereits erfolgreich auf unsere erste eigene Gruppe losgelassen worden.

Auch außerhalb von Terezín haben wir uns bereits sehr gut eingelebt. In Litoměřice und Umgebung gibt es viele kulturelle Veranstaltungen, ein Programmkino, und wundervolle Menschen, die uns mit offenen Armen empfangen haben. Obwohl wir auf der Arbeit fast ausschließlich Deutsch sprechen, haben wir uns in den Kopf gesetzt, trotzdem Tschechisch zu lernen, und sind schon in der Lage, sowohl tschechische Kinderbücher als auch serbische Filme mit tschechischen Untertiteln halbwegs zu verstehen. Auch an die sehr deftige tschechische Küche haben wir uns mittlerweile weitestgehend gewöhnt, wir freuen uns aber weiterhin über nett gemeinte Gemüsesendungen.

Hannah in Prag

Ahoj! Mein Name ist Hannah Pohl, ich bin 19 Jahre alt und komme aus einem kleinen Dorf in Ostwestfalen. Ich bin seit September Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der Hauptstadt von Tschechien.

Nach intensiver und toller Vorbereitung in Hirschluch und Prag, ging es für meine beiden Mitbewohner und mich auch schon los. Seit ungefähr zwei Monaten bin ich nun unterwegs und lebe mich jeden Tag weiter in meiner neuen Stadt, meiner Wohnung und in meinen Projekten ein.

Meine Hauptaufgabe ist die Arbeit bei einer Organisation, welche sich für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einsetzt. Ich besuche meine Klient*innen, unterhalte mich viel, unterstütze sie im Alltag oder leiste einfach Gesellschaft bei Tee, Café und Keksen.

Außerdem gebe ich im Kontaktzentrum Deutschstunden und helfe bei der Vorbereitung von Veranstaltungen (Zeitzeugengespräche, Gymnastikstunden etc.) mit.

Da es heutzutage leider nur noch wenige Überlebende gibt, habe ich mir noch zwei weitere Aktivitäten dazu gesucht. Einmal pro Woche besuche ich ein Gymnasium und helfe einer Lehrerin im Deutschunterricht. Außerdem arbeite ich in einem Archiv und bearbeite dort Prozessakten aus dem ehemaligen "Protektorat Böhmen und Mähren" und notiere die dort enthaltenden Informationen zu den verurteilten Personen.

Die Kombination aus den drei verschiedenen Projektbereichen finde ich besonders spannend und macht mich sehr glücklich. Bisher ist die neue Lebenssituation noch sehr ungewohnt, ich blicke aber positiv in die Zukunft und freue mich auf die kommenden Monate.

Josefine in einer Werkstätte in Brno

Ahoj, mein Name ist Josefine Valentin, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Frankfurt am Main. Seit September bin ich in Tschechien als ASF-Freiwillige unterwegs und wohne jetzt seit dem 15. September in der schönen und (für tschechische Verhältnisse) großen Stadt Brno. Dort wohne ich mit Jacob, einem weiteren Freiwilligen von ASF, und Marie, einer ehemaligen Freiwilligen, in einer super schönen Wohnung mitten im Zentrum von Brno zusammen.

Ich bin in zwei Projekten tätig. Das erste beinhaltet die Arbeit mit Menschen mit Behinderung in einer Werkstätte. Dadurch, dass ich vier Tage der Woche dort verbringe ist das auch der größte Teil meiner Arbeit und somit auch meines jetzigen Lebens. Bei dieser Arbeit geht es vor allem darum, verschiedene Aktivitäten und Freizeitbeschäftigungen mit den Klient*innen zu erleben und zu gestalten. Die Aktivitäten gehen von „Mensch ärgere dich nicht“ spielen, über gemeinsames singen, Cafés besuchen, Kochen, Körbe flechten, Kerzen, Seife oder Keramikschüsseln herstellen, ins Schwimmbad gehen bis zum gemeinsamen Essen.

Meine Aufgabe dabei ist es, da zu helfen wo ich kann, zum Beispiel den Klient*innen, die körperlich eingeschränkt sind, bei verschiedenen Aktivitäten zu unterstützen, aber vor allem zu versuchen, miteinander zu kommunizieren, zu lachen und Spaß zu haben. Das ist oft gar nicht so leicht, wegen der sprachlichen Barriere, die immer wieder eine große Herausforderung für mich darstellt. Zu merken, dass aber auch ganz viel, sehr schöne und besondere Kommunikation auch ohne Worte möglich ist, war und ist für mich immer wieder eine wunderbare Erfahrung. Ich bekomme sehr viel Offenheit, liebevolles und friedliches miteinander Umgehen und auf einander achten zwischen den Klient*innen aber auch in der Umgangsweise der Assistent*innen mit den Klient*innen mit, wodurch eine angenehme Atmosphäre entsteht, in der ich mich sehr wohl fühle! Es macht mir Spaß an mir selbst zu beobachten, wie ich immer offener und freier agieren kann, wie ich mich immer besser in dieser Arbeit mit all ihren Herausforderungen zurecht finde und vor allem die Menschen um mich herum besser kennen lerne, die Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die zwischen menschlichen Beziehungen mehr verstehe.

In meinem zweiten Projekt arbeite ich in einer jüdischen Gemeinde, in der ich am Nachmittag im Senior Club helfe. Dort kommen jede Woche verschieden jüdische, ältere Menschen zusammen um gemütlich einen Kaffee oder Tee zu trinken, Kuchen zu essen und einen netten Nachmittag miteinander zu verbringen. Neben meiner Aufgabe den Tisch zu decken und Kaffee und Kuchen zu servieren, geht es für mich hier vor allem darum, in Kontakt mit den älteren Menschen zu treten, etwas über sie, ihre Geschichte und ihr Leben zu erfahren und angeregte Unterhaltungen zu führen. Unter ihnen sind viele, im zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Tschechien, Geflohene, die somit oft eine sehr bewegende Lebensgeschichte mit sich tragen. Es ist sehr interessant und mitreißend von ihren Erinnerungen und Erlebnissen aus dieser Zeit zu hören, und einen Einblick in dieses für mich unvorstellbare Leben zu bekommen.

In diesen ersten Wochen habe ich vieles gelernt und jetzt schon für mein ganzes Leben mitgenommen. Auch zu erleben, dass ich alleine und weit weg von zu Hause und meiner gewohnten Umgebung gut zurecht kommen kann, gibt mir ein ganz neues Gefühl von Selbstständigkeit und Sicherheit! Abgesehen davon ist es wunderbar, wie viele neue und spannende Menschen ich in diesen letzten zwei Monaten kennen lernen durfte! Für all das bin ich jetzt schon sehr dankbar!

Länderübersicht

Das ist die Freiwilligengeneration 2017/18

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