Briefe aus den USA

Marlene bei Selfhelp Community Services

Mein Name ist Marlene Wulf und ich bin, nachdem ich im Juni die Schule abgeschlossen habe, vor etwa einem Monat aus dem beschaulichen Mainz am Rhein in die Metropole New York gekommen. Hier arbeite ich bei Selfhelp Community Services, einer Organisation, die es älteren Menschen ermöglicht, so lange wie möglich zu Hause in den eigenen vier Wänden zu leben, indem sie Pflegedienste, Essensservice etc. organisiert. Dabei bin ich im Holocaust Survivor Program angestellt und besuche in diesem Zusammenhang jüdische Flüchtlinge, die während der Zeit des Dritten Reiches aus Europa geflohen sind, zu Hause.

Ich arbeite in drei verschiedenen Büros in Brooklyn, Manhattan und Washington Heights. Dabei besteht meine Arbeit darin, zum einen Hausbesuche zu machen und so die Menschen in ihrem täglichen Leben zu unterstützen, mit ihnen zu reden, zu singen, spazieren zu gehen usw. Außerdem arbeite ich in den verschiedenen Büros und erledige beispielsweise Übersetzungen. Mit den Hausbesuchen habe ich direkt in der ersten Woche begonnen und diese "Arbeit" macht mir total viel Spass. Ich habe bereits nach dieser kurzen Zeit gemerkt, wie viel ich von den Senioren lernen kann und finde ihre Lebensgeschichten beeindruckend und inspirierend. Auch wenn sie in ihrer Jugend unvorstellbar Schreckliches erlebt haben, hatten sie die Courage, hier in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. 

Eine Begegnung in der letzten Woche fand ich sehr spannend, und möchte sie deswegen mit Ihnen und Euch teilen. Einer meiner Klienten, er ist mit 83 der jüngste, ist noch sehr fit und sehr kreativ. Er lebt mit seiner Freundin in einer riesigen Wohnung an der East Side und das schon seit den sechziger Jahren. In seinem Apartment hat er einen Raum nur für seine Ideen und Erfindungen, die er in dieser Werkstatt in die Tat umsetzt. Eine seiner Ideen war es, eine Tasche zu erfinden, die sich von teuren Designertaschen abgrenzt und, wie der Volkswagen in den fünfziger Jahren die Autoindustrie, die Taschenwelt in den USA verändern sollte. So fing er an, mit den braunen Papiertüten zu experimentieren und ließ schließlich aus einem bestimmten Material sehr viele “Paperbags” drucken. Ich überspinge jetzt den weiteren Entstehungsablauf des Rucksacks mit dem Namen “Volksbagen”, da dies wohl den Rahmen dieses Textes sprengen würde. Jedoch verkauft er jetzt in kleinem Kreis seine Rucksäcke. Diese Geschichte fand ich sehr spannend und vorbildhaft. Ich wünsche mir, dass ich in einem so hohen Alter auch noch genauso kreativ und aktiv bin, wie er und daran arbeite, meine Ideen umzusetzen.

Tim-David beim Holocaust Center Pittsburgh

Sowie ich in Pittsburgh angekommen bin, habe ich mich willkommen gefühlt. Das lag vor allem daran, dass meine Kollegen und meine Chefin Lauren sehr bemüht waren, mein Apartment einzurichten und dafür zu sorgen, dass ich auch ja mit allem versorgt bin, was ich benötige. 

Am Abend meiner Ankunft, fuhr Lauren mit mir erst einmal auf den Mount Washington. Das ist einer der höchsten Punkte der Stadt, auf dem man eine fantastische Aussicht auf die Stadt hat. Ich hätte nicht gedacht, dass mir die Stadt so schnell ans Herz wächst.
Man merkt ihr die Vergangenheit der Stahlindustrie immer noch an, es gibt tolle Stahlbrücken und alte Fabrikgebäude. Und gleichzeitig hat Pittsburgh unglaublich viel Natur - sie ist umringt von Wald und um Pittsburgh herum fließen die Flüsse Allegheny und Monongahela zusammen zum Ohio-River. Es gibt nette kleine Geschäfte, man hat das Gefühl, dass diese Stadt von Gentrifizierung noch nie etwas gehört hat. 

Auch in mein Projekt habe ich mich recht schnell gut eingefunden. Ich arbeite Montags, Dienstags und Freitags beim Holocaust Center of Pittsburgh (HC) und Mittwochs und Donnerstags bei Classrooms Without Borders (CWB).
Beim Holocaust Center mitzuarbeiten, finde ich wirklich sehr angenehm, da ich mich mit meinen Fähigkeiten recht frei einbringen kann. So organisiere ich im Moment Treffen zwischen Schule und Holocaust-Überlebenden - das HC arbeitet sehr eng mit der jüdischen Community zusammen, weshalb es guten Kontakt zu vielen Überlebenden pflegt.
Ich besuche die Überlebenden auch selbst und kann mir diese Treffen einteilen. Ich darf außerdem Vorträge vor Schüler*innen halten und den Vortrag (natürlich mit Absprache über grundlegende Themen) selbst gestalten. Außerdem bastle ich gerade an einem Blog, da sich das Holocaust Center im Internet ein bisschen besser aufstellen möchte. Somit habe ich vielseitige Aufgaben, was mich sehr erfreut, vor allem schon nach so kurzer Zeit.

Das HC ist ein recht kleines Museum, das sich vor allem auf Events und Schulausflüge konzentriert, die sie dann mit Vorträgen und der aktuellen Ausstellung kombiniert. Die derzeitige Ausstellung des HCs ist das „Butterfly Project“. Das Projekt entstand in San Diego mit dem Ziel 1,5 Millionen individuelle Schmetterlinge aus Ton zu fertigen, für die 1,5 Millionen ermordeten Kinder im Holocaust.Daran hat sich auch das Holocaust Center hier in Pittsburgh beteiligt. 

Aber auch die Arbeit bei CWB ist interessant. Zwar sind die Aufgaben dort eher bürolastig, jedoch wird dies immer wieder aufgelockert durch die Seminare für Lehrer*innen und Schüler*innen oder andere Events, die CWB organisiert. Zudem sind die Aufgaben und Anforderungen bei CWB wieder ganz andere als im HC, weshalb Mittwoch und Donnerstag nochmal zusätzlich Abwechslung in die Woche bringen. 

Niklas bei DOROT in New York

Ich bin Niklas, 19 Jahre alt und verbringe derzeit ein Jahr in New York. Ich lebe und arbeite hier in einem Projekt mit Senioren und Obdachlosen, wo ich Essen verteile, im Büro arbeite oder andere Menschen besuche, um sie im Alltag zu unterstützen.

Das Projekt nennt sich Homelessness Prevention Program von DOROT (Hebräisch für „Generations“). DOROT ist eine Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Generationen miteinander zu verbinden. Gerade in New York haben viele Menschen mit Altersarmut zu kämpfen oder haben es sehr schwer soziale Kontakte zu finden. Dafür hat DOROT diverse Programme auf die Beine gestellt, um dem entgegen zu wirken und ältere Menschen zu unterstützen. Eine Stelle davon befindet sich eben hier an der Upper Westside, wo sich Menschen ab dem Alter von 60 Jahren, die in naher Zukunft obdachlos wären, um Hilfe bewerben können. Wir haben hier über dem Büro des Homelesseness Prevention Program 14 Betten in Doppelzimmern zur Verfügung, wo wir Menschen temporär aufnehmen können, bis wir ihnen woanders permanenten Wohnraum vermitteln können. Auch ich lebe in einem sehr kleinen aber gemütlichen Raum, quasi Tür an Tür mit den Klient*innen. Den Großteil der Zeit hier unterstütze ich meine Supervisorin in ihrer Arbeit durch das beantworten von Anrufen, dem Abholen von Spenden, dem Pflegen der Datenbank oder aber Abends durch das Servieren von Abendessen im Community Room, das alle im Program eingetragene Senior*innen sechs mal die Woche kostenfrei bekommen können.

Mittwochs partizipiere ich in einem anderen DOROT Program, dem Friendly Visiting. Das bedeutet nicht mehr, als dass ich Senior*innen besuche, die gesundheitsbedingt nicht mehr vor die Tür kommen und auch nicht mehr so viel am Sozialleben teilnehmen können. Somit haben sie ein bisschen Unterhaltung und ein bisschen Abwechslung, können mir ein bisschen was erzählen oder mich etwas aus meinem Leben erzählen lassen. Ein sehr schönes Projekt, dass mir auch sehr viel Spaß macht.

Ich bin sehr gespannt, was die nächsten Monate noch auf mich zukommen wird und hoffe an den Herausforderungen zu wachsen, um ein möglichst lehrreiches und aufregendes Jahr in meinem Friedensdienst mit ASF zu erleben!

David und Jakob im Philadelphia Interfaith Hospitality Network

Mein Projekt heißt „Philadelphia Interfaith Hospitality Network“, kurz „PIHN“. Unsere Chefin, Rachel leitet hauptsächlich das Projekt. Hinzu kommen, Debora, Kyonee, Amanuel und Jim, die ebenfalls wichtige Glieder des Projekts sind. Aber das Projekt hat noch weit mehr Mitarbeiter*innen: Jede paar Wochen findet ein „Board-Meeting“ statt, zu das immer um die 20 Mitarbeiter*innen eingeladen werden. Ich habe jedoch noch keinen kompletten Überblick darüber wer welchen Part übernimmt.

In den ersten Wochen wurde ich in meinen Job eingearbeitet und hatten daher nicht viel zu tun. Meine Hauptaufgabe für die Zeit war es, „Donations“, also gespendete Objekte, wie Möbel, Anziehsachen, Essen oder Anderes, entgegen zu nehmen und zu lagern. In den ersten Tagen wurde ich dann auch ins Autofahren eingeführt und konnten zusätzlich Donations von den Spender*innen abholen. Gleichzeitig gab es auch einiges an „Office work“ zu tun. Darunter fiel Flyer auszudrucken, Flyer in Briefe zu packen, Dokumente zu scannen, kopieren oder zu schreddern, Telefonate zu führen (da die Organisation nicht vom Staat gefördert wird, bedarf sie der Hilfe von vielen Geldspender*innen, die angerufen werden müssen), und ähnliches.

Da wir mehr Möbel gespendet bekamen als wir an Leute verteilen konnten, führte man mir die „Storage Units“ vor, die dem Projekt gehörten. Zwei große Lagerräume, die vom Boden bis zur Decke mit, Betten, Sofas, Kühlschränken und anderen Möbeln vollgestopft waren. Ich habe einen Großteil der Zeit damit verbracht, die Lagerräume aufzuräumen und so zu organisieren, dass man Möbel einfach rein und rausnehmen, und im besten Fall an Bedürftige weitergeben kann.

In letzter Zeit geht es viel darum, sich für die kommenden „Fundraising-Events“ vorzubereiten. Fundraising-Events sind Veranstaltungen, bei denen versucht wird, Geld für einen guten Zweck (in unserem Fall für die Prävention von Obdachlosigkeit) zu sammeln. Am 15. November findet zum Beispiel das „Empty Bowl Dinner“ statt, zu dem Leute kommen um, einfach gesagt, Suppe zu essen. Das klingt vorerst bizarr, jedoch stecken hinter dem ganzen Event eine Vielzahl von Spenden, die in das Projekt zur Prävention von Obdachlosigkeit fließen. Am Ende der Veranstaltung verlassen alle Teilnehmer*innen das Event mit einer leeren Schale, die sie an die Obdachlosigkeit erinnern soll. Zur Vorbereitung dieses Events zählt zum Beispiel das Anrufen vieler Töpfereien, um für eine Schüssel-Spende zu bitten und diese dann letzten Endes abzuholen.

Im großen und ganzen gefällt mir mein Projekt also sehr gut: Es gibt oft Aufgaben, die mir nicht besonders gefallen, weil sie mir zu repetitiv erscheinen oder mich zu wenig fordern. Auf der anderen Seite jedoch macht es mir sehr viel Spaß mit den Menschen hier zusammen zu arbeiten und die Bedürftigen zu unterstützen. Auch das ich die Möglichkeit habe, mir meine eigenen Projekte zu suchen, finde ich klasse! Ich bin sehr froh in diesem Projekt gelandet zu sein, da es ziemlich gut auf meine Bedürfnisse angepasst zu sein scheint.

 

 

Hey, ich bin Jakob, 18 Jahre alt und komme aus dem, mir grad sehr entfernt scheinenden Köln. Ich habe letzten Frühling meine Schulzeit hinter mir gelassen und wurde, glücklicherweise, von ASF angenommen, wer weiß was ich sonst für Erfahrungen gesammelt hätte (wahrscheinlich nicht annähernd so viele). Ich arbeite jetzt im Philadelphia Interfaith Hospitality Network in, was eine Überraschung bei dem Namen, Philadelphia einer Großstadt an der Ostküste der USA. Ich bin einer von zwei Freiwilligen in Philly, der andere ASFler, David, wohnt und arbeitet im selben Projekt wie ich, also man ist selten allein.

Das Projekt ist aus dem Bereich der Arbeit mit sozial benachteiligten Menschen, genauer eine Organisation die Obdachlosen oder sehr armen Familien unter die Arme greift. Manchen mit Windel oder Möbelspenden, anderen mit einer Schlafstelle in einem Gemeindehaus, also von Kirche, Moschee zu Synagoge oder auch Quaker Meetinghouse, deshalb auch “Interfaith” - “Glaubens Übergreifend”. Ich und David helfen überall wo eine Hand benötigt wird, von Keller aufräumen, zu Möbelspenden, schleppen oder Büroarbeiten. Teil unseres Job ist es als “Overnight host” auch manchmal nachts mit den Familien in den Gemeinden zu schlafen, oder mal beim Essen dabei zu sein und einfach Gesellschaft zu leisten. Insgesamt ist sehr viel Eigenständigkeit nötig und man muss sich zeitweise wirklich Aufgaben suchen, gerade wenn man invalide ist und nicht “schleppen” kann, an anderen Tagen bleibt man allerdings auch mal länger da, falls noch Dinge dringend erledigt werden müssen. Ich mache momentan hauptsächlich Büroarbeiten, da ich es fertig gebracht habe mir meinen Fuß zu brechen und etwas eingeschränkt bin in meiner Bewegungsfreiheit. Was auch dazu führt dass ich mich noch etwas zurechtfinden muss, auch plötzlich bei jemand anderem im Haus zu wohnen ist eine neue Erfahrung für mich mit der ich noch vertraut werden muss. Denn David und ich wohnen zusammen bei Carolyne und Frank einem Ehepaar in Germantown, einer ehemaligen Siedlung Deutscher in Amerika, heute spürt man davon nichts mehr. Ich mag Philadelphia als Stadt sehr, nicht zu riesig aber auch nicht zu klein und es gibt noch viel zu erleben und zu sehen glaube ich.

Lea bei Hebrew Senior Life

Mein Name ist Lea Ward, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Paderborn. „Kenne ich nicht. Wo liegt das denn und was ist die nächste größere Stadt?“ - diesen Satz habe ich geschätzt am öftesten gehört in meinen ersten 1 ½ Monaten hier in Boston, USA.

Für meinen Freiwilligendienst bin ich bei Hebrew Senior Life gelandet, genauer gesagt bei Center Communities of Brookline (CCB). Hier werden älteren Menschen Appartements für unabhängiges Wohnen und verschiedenste Programme angeboten. Meine Hauptaufgabe ist es, letztere mitzuorganisieren und bei der Durchführung zu unterstützen. Dabei kann es sich unter anderem um Essensausgaben, Vorträge von Ärzt*innen oder jüdische „Shabbat Services“ drehen.

Dieser erste Monat ist für mich wie im Flug vergangen und man lernt jeden Tag dazu. Besonders die Bewohner*innen und die Mitarbeiter*innen hier bei CCB geben einem jeden Tag das Gefühl, angekommen und vor allem willkommen zu sein. Dadurch, dass man bei uns Englisch in der Schule lernt, ist es für mich schon jetzt zu Anfang möglich, tiefgründige Gespräche über politische Angelegenheiten oder auch die persönliche Vergangenheit zu führen, was immer sehr interessant und berührend ist.

Hinzu kommen noch die Erfahrungen, die ich außerhalb meiner Arbeit machen kann. Ich wohne, zusammen mit meiner Mitfreiwilligen hier in Boston, in einer jüdischen Gastfamilie. Dinge wie eine zweiteilige Küche oder zweiteiliges Geschirr hören sich im ersten Moment kompliziert an, werden aber schnell zum normalen Alltag.

Ich bin froh durch ASF die Möglichkeit bekommen zu haben, das alles zu erleben und freue mich auf die nächsten Monate!

Charlotte und Balthasar im Illinois Holocaust Museum & Education Center

Mein Name ist Charlotte Kaiser, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Dresden. Vor nun fast sechs Wochen hatte ich meinen ersten Arbeitstag am Illinois Holocaust Museum & Education Center in Skokie bei Chicago als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen. Davor lagen zwei Seminarwochen, zunächst mit circa 130 Freiwilligen des Jahrgangs 2017/18 in Hirschluch/Brandenburg, dann mit meinen 21 USA-Mitfreiwilligen in Philadelphia. – Erste Ruhephase dann schließlich auf der Zugfahrt von Philadelphia nach Chicago – 25 Stunden in Polstern, die mindestens doppelt so breit sind wie die der Deutschen Bahn, rasant vorbeiziehende Landschaften mit Wäldern und Bergen, die ein erstes vages Gefühl von der Größe dieses Landes aufkommen lassen.

Ankunft in Chicago: Atemberaubende Architektur vor der sich der berühmte Michigan wie ein Meer auftut. Doch bis Anfang November wohne ich zunächst bei einem sehr netten älteren Gastehepaar im wohlsituierten Vorort Skokie, bevor ich in eine WG nach Chicago umziehen werde. Vorort meint: zwei Stunden Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Downtown – ich lerne, dass ich meine Zeitplanung einer mir bisher völlig unbekannten Dimension anpassen muss. Dafür ist das Museum für mich momentan fußläufig zu erreichen. Allerdings muss ich mich vor den „Skunks“ in Acht nehmen, die hier ohne Scheu herum schleichen.

Das Illinois Holocaust Museum ist mit seiner über 20.000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche überwältigend, bedrückend, viele würden wohl sagen, typisch amerikanisch (aber was ist das überhaupt: typisch amerikanisch – eine dramatisch, beinahe theatralische Inszenierung?). Interessant ist für mich, dass die Thematik des Holocaust durchaus anders als in Deutschland vermittelt wird. Um den Besucher*innen eine emotionale Verbindung zu ermöglichen, werden viele persönliche Schicksale dargestellt. Auch die Didaktik der Dauerausstellung ist anders angelegt als mir aus vielen deutschen Gedenkstätten bekannt. Ob angedeutete Eisenbahnschienen am Boden, ein Raum mit zersplittertem Glas als Symbol für die Reichskristallnacht oder ein zu durchschreitendes Tor mit der Aufschrift „Juden ist der Zutritt verboten" – der Besucher soll sich so fühlen, als wäre er Teil der Geschichte. Mit diesem Bewusstsein soll er sich selbst befragen, wann es nötig ist die Rolle des „Bystanders“ zu verlassen und zu einem „Upstander“ zu werden.

Inzwischen lerne ich weiter auf alltäglichem Terrain, dass beim Einsteigen in den Bus laut und vernehmbar zu grüßen ist, und der Gruß tatsächlich auch erwidert wird, dass die Frage nach dem Weg meist in einem Gespräch über Gott und die Welt und die eigene Familie endet. Ich lerne, dass der von mir so gefürchtete Smalltalk durchaus von Vorteil sein kann. Und ich lerne, dass man am weitläufigen Montrose Beach durchaus auf Vertrautes treffen kann. In meinem Falle in Gestalt eines Eismannes, der auf einem Fahrrad mit Kühltaschen an den Seiten die Glocke schwingt. Ein Bild mit Klang, wie ich es an meinem Lieblingsstrand auf dem Darß jedes Jahr sehnsüchtig erwartet habe. Heimatgefühle. Ich liebe Chicago, meine Kolleg*innen lachen und warnen: „Warte bis der Winter kommt!“

In diesem Sinne liebe Grüße aus der Windy City, die mich allmählich nicht mehr an ihrem Namen zweifeln lässt.

 

Ich bin Balthasar, bin 20 Jahre alt, und komme ursprünglich aus Stuttgart. Im Zuge meines Friedensdienstes mit ASF arbeite ich im Illinois Holocaust Museum & Education Center in Chicago, dem größten Holocaust Memorial des Mittleren Westens.

Die ersten Wochen im Projekt sind nach der lang ersehnten Ankunft unglaublich schnell vergangen, und es fällt mir schwer, zu glauben, dass ich nun wirklich schon ganze zwei Monate von Zuhause weg bin. Das liegt vor allem daran, dass, seitdem ich nach 27-stündiger Bahnfahrt vom Orientierungsseminar in Philadelphia mit den drei anderen Chicago-Freiwilligen an der Union Station ankam, wirklich unglaublich viel passiert ist. Da wäre einerseits die Arbeit im Projekt, in dem ich gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen für die zahlreichen Schulklassen, die jeden Tag ins Museum kommen, verantwortlich bin. Im Museum erhalten die Schulklassen eine Führung, die einen groben Überblick über die Geschehnisse des Holocaust liefert. Anschließend treffen sie sich mit Überlebenden, die ihre Geschichte erzählen. Einige dieser Überlebenden und ihre unfassbaren Lebensgeschichten durfte ich schon kennenlernen. Dabei ist zum Beispiel eine, die nach den Novemberpogromen des 09.11.1938 nach Shanghai, dem einzigen Ort, der kein Visum verlangte, floh. Eine andere, die aus Belgien stammt, wurde von ihren Eltern im Alter von drei Jahren an eine französische Familie gegeben, die sie versteckte. Ihre Eltern wurden nach Auschwitz deportiert. Eine Erinnerung an sie besitzt sie nicht. Die Begegnungen mit Überlebenden sind nur sehr schwer zu beschreiben, sind sie doch bedrückend und beeindruckend zugleich. In ihren Erzählungen wird Geschichte personalisiert, das Unfassbare ansatzweise fassbar; gleichzeitig wird durch die Einzelschicksale das Ausmaß der Verbrechen deutlich, das Böse wird mir zugleich bewusst und unbegreiflich. Auch führen sie sehr deutlich vor, was dazu gehört, deutsch zu sein. Keiner der Überlebenden macht die heute in Deutschland lebenden Menschen für das Geschehene verantwortlich, und doch bleibt da ein dumpfes Bauchgefühl, wenn man ihre Geschichten hört. Und so ist es auch sehr nachvollziehbar, wenn einige der Überlebenden nie wieder Deutsch sprechen wollen, obgleich sie es könnten. 

Sich in Chicago heimisch zu fühlen war überraschend einfach, obwohl ich gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen, Lotte, erst ein Mal ein Zuhause finden musste, in das wir nach den ersten zwei Monaten bei einer Gastfamilie ziehen können. Wir haben jedoch relativ schnell einen Platz in einer WG gefunden; in wenigen Tagen ziehen wir also vom ruhigen Vorort ins diverse Uptown.

Obwohl ich erst zwei Monate in Chicago bin, habe ich mich wirklich ausgesprochen schnell und leicht einleben können. Die Stadt weiß auf vielerlei Weise zu beeindrucken und die Arbeit im Museum bringt immer wieder inspirierende und beindruckende Momente, besonders in der Arbeit mit Überlebenden, mit sich. Ich bin sehr froh, hier sein zu dürfen und freue mich unglaublich auf die kommenden 10 Monate, die sicherlich mindestens genau so ereignisreich wie die bisherigen werden.

Rahel beim Hebrew Rehabilitation Center

Hallo mein Name ist Rahel Willmer, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Nürnberg. Seit Mitte September lebe ich in Boston bei einer jüdischen Gastfamilie und arbeite für Hebrew Senior Life im Hebrew Rehabilitation Center (HRC) in Roslindale, einem Stadtteil von Boston. Die gut zwei Monate, die ich jetzt schon hier bin, waren wahnsinnig aufregend. Ich war vollkommen platt von den vielen neuen Eindrücken. Das HRC ist ein jüdisches Altenheim in dem ca. 600 Menschen leben, weshalb ich mich am Anfang in dem großen Gebäude des öfteren verlaufen habe.

Meine Arbeit hier ist sehr vielfältig. Ich bin als ASF-Freiwillige Teil des Life Enhancement Teams, welches vor allem für die soziale Betreuung der Bewohner*innen zuständig ist und Gruppenaktivitäten, wie Word Games, Bingo, Gymnastik oder Trivia und Veranstaltungen, wie Konzerte oder Vorträge organisiert. Ich helfe beim Vorbereiten und Durchführen dieser Gruppenaktivitäten, motiviere die Bewohner*innen und mache inzwischen auch eigene kleine Gruppen. Wenn Gottesdienste oder größere Veranstaltungen wie Konzerte in der Synagoge sind, bin ich unter anderem für den Transport der Bewohner*innen zuständig. Da viele der Bewohner*innen im Rollstuhl sitzen, ist ein tägliches Workout auf der Arbeit inklusive. Ich übernehme auch einige administrative Aufgaben für andere Departments und bin zum Beispiel für die Post zuständig. Wenn gerade sonst nichts ansteht, verbringe ich einfach Zeit mit den Bewohner*innen und wir hören gemeinsam Musik, tanzen oder unterhalten uns einfach nur. Die Zeit die ich mit den Bewohner*innen verbringe ist für mich wahnsinnig schön und es gibt hier immer was zu lachen. Neben der meiner Arbeit mit den Menschen lerne ich die jüdische Kultur kennen. In den ersten 4 Wochen hier, habe ich sehr viele wichtige jüdische Feiertage wie Rosh Hashannah, Yom Kippur oder Sukkot nicht nur im HRC mit den Bewohner*innen, sondern auch mit meiner Gastfamilie feiern dürfen, was eine sehr tolle Erfahrung ist und mir die jüdische Kultur besonders nahe bringt.

Ich fühle mich hier in Boston und im HRC sehr wohl und freue mich auf alles was ich in den nächsten 10 Monaten hier noch erleben darf.

Sven beim Jewish Family Service

Mein Name ist Sven Iding, ich bin 20 Jahre alt und komme aus Bocholt. Nachdem ich erfolgreich meine Ausbildung zum Industriekaufmann beendet habe, wollte ich gerne ein Jahr ins Ausland gehen, um neue Erfahrungen zu sammeln. Während meiner Recherche nach einer passenden Organisation stieß ich auf ASF, ich war sofort begeistert von dem Programm und bewarb mich.

Ich lebe nun in Cincinnati (Ohio) und arbeite dort beim Jewish Family Service im Holocaust Center. Der Hauptbestandteil meiner Arbeit ist Holocaust Überlebende zuhause zu besuchen, beim Einkaufen zu begleiten und sie zu Arztterminen zu bringen. Ebenfalls zu meinen Aufgaben gehört die Büroarbeit, sprich Übersetzungsarbeiten, Veranstaltungen für Holocaust Überlebende  organisieren und den Newsletter erstellen. Meine Arbeitskolleg*innen sind super nett zu mir und ich mag besonders den Mix aus Büroarbeit und die Arbeit mit den Überlebenden.

Ich lebe in einer eigenen Wohnung, die mitten im Universitätsviertel Clifton liegt. Darüber hinaus habe ich auch noch ein eigenes Auto bekommen. Clifton ist aufgrund der vielen Student*innen ein sehr lebendiges Viertel und hier gibt es viele Restaurants und Bars. Am Anfang fühlte ich mich zwar noch sehr einsam. Aber meine Arbeitskolleg*innen laden mich zu vielen Veranstaltungen ein und unterstützen mich dabei, neue Leute kennenzulernen. So habe ich hier schon einen guten Anschluss gefunden und fühle mich jeden Tag noch heimischer. Dadurch, dass ich in einer jüdischen Organisation arbeite, bekomme ich auch einen sehr guten Einblick in die jüdische Kultur. Im September und Oktober standen viele jüdische Feiertage (Rosh Hashanah, Jom Kippur) an und ich hatte die Möglichkeit diese mitfeiern zu dürfen.

Cincinnati ist eine mittelgroße Stadt mit vielen Freizeitaktivitäten. Neben Downtown mit seinen Wolkenkratzern gibt es hier auch viele kleine und gemütliche Viertel, wo man gut flanieren kann, z.B. Over-the-Rhine. Außerdem hat Cincinnati einen sehr bekannten Zoo und einen Freizeitpark.

Amelie im William Penn House

Mein Name ist Amelie Längle. Ich bin 18 Jahre alt und komme aus einem kleinen Ort im Südwesten Deutschlands. Vor ein paar Monaten erst, bin ich noch jeden Morgen zur Schule gegangen und habe darauf hingearbeitet, endlich nach 12 Jahren Vorbereitung das Abitur zu bestehen. Jetzt fühlt es sich an, als wäre das alles ganz schön weit weg. Ich verbringe dieses Jahr in den USA, genauer in Washington D.C. Hier darf ich an zwei unterschiedlichen Projekten teilhaben. Das erste ist das William Penn House, eine Art Gästehaus, das von Quakern geleitet wird, welches teilweise auch Seminare zu bestimmten Themen abhält. Im WPH ist vor allem alles rund um den Gast meine Aufgabe. Das bedeutet zum Beispiel, Wäsche waschen, das Frühstück vorbereiten oder Reservierungen entgegennehmen.  Das zweite Projekt ist Capitol Hill Group Ministries. Dies ist eine Organisation, die Menschen, die entweder obdachlos sind oder von Obdachlosigkeit bedroht sind unterstützt. Meine Aufgabe hier ist vor allem dreimal in der Woche zu einem Frühstück, das im Keller einer nahegelegenen Kirche stattfindet, zu gehen. Dort geben wir Dinge des täglichen Bedarfs, wie Zahnbürsten, Socken oder Seife aus. Darüber hinaus hat man auch die Gelegenheit sich mit vielen verschiedenen Menschen zu unterhalten.

Grundsätzlich finde, dass die Arbeit mit Menschen zwar sehr herausfordernd sein kann, aber auch sehr viel Spaß machen kann. Mir gefällt, dass die beiden Projekte so unterschiedlich sind, wodurch ich verschiedene Eindrücke sammeln kann.

Nun zu meinen ersten Erlebnissen:

Ich bin jetzt seit etwas mehr als einem Monat hier und habe das Gefühl mich so langsam einzuleben. Washington DC ist eine unglaublich interessante Stadt, in der es so viel zu sehen gibt. Neben den allseits bekannten Wahrzeichen und den zahlreichen Museen macht es auch einfach Spaß sich die unterschiedlichen Teile der Stadt anzusehen und zum Beispiel in Capitol Hill, der Gegend, in der ich wohne, all die unterschiedlichen Reihenhäuser anzuschauen. Die Gegend wurde so ziemlich vollständig gentrifiziert, weshalb alles sehr ordentlich und die Häuser sehr gepflegt wirken. Zudem bin ich hier auch direkt in einem Umfeld voller „interns“ (Praktikant*innen) gelandet. Neben den beiden anderen ASF Freiwilligen, gibt es auch deren Mitbewohner und meine beiden Mitpraktikantinnen im William Penn House. So wurde ich schon direkt in die Kultur von Halloween eingeführt. Man darf im Oktober nämlich nur gruselige Filme schauen, zu meinem Unglück… Ansonsten gibt es hier auch ständig unterschiedliche Events, an denen man ohne großen Aufwand teilnehmen kann, wie Straßenfeste, Podiumsdiskussionen oder Konzerte.

Es gibt also viel zu tun und zu sehen und ich bin jeden Abend seehr müde.

Länderübersicht

Das ist die Freiwilligengeneration 2017/18

Belarus

Berichte der Freiwilligen aus Belarus

Belgien

Berichte der Freiwilligen aus Belgien

Frankreich

Berichte der Freiwilligen aus Frankreich

Großbritannien

Berichte der Freiwilligen aus Großbritannien

Israel

Berichte der Freiwilligen aus Israel

Niederlande

Berichte der Freiwilligen aus den Niederlanden

Norwegen

Berichte der Freiwilligen aus Norwegen

Polen

Berichte der Freiwilligen aus Polen

Russland

Berichte der Freiwilligen aus Russland

Tschechien

Berichte der Freiwilligen aus Tschechien

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Berichte der Freiwilligen aus der Ukraine

USA

Berichte der Freiwilligen aus den USA

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