Geteilte Geschichten

Es war für mich ein bewegender Moment, als mir pani I. („pani“ ist die polnische Anrede für „Frau“) ihre Geschichte erzählte. Wir trafen uns gemeinsam mit einer Lehrerin und zwei Schülern. Pani I.s Eltern und ihr Bruder wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet. Sie selbst wurde von ihrem ukrainischen Kindermädchen gerettet, das zu ihrer Ersatzmutter wurde. Ihr ganzes Leben lang verschwieg pani I. ihre Identität, weil sie antisemitische Reaktionen befürchtete.

Erst vor wenigen Jahren erzählte sie ihren Freund_innen von ihren jüdischen Wurzeln – und erfuhr, dass diese ganz und gar hinter ihr standen. Deshalb sagt sie, dass, auch wenn sie so viel Leid erfuhr und ihr die Familie genommen wurde, Gott ihr ebenso viel gegeben wie ihr genommen habe. Dass die Nationalität oder der Glaube eines Menschen niemals im Vordergrund stehen dürfe, sondern immer nur der Mensch selbst, was er tue und wie er mit anderen umgehe.

Ich arbeite im Zentrum des Maximilian-Kolbe-Werkes in Łódź. Das Maximilian-Kolbe-Werk unterstützt Überlebende des Holocaust in ihrem Alltag und organisiert Begegnungen mit Jugendlichen. Die Jugendlichen lernen die Geschichte kennen und für die älteren Menschen ist es wichtig zu wissen, dass ihnen zugehört wird.

Wenn Überlebende ihre Geschichte und ihre Gedanken mit mir teilen, ist das jedes Mal etwas Besonderes, wofür ich sehr dankbar bin, denn über die schlimmen Erlebnisse des Konzentrationslagers zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Es ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie stark die Überlebenden, mit denen ich zu tun habe, sind: Auch wenn ihnen so viel Leid angetan wurde, haben sie – soweit ich das von außen sehen kann – keinen Hass in sich. Viele von ihnen sind sehr freundliche Menschen, die auch in diesem Alter, in dem es ihnen oft an Gesundheit mangelt, ihr Lächeln nicht verlieren. Immer wieder betonen sie, wie wichtig Frieden, Aussöhnung und gegenseitiger Respekt im Persönlichen wie im Kulturellen sind.

Maximilian Grübsch, Jahrgang 1997, ist 2016/17 Freiwilliger im Centrum Opieki Socjalnej Maximilian-Kolbe-Werk Łódź.

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