Herbst

Wie jedes Jahr hat mich der Beginn des Herbstes in seinen Bann gezogen und begeistert. Gleichzeitig löste der Herbstbeginn erstmals auch negative Gefühle bei mir aus, da es so viele Menschen gibt, die nach einem schönen Spaziergang nicht einfach nach Hause gehen können. Den Menschen, mit denen ich in der Capitol Hill Group Ministry (CHGM) arbeite, setzt der Herbstbeginn stärker zu als mir.

CHGM ist eine Organisation, die sich um die obdachlose Bevölkerung in meiner Nachbarschaft kümmert. Mein Arbeitstag beginnt meistens mit einem gemeinsamen Frühstück. Am Anfang ist es wichtig, einfach ein Gespräch zu führen und zuzuhören, um den obdachlosen Frauen und Männern ein Stück Respekt und Würde entgegenzubringen. Das ist wichtig, da sie oft von der Außenwelt auf ihre Obdachlosigkeit reduziert und gar nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden. Und das führt häufig dazu, dass sie ihr Selbstvertrauen verlieren oder sich nicht mehr als gleichwertige Menschen fühlen. Neben den Gesprächen schaue ich, was mein Gegenüber braucht und versorge sie oder ihn mit Kleidung und Hygieneartikeln. Wir sind außerdem Ansprechpersonen, wenn unsere Klient*innen in ein Wohnungsprogramm wollen. Dieser direkte Kontakt mit den Menschen war für mich vor allem in den ersten Wochen sehr komisch, da ich mich im Umgang mit ihnen unsicher fühlte. Als ich sie jedoch kennenlernte, merkte ich, dass sie häufig sehr freundlich und offen sind und es wertschätzen, dass man sich mit ihnen unterhält.

Was es bedeutet, obdachlos zu sein und auf der Straße zu leben, habe ich in Deutschland nie richtig verstanden und auch jetzt wird mir nur langsam klar, was das mit einem Menschen macht. Es hat damit angefangen, dass mir bewusst wurde, dass diese Frauen und Männer nach der Arbeit nicht nach Hause gehen können. Dass Sie nichts besitzen außer dem, was sie an sich haben. Mit dem Beginn der kalten Jahreszeit verstand ich, dass sie dieser in vollem Umfang ausgesetzt sind und welche psychologischen Folgen es hat, am Boden der Gesellschaft zu sein und das Gefühl zu haben, dass alle auf einen herabblicken.

Obwohl viele unserer Menschen ohne Obdach mit Niedergeschlagenheit zu kämpfen haben, gibt es auch die, die mich morgens beim Frühstück anlächeln und Gott dafür danken, dass sie an diesem Morgen wieder aufgewacht sind. Und jene, die nach acht Jahren auf der Straße und Drogenproblemen jetzt in einem Wohnungsprogramm sind. Das hat mir gezeigt, dass es immer Hoffnung gibt. Ich bin unglaublich beeindruckt, dass man trotz solch schwieriger Lebensumstände so hoffnungsvoll sein kann.

Johannes Domsgen war 2016/17 Freiwilliger im William Penn House in Washington, USA.

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