Blog | Ehemaligentreffen | 22. Dezember 2017

25 Jahre Jüdisches Wohn- und Seniorenzentrum in Oslo

Freiwillige des Jüdischen Wohn- und Seniorenzentrums von 1993 bis heute mit Veline Backofen (ehemalige LBA) und Christina Koch (aktuelle LBS) vor der Osloer Synagoge.

Vom 14. bis 17. September 2017 trafen sich zehn ehemalige ASF-Freiwillige des Jüdischen Wohn- und Seniorenzentrums (JBSS) in Oslo. Als der erste Freiwillige vor 25 Jahren seine Arbeit in dem Projekt aufnahm, war dies eine wichtige Erweiterung des ASF Projektspektrums in Norwegen.

Am ersten Abend der Jubiläumsbegegnung erfuhren die Teilnehmer*innen durch einen Film von  Nina Grünfeld über die Flucht einer Gruppe jüdischer Kinder von Österrreich nach Norwegen und mit Kriegsbeginn weiter nach Schweden. Unter diesen Kindern war Grünfelds Vater und auch Josef, der noch heute im Wohn- und Seniorenzentrum in Oslo lebt. Die Regisseurin  geht in dem Film der Frage nach, wie sich diese Geschichte in den folgenden Generationen tradierte und in die jeweiligen nationalen Narrative einschrieb.

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Oslo

Sidsel Levin nahm die Teilnehmer*innen anhand von Stolpersteinen mit auf eine Zeitreise vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Auf ihnen stehen auch Namen von Eltern, Geschwistern, Freund*innen der Menschen, denen die ASF-Freiwilligen wFreiwillige im jüdischen Altenheim begegnet waren. 

Am Freitagabend feierten wir Kiddush, den Segen von Wein und Brot mit dem Rabbiner Joav Melchior, Sohn des Rabbis, der sich einst für die Etablierung einer ASF-Freiwilligenstelle im Jüdischen Wohn- und Seniorenzentrum einsetzte. Neben ihm saß Martin, der 101 Jahre alt ist und seit 25 Jahren hier wohnt. Vielen ASF-Freiwilligen war er eine wichtige Bezugsperson. Am Samstag feierten wir den Shabbat gemeinsam in der Synagoge.
Die Führung durch das jüdische Oslo am Freitag begann auf dem alten jüdischen Friedhof in Grünerlökka. Wir beendeten unser Treffen am Sonntagnachmittag auf dem neuen jüdischen Friedhof, nahmen dort Abschied von lieben Menschen aus dem Jüdischen Wohn- und Seniorenzentrum, die verstorben sind.

ASF-Geschichte im Dialog der Freiwilligen – Anstöße für die Zukunft

Der erste Freiwillige im Jüdischen Wohn- und Seniorenzentrum, Moritz Schneider, erinnerte an die ereignisreichen Jahre rund um den Beginn der Arbeit 1993/94. Damals fanden die Osloer Gespräche statt, an denen der damalige Rabbi beteiligt war. Diese mündeten im Friedensabkommen zwischen Israel und den Palästinenser*innen; Rabin, Peres und Arafat erhielten den Friedensnobelpreis. Zur gleichen Zeit begann der Wahlkampf zur Abstimmung über die EU-Mitgliedschaft Norwegens. Das wargroße Politik. Im Herbst 1993 wurde der Freundeskreis in Norwegen gegründet.
Heute sind die Freiwilligen nicht mehr 18, sondern zwölf Monate im Projekt. Die Gebäude der jüdischen Gemeinde gleichen inzwischen einem Hochsicherheitstrakt. Das Jüdische Wohn- und Seniorenzentrum entwickelte sich hin zu einem Pflegeheim, in dem nun jüdische und nichtjüdische Menschen zusammen wohnen.
Die Gespräche der Teilnehmenden wecken ein Bewusstsein für die seitdem auf zahlreichen Ebenen eingetretenen Veränderungen. Kristina Schröder, eine jüngst zurückgekehrte Freiwillige, kommentiert die Situation so: „Alle Bewohner*innen tragen ihre Geschichte der Kriegserlebnisse und die Geschichten ihrer Familien in sich. Da ist es wert zuzuhören.“

Es ist wert zuzuhören

Abends trafen wir uns zum Grillen. Mit dabei waren neben den ehemaligen auch die aktuellen Oslo-Freiwilligen, die aktuelle Landesbeauftragte, Christina Koch und ihre Vorgängerin Veline Backofen,  , Freund*innen von ASF und Wegbegleiter*innen des Jüdischen Wohn- und Seniorenzentrums. Neben den vielen Begegnungen, Gesprächen und der Feier des Wiedersehens war der  wohl wichtigste Nachklang dieser vier Tage, dass die Erinnerungen an die Bewohner*innen mit ihren besonderen Geschichten wieder neu lebendig wurden.