Blog | Zeitzeugengespräch | 19. November 2017

Eindelijk bevrijd / Enfin liberé / Endlich befreit

Simon Gronowski und Koenraad Tinel mit den ASF-Freiwilligen in Belgien

Der Anwalt Simon Gronowski und der Künstler Koenraad Tinel waren Kinder während des Zweiten Weltkrieges. Während einem bewegenden Gesprächsabend in Brüssel, organisiert von ASF België/Belgique, erzählen sie von der besonderen Freundschaft zwischen einem Kind, das aus einer jüdischen Familie stammt, und dem Kind eines Nazis.

Am 17. März 1943 wurde Simon zusammen mit seiner Mutter und Schwester in Brüssel von der Gestapo verhaftet. Als er am 19. April mit dem berüchtigten 20. Konvoi deportiert wurde, sprang er vom Zug und konnte wie durch ein Wunder entkommen. Er war damals elf Jahre alt.

Das Gespräch mit den beiden Herren findet statt an einem geschichtsträchtigen Ort, im Atelier des Malers Marcel Hastir. Dort sind die Widerstandskämpfer zusammen gekommen, die das Attentat auf den 20. Konvoi verübten: Youra Livchitz, Robert Maistriau und Jean Franklemon. Youra Livchitz wurde im Zuge des Attentats verhaftet und in Februar 1944 in Brüssel-Schaerbeek hingerichtet. Maistriau und Franklemon überlebten den Krieg. Dank dem von ihnen verübten Attentat haben 115 Personen, die dem 20. Konvoi entfliehen konnten, den Krieg überlebt. Einer von ihnen ist Simon Gronowski.

Wenn man Gronowski, deren Mutter und Schwester in Auschwitz ermordet wurden und dessen Vater kurz nach dem Krieg "aus Verzweiflung" starb, die Frage stellt, wie es möglich sei, dass er trotz alledem noch "Ja" sagen könne zum Leben und nicht verbittert sei, antwortet er, dass er als Kind ein sehr liebevolles Zuhause hatte. Dies hat in ihm eine psychischen Widerstandsfähigkeit hervorgebracht. Zudem käme, sagte er hinzu, das Wunder gerettet zu sein. "La haine est une maladie que je n´ai jamais eu". - "Der Hass ist eine Krankheit, die ich nie hatte".

Koenraad Tinels Vater war ein bedingungsloser Anhänger von Hitler; seine Brüder trugen die Uniform und Waffen der SS und verteidigten die nationalsozialistische Ideologie. Nach der Befreiung Belgiens 1944 flieht die Familie Tinel nach Deutschland. Als zehnjähriges Kind wird Koenraad dort mit dem Kriegsgreuel konfrontiert. Einer der älteren Brüder kämpft in der Zeit an der Ostfront an Seiten der Deutschen. Koenraad erzählt, wie er erst nach vielen Jahren in seiner Arbeit als bildender Künstler diese Kindheitserinnerungen zum Ausdruck bringen konnte.

Vor einigen Jahren trafen sich Gronowski und Tinel. Sie wurden im hohen Alter Freunde. Wenn sie im Gespräch davon erzählen, sind sie bewegt und nennen sich gegenseitig "Brüder". 2013 brachten sie gemeinsam ein Buch heraus über ihre Geschichte und ihre Freundschaft: Eindelijk bevrijd. Geen schuld, geen slachtoffer ("Endlich befreit. Kein Opfer, kein Schuldiger"). Grononowski schrieb den Text, Tinel machte die Zeichnungen.

An diesem Abend im Atelier Marcel Hastir sind auch die Belgien-Freiwilligen anwesend. Unter ihnen Emilia Erber, die ihren Freiwilligendienst in der Flüchtlingsarbeit im Protestants Sociaal Centrum in Antwerpen leistet. Rückblickend auf den Abend berichtet sie:

"Ich fand vorallem Simons Umgang mit seiner Vergangenheit im Bezug auf das Thema "Vergebung" sehr beeindruckend; gleichzeitig aber auch schwer nachvollziehbar. Für mich wäre es völlig verständlich gewesen, wenn er gegenüber jeder an den Verbrechen beteiligten Person (oder vielleicht sogar gegenüber allen Deutschen?), allein Hass empfunden - und niemandem sein Mitwirken verziehen hätte. Es ist in meinen Augen wirklich unglaublich stark, dass er die Kraft hat, sich so intensiv mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, seine Geschichte wieder und wieder zu erzählen und dann auch noch Menschen verzeihen kann, die ihren Teil zu der Deportation und Ermordung seiner Mutter und Schwester beigetragen haben."

Koenraad erzählte, dass seine ältere Brüder seine kritische Haltung der Familiengeschichte gegenüber über Jahrzehnte nicht akzeptiert haben. Einer von ihnen war SS-Wächter in der Kazerne Dossin gewesen, in dem Durchgangslager in Mechelen, wo Simon vor seiner Deportation inhaftiert war. Als dieser ältere Bruder von Simon erfuhr, fragte er Koenraad, ob er ihn treffen könne. Simon stimmte zu und das Treffen fand im Januar 201 statt3. Beide umarmten sich sofort und weinten. Simon hatte dem Bruder von Koenraad vergeben. Nicht lange danach starb Koenraads Bruder.

Koenraad und Simon teilen eine Liebe für Musik. Dem kleinen Koenraad wurde sie beigebracht von seiner jüdischen Klavierlehrerin Berthe ("Betty") Galinsky. Sie wurde in der Kazerne Dossin inhaftiert, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Leo Buddeberg, Freiwillige im Staatsarchiv in Eupen, sagte uns: "Besonders Simons ergreifendes Klavierspiel gegen Ende des Abends ist mir in Erinnerung geblieben". Er setzte sich spontan hinter dem Klavier und gab zusammen mit dem Pianisten Vincent Tohier, der am Abend mit einem Pianotrio aufgetreten war, uns ein vierhändiges Jazz-Stück zum Besten.

Wir danken Koenraad Tinel und Simon Gronowski von ganzem Herzen für diesen unvergesslichen Abend.