Blog | 05. Mai 2017

Geschichte zum Anfassen

Gözde Karababa in New York.

Ich habe in den letzten Wochen, Tagen und Stunden sehr viel erlebt und auch sehr viel gesehen. Aber ich rede nicht vom Times Square, Empire State Building oder der Brooklyn Bridge.  Ich rede von Geschichten. Geschichten, die ich anhören durfte und auch anfassen konnte.

Die Klient_innen meines Projektes haben den Holocaust überlebt und doch alles verloren. Die Geschichten, die sie mir  erzählen, sind unfassbar und sie geben mir Denkanstöße. Die meisten von ihnen haben viele, wenn nicht alle Mitglieder ihrer Familien verloren. Was mit ihnen geschah, wissen sie nicht. Mit dieser Ungewissheit leben sie ihr Leben und trauern bis heute.
Ihr Leben wurde in einer Nacht komplett auf den Kopf gestellt: Die Freunde, mit denen sie letzte Woche noch gemeinsam Hausaufgaben gemacht hat – verloren. Die Geschwister, mit denen sie sich noch vorgestern über ein Spielzeug gestritten hat – verloren. Die Eltern, mit denen sie erst gestern noch gemeinsam das Abendessen gegessen hat – verloren. Das Haus, das sie noch am Abend als Zuhause bezeichnen konnte – verloren. Die Freiheit, die sie noch vor paar Minuten als festen Bestanteil des Lebens ansah – verloren. Verloren, als die Nationalsozialisten kamen.
Vieler meiner Klient_innen waren zu dieser Zeit zwar noch jung, sie wussten aber, was vor sich ging. Einige von ihnen wurden frühzeitig von den Eltern ins Ausland geschickt. Voller Angst und Ungewissheit kamen sie meist alleine mit dem Schiff nach Amerika und wurden von Verwandten aufgenommen. Das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit steckt noch tief in ihnen. Sie haben Krankheiten, die schon in jungen Jahren ausbrachen und schlimmer wurden.
In Amerika mussten sie sich ein neues Leben aufbauen. Manche von ihnen wurden sehr erfolgreich, manche heirateten sehr schnell, damit sie nicht zur Last der Verwandten wurden. Einer meiner Klienten konnte sich sogar zu den Top-Stylisten seiner Zeit in New York etablieren und frisierte Marilyn Monroe und Eleanor Roosevelt.
Bei all diesen Erzählungen muss ich oft an meine Familie und Freunde denken. Was wäre wenn … und bei diesen Gedanken stockt mir der Atem.
Ich bewundere meine Klienten für ihren Mut, ihren Geist und ihren Willen. Es sind aus ihnen starke Menschen geworden, von denen ich sehr viel lernen kann. Ich möchte diesen Freiwilligendienst jedem ans Herz legen, denn es sind Begegnungen mit Menschen, die kein Geschichtsbuch ersetzen kann.

Von: Gözde Karababa, Jahrgang 1994, ist Freiwillige bei Selfhelp Community Services in New York. Sie besucht ältere jüdische Einwanderer, hilft ihnen im Alltag und im Haushalt.