Blog | Veranstaltungsrückblick | 25. April 2017

NS-Terror gegen Homosexuelle

Am Abend des 25. April fanden sich über hundert Interessierte im Auditorium des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors in Berlin ein, um an der Diskussionsveranstaltung „NS-Terror gegen Homosexuelle - Forschungskontroversen und erinnerungspolitische Positionen“ teilzunehmen. Sie wurde vom Schriftsteller und Historiker Dr. Lutz van Dijk in Zusammenarbeit mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, der Topographie des Terrors und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas initiiert.

Zur Begrüßung sprachen Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, und Jörg Litwinschuh, Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Außerdem wurde ein Grußwort von Esther Bejarano, Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland, verlesen.

Im ersten Teil der Veranstaltung bot Prof. Dr. Michael Schwartz, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, einen differenzierten Überblick über die unterschiedlichen Formen der nationalsozialistischen Verfolgung und Repression von Homosexuellen bzw. als homosexuell Denunzierten, sowie über relevante Entwicklungen im Bereich der Erinnerungskultur und verschiedene Forschungskontroversen. Er wies darauf hin, dass trotz der drastisch verschärften Bedrohung Homosexueller im Nationalsozialismus – 50.000 Menschen wurden nach § 175 verurteilt, 5.000 bis 15.000 in Konzentrationslagern inhaftiert – die (Über-)Lebensmöglichkeiten sehr unterschiedlich waren und keineswegs verallgemeinernd von einem „Homocaust“ gesprochen werden könne.

Anschließend warf der Historiker und Schriftsteller Dr. Lutz van Dijk einen kritischen Blick auf die schwierige Frage des Erinnerns an die sogenannten Rosa-Winkel-Häftlinge im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und sprach in diesem Kontext insbesondere auch über seine persönlichen Erfahrungen mit diesem Themenkomplex. So berichtete er von einem Besuch der ersten offen schwulen Gruppe zusammen mit einem schwulen Auschwitz-Überlebenden in der Gedenkstätte 1989, die ASF und die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim mit unterstützt hatten. Zum Gedenken an die Häftlinge mit dem rosa Winkel legte die Gruppe einen Blumenkranz mit Widmung in mehreren Sprachen nieder. Wenige Stunden später fanden sie diesen in einem Abfallcontainer. Lutz van Dijk benannte mehrere Gründe, die das Setzen eines beständigen Erinnerungszeichens für die homosexuellen NS-Opfer in Auschwitz gerade zum jetzigen Zeitpunkt möglich und notwendig machen – ein Erinnerungszeichen, das nie wieder in einem Müllcontainer verschwinden dürfe.

Die im Anschluss von Dr. Ulrich Baumann, dem stellvertretenden Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, moderierte Diskussion der Referenten mit dem Publikum zeigte unterschiedliche wissenschaftliche Positionen und gesellschaftspolitische Ansätze bezüglich der Art des Gedenkens an die homosexuellen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Viel Applaus erhielt der abschließende Appell von van Dijk und Baumann, das Gedenken an die homosexuellen NS-Opfer als Mahnung zu verstehen, heutige Verfolgung und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung in den Blick zu nehmen und ihnen entgegenzutreten.