Blog | Gedenkstättenfahrt | 29. August 2017

Studienreise nach Oświęcim und Kraków

Foto: Gundi Abramski

Im Juni unternahm das Projekt "ASF auf Erkundung", das sich bisher auf Gedenkstätten und -orte rund um Berlin, Hamburg, Heidelberg und Düsseldorf beschränkte, erstmalig eine Studienreise. Eine Gruppe von 23 Teilnehmenden besuchte die KZ-Gedenkstätte Auschwitz sowie die Städte Kraków und Oświęcim. Sie beschäftigte sich mit der Geschichte des ehemaligen Stammlagers Auschwitz und des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Im Anschluss besichtigte die Gruppe die Stadt Kraków und erfuhren mehr über das dortige jüdische Leben. Vor Ort wurden sie von Judith Hoehne-Krawczyk, der Studienleiterin von ASF in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim, und von Oskar Kunkel, ehrenamtlicher Koordinator von „ASF auf Erkundung“ begleitet.

Stimmen von Teilnehmenden:

„Es ist schwer, Gefühle, die mit einer Besichtigung des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz verbunden sind, in Worte zu fassen. Das Grauen ist unbeschreiblich, es brach durch die idyllische Sommerlandschaft immer wieder zu mir durch, bahnte sich seinen Weg. Es ist der spezifische Charakter des Ortes als Ort des Verbrechens, der gesteigert durch seine Symbolkraft einen Eindruck von der Totalität und Perfidie der von den Nationalsozialisten betriebenen Vernichtung vermitteln kann. Das individuelle Leid aber kann nur durch die Wiedergabe von Einzelschicksalen begriffen werden, verbunden mit einer permanenten Erinnerungsarbeit und steten Auseinandersetzung. Das Bemühen darum darf nicht abreißen, muss gerade jetzt reaktionären Kräften und Geschichtsrevisionisten entgegengesetzt werden. ASF leistet nicht zuletzt durch die Möglichkeit des Austauschs zwischen Freiwilligen und Überlebenden und Erinnerungsarbeit auf anderen Gebieten einen bedeutenden Beitrag dazu.“

Charlotte Plückhahn

„Was wünscht man jemandem, der nach Auschwitz fährt? Eine gute Reise kann ich dir doch nicht wünschen,“ sagte eine Bekannte, als ich ihr erzählte, dass wir mit einer Gruppe der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste eine Studienreise nach Oświęcim in die Gedenkstätte Auschwitz machen. Sie brachte die Beklemmung zum Ausdruck, die sich mit dem Namen Auschwitz verbindet.

Der Ort steht für den Mord an mehr als einer Millionen Menschen. Die perfide, systematische Enteignung der europäischen Juden und Menschen anderer Herkunft und Nationalität ist für mich vor allem sichtbar und spürbar geworden in der Geschichte einzelner Menschen. So zeigt eine große Fotowand Bilder, die die Ermordeten mit ins Lager gebracht haben – Fotos aus ihrem Leben in ihrem Zuhause mit ihren Familien. Die Vernichtungspolitik der Nazis, an der unzählige Deutsche beteiligt waren, hat diese Lebensgeschichten brutal zerrissen.

Vor meinem Besuch in Auschwitz konnte ich mir die Ausmaße des Konzentrationslagers nicht vorstellen.380 Fußballfelder umfasste das Areal des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Die Firma Topf hatte dort die Verbrennungsöfen aufgebaut.

In der Nähe des Konzentrationslagers hatten die IG-Farben und die Firma Siemens Niederlassungen, in denen sie in Außenlagern Zwangsarbeiter*innen beschäftigten.

Schülerinnen und Schüler des Walther-Rathenau-Gymnasiums in Berlin- Charlottenburg haben mit ihrer Lehrerin Martina Dethloff vor dem ehemaligen Außenlager für die Siemens-Schuckertwerke in Bobrek eine Gedenktafel enthüllt, die an das Unrecht und Leid erinnert, das Menschen hier erfahren haben.

Erinnern – nicht vergessen – weitersagen und ermutigen, sich auf die Geschichte einzulassen, das ist für mich die Aufgabe, die die Älteren an die Jüngeren weitergeben. Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hat mit dieser Studienfahrt einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Herzlichen Dank an Oskar Kunkel, der diese Fahrt initiiert und geleitet hat.

Christiane Jenner

„Wie wichtig ist Emotionalität/Betroffenheit bei einem Gedenkstättenbesuch in Auschwitz/Birkenau? Diese Frage beschäftigt mich während der Studienreise nach Oświęcim und Kraków mit Aktion Sühnezeichen Friedendienst im Juni 2017. Während im Stammlager Auschwitz das Gefühl von Enge und Begrenztheit bleibt, beeindruckt mich in Birkenau die Weite, das Unermessliche. 350 Fußballfelder! Eine Zahl von vielen, die uns unser Guide an den zwei Tagen vor Augen führt. Es sind viele Zahlen, viele Schicksale, eine Industrie der Vernichtung, die auch am Ort des Geschehens für mich nicht greifbar werden. Ich tauche ein, konsumiere, aber verdauen tue ich nur langsam. Der Gedenkort hinterlässt Spuren, viele Fragen, auch über meinem Gefühlszustand. Warum bin ich so wenig betroffen, kaum emotional berührt?

Im Gespräch mit Christoph Heubner, Geschäftsführender -Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees und Vize-Vorsitzender des Vorstands der Internationalen Jugendbegegnungsstätte werden wir mit drei Fragen konfrontiert: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ Wie präsent sind diese Fragen im eigenen Alltag? Täglich flüchten Menschen nach Europa, vor Krieg, Verfolgung und auch um ihre eigene Lebenssituation zu verbessern. Den Menschen, die nach Auschwitz kamen, sagten die Nazis, dass sie umgesiedelt würden. Für viele von ihnen war es eine Reise in den Tod. Leben, die nicht gelebt wurden, auch für die Überlebenden eine schwere Last, weil sie sich lebenslang die Frage stellen, warum gerade sie der Vernichtungsmaschinerie entkommen sind. Anschaulich wird dies in der Ausstellung von Marian Koƚodziej - Häftling Nr. 432, der seinen Erinnerungen in zahlreichen Zeichnungen Ausdruck verleiht. Auch hier wirken die Masse der Bilder und die Grausamkeit der Darstellungen schwer. Überleben ist nicht leicht. 

Am dritten Tag sind wir in Krakau, die Sonne scheint, viele Menschen schlendern durch die Straße. Ich sitze in der Straßenbahn, draußen tobt das pure Leben und ich frage mich: „Was bleibt?“ Wir wissen viel und Fragen zu stellen, ist ein erster Schritt des Handelns, ob wir weitergehen wollen, entscheidet nicht unbedingt das Gefühl der Betroffenheit.“

Melanie Schwanitz

Für August 2018 plant „ASF auf Erkundung“ eine erneute Reise nach Oświęcim und Kraków.

Fotos: Gundi Abramski