Blog | Freiwilligenbericht | 16. August 2017

Warum jüdische Patisserie nicht koscher sein muss

Reges Treiben im Café des Psaumes in Paris

Die „16 Rue des Rosiers“ in Paris ist ein Cafe. Davor runde Metalltische mit weißen Klappstühlen, auf ihnen haben sich rauchende, stets diskutierende und Espresso trinkende Frauen und Männern niedergelassen. Geht man hinein, befindet man in einem schmalen, gemütlichen Cafe-Raum, mit bunten Bildern an der Wand. Lautsprecher, die zwischen Milchkännchen und Sirup-Flaschen stehen, übertragen eine Diskussion zum Thema „Mythologie und Bibel“, die im Untergeschoss stattfindet. Alkohol wird hier nicht ausgeschenkt. Ein Bericht von Leonard Wilhelm über sein Freiwilligendienstprojekt "Café des Psaumes".

Willkommen im „Café des Psaumes“, meinem Arbeitsplatz als Freiwilliger, mitten auf der verrücktesten Straße des Marais, dem jüdischen Viertel von Paris. Einmal fragte mich eine US-Amerikanerin, wieso dieses Café so heißen würde. Ich gab die Frage an Sylvie, meine sehr sympathische Kollegin weiter. Sie antwortete knapp: „Why not?!“ und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Das ist ein jüdischer Name und das ist auch eine sehr jüdische Antwort.“ Diesen Dialog kann man gut als Sinnbild für die Gäste und ihre Gastgeber, die Atmosphäre und die Gespräche hier im „Café des Psaumes“ begreifen. Was jüdisch überhaupt ist, was es ausmacht und was eben nicht, wird hier täglich diskutiert.

Während sich ein Mann die Tefillin-Lederriemen anlegen lässt, erklären sich drei Damen aufgeregt die Vor- und Nachteile der verschiedenen jüdischen Patisseriehäuser.
Draußen, auf den weißen Klappstühlen, werde ich gefragt, warum ich als Deutscher hier in so einem Projekt arbeite. Egal, was ich in diesem Moment antworte: Ich brauche mich nur umzuschauen, die teils fremden, teils vertrauten Menschen anzusehen und die Antwort liegt auf der Hand. Marie-Lou zum Beispiel, die jeden in ihr Herz schließt bis auf den Mann mit dem Schofar-Horn, denn der solle seinen „feierlichen Lärm woanders machen und nicht hier vorm Café“. Oder Jeckele, der mir von Theresienstadt, Flossenbürg und seiner Enkelin in den USA erzählt hat. Oder dieser junge Mann, der mich immer etwas fordernd auf Hebräisch anspricht und mir damit beweisen will, wie viel er schon beim Hebräisch-Kurs gelernt hat. All diesen Menschen darf ich erleben, ihnen täglich zuhören, mit ihnen diskutieren – deshalb arbeite ich gern hier. Ich lerne neue, andere Perspektiven kennen. Das Judentum, jüdische Kultur, jüdisches Leben werden für mich lebendig und zugänglich.
Und sie werden hinterfragt: „Why not?“. Diskussion und Reflexion sollten meiner Meinung nach zu jedem einzelnen Tag als essentielle Bestandteile des Lebens dazugehören und als Ausdruck des Lebenswillens verstanden werden. Kein anderer Ort macht diese Notwendigkeit so bewusst wie das „Café des Psaumes“.

Von: Leonard Wilhelm, Jahrgang 1997, ist Freiwilliger in Paris. Neben der Arbeit im Café organisiert er Ausflüge und Veranstaltungen mit älteren Menschen. Außerdem arbeitet er in der Organisation „Yahad - In Unum“, die Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges erforscht.