Blog | Freiwilligenbericht | 06. April 2017

Was bedeutet der Holocaust für mich heute?

Verena Bunkus und Rebekka Schubert beim Sommerlager in Oswiecim 2016

„Was waren ihre Beweggründe? Wie konnte ein Kurt Prüfer, wie konnten die anderen Ingenieure Verbrennungsöfen und Ventilationssysteme für die Gaskammern konstruieren und immer weiter verbessern?“ Das sind Fragen, die sich der 17-jährige Paul während des Sommerlagers in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz stellte.

Er und weitere Jugendliche aus Polen und Deutschland waren zusammen gekommen, um etwas über die Geschichte zu lernen, um auf dem jüdischen Friedhof der Stadt zu arbeiten, und natürlich um im Sommer etwas zu erleben, Englisch zu sprechen und Gleichaltrige zu treffen. Manche von ihnen waren schon in anderen ASF-Sommerlagern aktiv oder kannten die Begegnungsstätte von internationalen Treffen, für andere war es eine neue Erfahrung, alleine im Ausland zu sein. Da jede*r gut Englisch sprach, entstand schnell ein Miteinander und ein respektvoller Umgang.

Doch wie begegnen Jugendliche, die 1999 oder 2000 geboren wurden, dem Ort und einer Geschichte, die mehr als 70 Jahre zurückliegt? Der Zweite Weltkrieg ist da wenig präsent. Schnell wird ersichtlich, warum. Das Erzählen beginnt mit: „Mein Uropa war…“. Die Teilnehmer*innen kennen teilweise ihre Familiengeschichte, jedoch nicht aus erster Hand. Und doch sind sie als vierte Generation motiviert, sich damit zu beschäftigen.

„Oświęcim ist magisch“, schwärmte die 16-jährige Kornelia und meinte damit die Stadt. Was sie faszinierte: Die Aktivitäten in der Stadt, die Sommerkonzerte auf dem Marktplatz, die internationale Atmosphäre der Jugendbegegnungsstätte. Natürlich ist da auch die Geschichte des Vernichtungslagers Auschwitz. „Ich war das erste Mal so verstört. Wie konnte das geschehen?“ sagte sie, „jetzt, nachdem ich nun schon oft da gewesen bin, kann ich gefasster damit umgehen.“

Pani Renata führte uns über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. An vielen Stellen hielt sie an und erzählte sie uns von ihren Gesprächen mit Zeitzeug*innen. Was diese in den Baracken erlebten und was es mit der Firma Topf & Söhne auf sich hatte, die die Verbrennungsöfen für die SS herstellten. Auf ihrem iPhone spielt Pani Renata Musik ab, in Birkenau, an der Stelle, an der das Mädchenorchester spielen musste. Unser Treffen mit dem Wissenschaftler und Auschwitz-Überlebenden Włacław Długoborski wurde mit Neugierde erwartet.

In diesem Jahr arbeitete die Gruppe auf dem jüdischen Friedhof gemeinsam mit US-amerikanischen Freiwilligen und britischen Archäologie-Student*innen. Sie jäteten Unkraut und erfassten Grabsteine für eine App der Studenten. Rastlosigkeit und Ungeduld erfasste die Jugendlichen bei der Frage, was der Holocaust und das Verhalten der Ingenieure von Topf & Söhne für uns heute persönlich bedeutet und was man in Zukunft machen kann. Es war schwierig für sie, einen eigenen Zugang zu finden und nicht nur Phrasen wiederzugeben. Das war auch gut und produktiv, so stand nach viel Arbeit eine Text und Bild-Collage. Lena-Marie, Katharina und Annika meinen, dass die europäische Gemeinschaft eine Antwort auf den Zweiten Weltkrieg darstellt und Zivilcourage eine wichtige Aufgabe sei. Clemens und Paul können nicht verstehen, warum den Ingenieuren von Topf & Söhne der Massenmord in Auschwitz egal war und wie es nur um ihr berufliches Streben um Anerkennung ging, so zumindest sind vorliegenden Korrespondenz-Dokumente zu interpretieren. Klara und Karolina erarbeiten ein bedrückendes Video mit Musik und Einschnitten aus der neuen „Shoah“-Ausstellung im Block 27 der Gedenkstätte. „Es gab Menschen, aber keine Menschlichkeit“, stellen sie fest.

Nach dem Sommer geht es für die Gruppe wieder zurück in die Schule oder ins erste Hochschulsemester. Vielleicht werden diese Fragen noch für manche wichtig sein.

Das Sommerlager wurde in Kooperation mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne durchgeführt und von der Flick-Stiftung finanziell unterstützt.

Von: Verena Bunkus, sie war als Freiwillige von 2005 bis 2006 im Jüdischen Zentrum in Oswiecim/Auschwitz, engagiert sich in der Sommerlager-Arbeit, promoviert zu deutsch-polnischer Geschichte und arbeitet im Erinnerungsort Topf & Söhne. Sie leitete gemeinsam mit Rebekka Schubert das Sommerlager 2016 in der IJBS.