Ein Fazit

Clara Labus war ein Jahr lang Freiwillige in Antwerpen, Belgien. Im Protestants Sociaal Centrum hat sie unter anderem mit Geflüchteten gearbeitet. Heute zieht sie ein Fazit von ihrem ASF-Jahr.

Clara Labus im Protestants Sociaal Centrum

Nun – mit einigen Monaten zeitlichem und ca. 400 km räumlichem Abstand – ist es an der Zeit, auf meine Zeit in Belgien zurückzublicken und mich zu fragen: Was hat sie eigentlich für einen Effekt gehabt?

Nach dem Abi wollte ich erstmal raus aus dem „akademischen Leben“; von der Schule direkt an die Uni wollte ich ganz bestimmt nicht. Ich wollte über den Tellerrand hinausschauen, Neues entdecken, neue Herausforderungen meistern und – auch wenn es etwas pathetisch klingen mag – etwas an die Gesellschaft zurückzugeben. Und natürlich neue Menschen, Sprachen, Lebensweisen und Kulturen kennenlernen.

Ich bin sehr froh, mich für dieses Jahr entschieden zu haben, denn ich habe unglaublich viel über mich selbst und die Welt um mich herum gelernt.

Die Arbeit in meinem Projekt hat mich dazu gebracht, mich mit meiner eigenen privilegierten Situation auseinanderzusetzen. Wenn ich Menschen begegnet bin, die gewisse Rechte, die ich selbst mein ganzes Leben lang als Selbstverständlichkeit betrachtet habe, nicht genießen, fing ich an, vieles infrage zu stellen. Privilegien bzw. Nachteile, die eine Person hat, haben vor allem mit einem zu tun: ihren Papieren. Über wie viel die Ausweispapiere einer Person in deren Leben bestimmen, macht man sich oft nicht klar genug: Reisefreiheit, Mitbestimmungsrecht in der Gesellschaft, politische Rechte, Arbeitserlaubnis usw. Und was, wenn gültige Papiere bzw. legale Aufenthaltsberechtigung gänzlich fehlen? In diesem Fall existiert man schlicht und ergreifend nicht für das staatliche System. Man kann sich kaum vorstellen, was das konkret für eine Person in verschiedenen Lebensbereichen bedeutet: medizinische Versorgung oftmals sehr schwierig; (legale) Arbeit unmöglich; (legale) Unmöglichkeit, eine Wohnung zu erhalten; kein Recht auf Sprachkurs; ständige Angst, von der Polizei entdeckt zu werden; keine Möglichkeit, die eigene Zukunft zu planen; keine Möglichkeit zu heiraten; keine Möglichkeit, einen Führerschein zu machen; Ausschluss von der Gemeinschaft; soziale Isolation; psychische Probleme. Manche Punkte scheinen weniger gewichtig als andere zu sein, sind aber oftmals für das tägliche Leben von ähnlich großer Bedeutung. Ein Leben in der Grauzone ist oft die Folge, ein Leben voller Entbehrungen, ein Leben, für das man täglich kämpfen muss. Ein menschenwürdiges Leben?

Wie privilegiert ich allein schon durch meinen Pass bin, habe ich oft im schmerzhaften Kontrast zu anderen Menschen, denen ich begegnet bin, gelernt. Und Privilegien äußern sich natürlich auch noch auf viele andere Arten und Weisen (z.B. Bildung, Herkunft, finanzielle Situation etc.)

Es ist oft schmerzhaft und macht mich manchmal sprachlos: Durch den persönlichen Zugang zur „Flüchtlingskrise“ bekommt man einen ganz neuen Blick auf die politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa und den Umgang mit Menschen, die geflohen sind. Und man bekommt ein Gefühl davon, was Menschlichkeit sein könnte und wo genau diese Menschlichkeit in vielen Debatten, vielen Köpfen und so mancher politischen Agenda schlicht fehlt.

Am meisten gelernt habe ich von den Menschen, denen ich in meinem Projekt begegnet bin. Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen, unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen sozialen und beruflichen Hintergründen. Was ich von ihnen nicht nur über ihre Kulturen und Religionen, sondern auch über Lebenseinstellungen und Werte gelernt habe, ist mir sehr wichtig. Sie haben mir aus ihrem Leben erzählt und Erfahrungen mit mir geteilt. Manche Geschichten waren sehr schockierend, alle haben mich zum Nachdenken angeregt. Vor allem der Respekt, mit dem die Menschen einander begegnet sind, und ihre Bereitschaft, alles zu teilen, haben mich sehr beeindruckt.

Ich bin für mich persönlich zu dem Schluss gekommen, dass ich soziales/gesellschaftliches Engagement zu einem Teil meines Lebens machen möchte. Ich möchte mich aktiv für die Werte, die ich vertrete, engagieren. Daher gebe ich seit meiner Rückkehr nach Deutschland neben meinem Studium ehrenamtlich Deutschkurse an Geflüchtete in einer Notunterkunft. Diese Arbeit erlebe ich als sehr bereichernd, da auch wir als Lehrende einen neuen Blick auf die deutsche Sprache erhalten und außerdem sehr schöne Begegnungen mit den Schüler_innen haben - sei es im Unterricht, beim Teetrinken, Ausflügen ins Museum oder Spieleabenden. Zudem ist es schön, jetzt schon zu bemerken, wie viele - wenn auch manchmal kleine - Fortschritte die Schüler_innen machen. Ich kann diese Art des Engagements ebenso wie einen Freiwilligendienst nur weiterempfehlen!

Dieses Jahr war vor allem eines: Anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Im Positiven wie im Negativen. Nie hätte ich es mir träumen lassen, in manchen Bereichen so über mich hinauszuwachsen, so viel zu lernen über mich selbst und meine Umwelt und so gute Beziehungen zu so tollen Menschen zu bekommen. Aber ich bin auch sehr vielen unvorhergesehenen Schwierigkeiten begegnet, beim Wohnen, im Projekt, bei mir selbst. Insgesamt überwiegt für mich jedoch auf jeden Fall das Positive!