Stationen einer langen Freundschaft: Vom Altenheim in Chicago bis zur Platzeinweihung in Lippstadt

Jan Schultheiß engagierte sich 1998/99 als ASF-Freiwilliger in einem Altenheim für jüdische Holocaust-Überlebende in Chicago. Dort lernte er Ursula Levy kennen – eine Freundschaft, die bis heute andauert.

Ursula Levy lernte ich während meines Freiwilligendienstes im Selfhelp Home in Chicago kennen, das Holocaust-Überlebende 1938 als Selbsthilfeorganisation und Altenheim gegründet hatten. Hier besuchte Ursula regelmäßig Freund*innen und Verwandte. Anders als manche im Heim hatte Ursula keine Scheu mich kennenzulernen, ganz im Gegenteil. Sie lud mich ein zum Dinner im Chicagoer Hofbräuhaus („Damit Du mal etwas Vernünftiges kriegst“), nahm mich mit zur Tanzgruppe, die sie mit viel Leidenschaft unterrichtete, und chauffierte mich in ihrer geliebten „Beverly“, ihrem altehrwürdigen Mercedes, den ihr Onkel einst aus Deutschland nach Kalifornien hatte importieren lassen. Sie begeisterte sich für die Themen, denen sie sich einst auch in ihrem Beruf gewidmet hatte – Gesundheit und Bildung – und für die Abenteuer ihrer Weltreise, die sie unter anderem mit der transsibirischen Eisenbahn in die Mongolei brachte. Immer mit dabei: ihre Herzlichkeit, ihr unwiderstehliches Lachen und ihr sehr charmanter niederländischer Akzent, wenn sie Deutsch spricht.

Ursula wurde 1935 geboren und verlebte im nordrhein-westfälischen Lippstadt zunächst eine glückliche Kindheit. Diese endete, als ihre Familie zunehmend ausgegrenzt und schikaniert wurde. Ihr Vater und Onkel wurden im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten und zu Tode gequält, ihre Mutter kam im KZ Stutthof um.

Durch die Hilfe eines Familienmitglieds aus den USA konnten Ursula und ihr Bruder Georg in einem niederländischen Kinderheim bei Eindhoven Unterschlupf finden: In dem Konvent wurden sie katholisch getauft und erhielten den Nachnamen „Mueller“. Nach der deutschen Invasion der Niederlande 1940 wurde Ursula in das KZ Vught 1943 verschleppt. Der Deportation nach Auschwitz entging sie nur knapp und kam stattdessen über Westerbork nach Bergen-Belsen. Im April 1945 wurde sie im berüchtigten „Verlorenen Zug“ auf dem Weg nach Theresienstadt im brandenburgischen Tröbitz befreit. Zunächst kehrten die Geschwister in die Niederlande zurück, 1947 kamen sie zu Verwandten nach Chicago. Die Erfahrungen ihrer Kindheit schrieb Ursula im Buch The Incredible Years nieder.

Ursula Levy und Jan Schultheiß

Nach allen Verlusten und aller Unmenschlichkeit ihrer Kindheit hat sich Ursula entschieden, dem Leben mit einem Strahlen zu begegnen, offen über ihre Erfahrungen zu sprechen und sicherzustellen, dass sich Unmenschlichkeit heute nicht wiederholt. So wirbt sie z.B. in Chicagos Schulen unermüdlich für ein respektvolles Miteinander ohne Vorurteile und mahnt dort einen offenen Dialog gegen Rassismus an. Das hat ihr auch den Beinamen „die Wahrheitssucherin“ eingebracht.

Das Thema Identität(en) – niederländisch, amerikanisch, deutsch, jüdisch, katholisch? – hat Ursula ihr Leben lang bewegt – und ihre Persönlichkeit tiefgreifend geprägt. Mit ihrer Pensionierung nahm sie wieder ihren Mädchennamen Levy an. Die Niederlande sind immer Heimat geblieben, auch mit Lippstadt gab es in den letzten Jahrzehnten wieder Berührungspunkte. Bei Besuchen kam sie mit Schüler*innen ins Gespräch und traf einen Lehrer, der sich mit dem Schicksal der Familie Levy beschäftigte und diese für ausgelöscht gehalten hatte. Schließlich wuchs seitens der Stadt Lippstadt der Wunsch, den Geschwistern Levy einen Platz widmen zu dürfen.

Im März 2017 schließlich wurde in Lippstadt der „Geschwister-Levy-Platz“ im Beisein des Bürgermeisters, zahlreicher Bürger*innen und einiger Wegbegleiter*innen der Levys eingeweiht – in der Nähe des früheren Wohnhauses der Familie und nahe der ehemaligen Synagoge. Da Ursula nicht aus den USA anreisen konnte und ihr Bruder Georg nicht teilnehmen wollte, bat mich Ursula, ihre Rede stellvertretend vorzutragen. Es war eine stimmungsvolle Zeremonie, an der auch eine niederländische Kindheitsfreundin Ursulas teilnahm, einfühlsam begleitet durch Schüler*innen des örtlichen Gymnasiums mit Texten und Musikeinlagen, die das Leben der Familie nachzeichneten. Eine Frage bleibt für Ursula allerdings offen: Warum wurde der Platz nicht der ganzen Familie, sondern nur den überlebenden Geschwistern gewidmet?

Mit der Einweihung, so die Stadt in ihrer Einladung, wurde nun eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft geschlagen. Ein hoher Anspruch. Ursula jedenfalls bezeichnete die Einweihung als eine Kehrtwende in der Einstellung der Stadt Lippstadt gegenüber ihrer eigenen Geschichte und als einen der großartigsten Momente ihres Lebens.