Aktuelles | Zum Nachlesen | 25. Juni 2021

ASF-Freiwillige hält Rede zu Holocaust-Erinnerung

Margo Wieseler. Foto: Photothek/Auswärtiges Amt.

Margo Wieseler hat beim Zusammentreffen von US-Außenminister Antony Blinken und Bundesaußenminister Heiko Maas am Denkmal für die ermordeten Juden Europas eine sehr persönliche Rede über die Geschichte ihrer Familie und ihren Freiwilligendienst mit ASF gehalten.

Ihr Redetext im englischen Wortlaut und in der deutschen Übersetzung:

To begin my remarks, I would like to just say „thank you“ to Ms. Friedländer. Your words of wisdom and passion are an inspiring call to action for the next generation.

I also want to thank Secretary Blinken and Secretary Maas for highlighting innovative ways to commemorate the horrors of the Holocaust. Initiatives to preserve the voices of our survivors are essential to prevent my generation from choosing the ease of forgetting over the shame of remembering.

Sometimes, standard high-school level history education reinforces this tendency, as it can make the Holocaust feel unpersonal and distant. I, myself, only recently started confronting my family and my country’s history and involvement, when I began to prepare for my year abroad with Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, a German NGO aiding reconciliation between victims of Nazi persecution and young Germans today. With the help of Aktion Sühnezeichen, I had the unique opportunity and great privilege to spend a year volunteering at the Illinois Holocaust Museum and Education Center in Chicago, a world leading institution in the field of digitalized Holocaust remembrance.

I found my motivation for serving in the museum in my family history. My great-grandfather was a member of the Reichstag, appointed by and representing the the Nazi party. I was, and still am, ashamed of this piece of my family’s history, and I was especially anxious to share it with survivors and their families. They had every reason to be dismissive, hurt, or even hostile towards me. But to my great relief, their response was full of love, understanding, and even curiosity.

This ability to distinguish between my generation and our ancestors left a lasting impression on me. I was especially amazed by Fritzie Fritzshall, the museum`s long-time president and a teenage survivor of Auschwitz, who happily accepted an invitation to dinner from me and a friend: the cuisine would be German, obviously.

In devastating news, Fritzie sadly died last weekend, leaving another hole that will never be filled. However, her impressing ability to disband black-and-white thinking in place of a more nuanced approach is something we all can learn from in our everyday lives.
My generation, young as we are, has been fortunate enough to hear the stories of the Holocaust directly from survivors, reminding us just how recent these atrocities were. With each passing day, preserving and retelling these lessons gets more important, lest we begin to distance ourselves and forget the lessons learned.  

My year with Aktion Sühnezeichen has forever changed me, and I can confidently say that I understand the importance of combatting antisemitism and using my voice to fight for a free and fair society better than ever. If young people like me sincerely want to make „Never Again“/„Nie wieder“ a reality, we must never stop openly building these bridges between the most painful hours of the past, our lives today, and the future.

Redetext in deutscher Übersetzung

Zu Anfang würde ich mich gerne bei Frau Friedländer bedanken. Ihre Worte haben mich sehr berührt und mir nochmal auf bildliche Weise vor Augen geführt, warum Veranstaltungen wie diese so wichtig sind. Ihre Stärke und Leidenschaft beeindrucken mich sehr.
Ich möchte mich außerdem bei US-Außenminister Blinken und bei Bundesaußenminister Maas für ihre Bemühungen um innovative Holocaust-Bildung bedanken. Initiativen, um die Stimmen der Überlebenden zu bewahren, sind essenziell um meine und zukünftige Generationen zum Erinnern zu bewegen. Denn leider fällt das Vergessen fällt leichter als Gedenken.

Leider fühlt sich nämlich auch im Geschichtsunterricht der Holocaust oft sehr weit entfernt an, obwohl die meisten deutschen Schüler*innen persönliche Verbindungen zur Tätergeneration haben. Auch ich habe erst vor kurzem angefangen, mich mit meiner eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Dies habe ich in Vorbereitung für meinen Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), einem deutschen Verein der sich für Verständigung zwischen Opfern der Nazi-Verfolgung und jungen Deutschen heute einsetzt, getan. Mit Hilfe von ASF bekam ich die einzigartige Möglichkeit, mich ein Jahr im „Illinois Holocaust Museum and Education Center“ in Chicago zu engagieren. Das Illinois Holocaust Museum ist das drittgrößte Holocaust Museum der Welt und zeichnet sich durch viele innovative Möglichkeiten zur Erinnerung aus.

Ein großer Teil meiner Motivation für meinen Friedensdienst ging auf meine Familiengeschichte zurück. Mein Urgroßvater war für die NSDAP Mitglied des Reichstags. Ich schäme mich für diesen Teil meiner Familie und ich hatte Bedenken, diese Geschichte den Überlebenden im Museum zu erzählen. Sie hätten schließlich jeden Grund gehabt, ablehnend oder sogar feindselig zu reagieren. Aber zu meiner Erleichterung war ihre Reaktion geprägt von Verständnis, Liebe und sogar Neugier.

Diese Fähigkeit, zwischen mir und meinen Verwandten zu unterscheiden, hat mich tief beeindruckt. Besonders begeistert hat mich Fritzie Fritzshall, eine Auschwitz-Überlebende und Präsidentin des Museums. Als ein Mitfreiwilliger und ich sie zum Abendessen einladen wollte, sagte sie, ohne zu zögern, zu – und das Essen sollte natürlich deutsch sein.
 
Zu diesem Treffen kam es leider nie. Wir mussten die USA aufgrund der Pandemie überstürzt verlassen, und Fritzie ist am letzten Wochenende leider gestorben und hinterlässt ein Loch, das sich nie Füllen lässt.  Ihre beeindruckende Fähigkeit, an Stelle von klassischen Schwarz-Weiß-Denken die vielen Grautöne zu erkennen, sollte uns allen ein Beispiel sein.

Meine Generation ist in der glücklichen Situation, die Geschichten der Überlebenden noch direkt von ihnen hören zu können. Sie erinnern uns daran, dass die schrecklichen Taten des Holocausts weder lange her noch weit entfernt sind. Mit jedem Tag wird es wichtiger, dass wir diese Geschichten bewahren und weiter erzählen – denn sonst werden wir anfangen, zu vergessen.

Mein Jahr mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hat mich für immer verändert. Ich verstehe die Bedeutsamkeit, Antisemitismus zu verurteilen und mich für eine freie, faire Gesellschaft einzusetzen, besser als zuvor und bin sehr dankbar dafür, was ich lernen durfte. Wenn junge Menschen wie ich wollen, dass „Nie wieder“/“Never Again“ tatsächlich Realität wird, dürfen wir nie aufhören, diese Brücken zwischen den schmerzhaftesten Stunden der Vergangenheit, unserem Leben heute und der Zukunft zu bauen.


Margo Wieseler war von 2019 bis 2020 Freiwillige im Illinois Holocaust Museum & Education Center in Skokie. Sie studiert in Berlin Politikwissenschaften und engagiert sich in der ASF Regionalgruppe Berlin-Brandenburg zu erinnerungspolitischen Themen.

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