Aktuelles | Rückblick | 18. Mai 2020

ASF-Jahrestagung

„On the Basis of Sex and Gender: Geschichte(n) von Repression und Emanzipation“ – das war das Thema der ASF-Jahrestagung, die wegen der Corona-Krise digital stattfand. Etwa 400 Teilnehmer*innen verfolgten das Programm an ihren Bildschirmen zuhause. Nach einer Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden Dr. Stephan Reimers stellten die ehrenamtlichen Mitglieder der AG Jahrestagung das Thema vor und erklärten, wie sie sich dem komplexen und facettenreichen Thema aus verschiedenen Richtungen angenähert hatten. In kaum einem anderen Lebensbereich seien Natur und Gesellschaft so eng miteinander verschränkt wie in Geschlechter- und Genderfragen. Auch in der Geschichte von ASF selbst spielten Geschlechterthemen, Fragen um Gender-Gerechtigkeiten immer wieder eine Rolle, wie ein kurzer Exkurs zeigte.
Für ASF bleibt die gesamtgesellschaftliche Beschäftigung mit Gender-Gerechtigkeit und die Arbeit gegen Sexismus und Antifeminismus weiter aktuell und notwendig.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion führte ASF-Geschäftsführerin Jutta Weduwen durch drei Themenschwerpunkte: Inwiefern spielen Sexismus und Antigender in rechtspopulistischen und –extrem rechten Bewegungen eine Rolle und berühren damit auch die Mitte der Gesellschaft. Welche Rolle spielen Antifeminismus und Genderbilder rechtskonservativer Kräfte eine Rolle in  Kreisen der Kirchen? Welche Funktion und Rolle haben Frauen als Täterinnen und Akteurinnen in rechtspopulistischen und extrem rechten Bewegungen? Dazu tauschten sich Prof. Dr. Esther Lehnert von der Alice-Salomon-Hochschule, Judith Rahner von der Amadeu Antonio Stiftung sowie Dr. Amrei Sander von der Universität Leipzig aus.

Judith Rahner betonte, dass in rechtspopulistischen Kräften ein Erstarken von Antifeminismus zu beobachten sei und sich extrem rechte Erzählungen in der Mitte der Gesellschaft verfangen. Es gehe dabei um eine Weltanschauung, die sich gegen Geschlechter-Gerechtigkeit und Gleichstellung von Frauen wende. Neu sei, dass Feministinnen dabei ein zum Ziel von Verschwörungstheorien werden. Als „Kofferwort“ werde in rechtspopulistischen Kreisen der Begriff Genderwahn verwendet.

Dr. Amrei Sander führte in die Begriffe Evangelikale, bibeltreue Christ*innen, rechtskonservative christliche Akteur*innen und christlichen Rechte ein Antifeminismus ist ein prägendes Element für viele Menschen, die diesen Gruppierungen angehören. Es gebe rechtskonservative christliche Akteur*innen, die Allianzen mit rechtspopulistischen Kräften schlössen. Beide Kreise einen die Feindschaft gegen alles, was traditionelle Geschlechterrollen bedrohe.

Prof. Dr. Esther Lehnert erklärte, Frauen als Akteurinnen innerhalb der rechtspopulistischen Bewegung würden oft unterschätzt und übersehen. Sie sprach vom Prinzip der doppelten Unsichtbarkeit von Frauen und Mädchen. Ihnen werde weniger zugetraut, sie würden als unpolitischer gelten. Dies versperre den Blick auf das Engagement und Erfolge von Frauen auch in rechtsextremen Bewegungen.

Am Nachmittag standen zwei Workshops auf dem Programm: Die Themen waren „Die Verfolgung lesbischer Frauen* im NS und der Kampf um Anerkennung“ sowie „Im Gefolge der SS – Aufseherinnen in Ravensbrück“.

Im ersten Workshop wurde der Kampf um ein würdiges Erinnern anhand der Debatte um die Gedenkkugel für lesbische Frauen* in der Gedenkstätte Ravensbrück dargestellt. Auch die Lebensrealitäten und Verfolgungssituation(en)lesbischer Frauen* im Kontext der NS-Sexualpolitik wurden betrachtet und die Teilnehmenden beschäftigten sich mit Biografien lesbischer Frauen.

Im zweiten Workshop richteten die Historikerin Ljiljana Heise und der Bildungswissenschaftler und Historiker Dr. Matthias Heyl, die beide in der Bildungsabteilung der Gedenkstätte Ravensbrück arbeiten, den Blick auf geläufige Bilder, Klischees und Stereotypen in der Wahrnehmung der Aufseherinnen. Welche Rollenbilder wurden im Gefüge des Frauen-Konzentrationslagers geprägt und genutzt und welche Erzählweisen über Täterinnenschaft haben sich etabliert?

Den Abschluss der Jahrestagung bildete ein bewegendes Zeitzeugingespräch mit Rozette Kats. 1942 geboren, hatten ihre jüdischen Eltern sie während der Kriegstage in den Niederlanden bei einem nicht-jüdischenEhepaar versteckt – zum Schutz. Sie selbst wurden in Auschwitz ermordet, gemeinsam mit dem kleinen Bruder von Rozette. Erst mit sechs Jahren erfährt Rozette Kats, wer ihre leiblichen Eltern sind, doch gesprochen wurde darüber in der Pflegefamilie lange nicht. Viele Jahre passte sie sich im Leben an, aus Angst, sie könnte wieder weggegeben oder verlassen werden. Erst mit 50 Jahren und nach einer Therapie findet sie zu sich selbst und ihrer jüdischen Identität. Der jüngeren Generation möchte sie auf den Weg geben, dass Nein-Sagen wichtig sei. Denken, sich entscheiden und das dann auch äußern, auch wenn die Gruppe, in der man sich befinde, das anders sehe – dafür stehen, was man empfinde: Dies sei ihr Rat an junge Menschen.

Die Jahrestagung beendete ASF-Geschäftsführerin Dr. Dagmar Pruin, die darauf hinwies, dass der Zauber der Jahrestagung darin bestehe, dass die Menschen, die ASF nahestehen, aus verschiedenen Generationen stammten.

Das von den ASF-Mitgliedern gewählte Zweijahresthema „On the Basis of Sex and Gender“ wird die Arbeit von ASF weiterhin begleiten: Auf den Bildungsseminaren, in den Publikationen, den Aktionen der Regionalgruppen – und auch auf der Jahrestagung 2021 wird es wieder im Mittelpunkt stehen.

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