Aktuelles | Grußwort | 30. Oktober 2018

Grußwort von Dr. Dagmar Pruin anlässlich der Ehrung Johanna und Lothar Kreyssig als „Gerechte unter den Völkern“

Dagmar Pruin. Foto: Embassy of Israel/Ruthe Zuntz

Diese Rede ist das Grußwort Dagmar Pruins, Geschäftsführerin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, anlässlich der Ehrung Lothar Kreyssigs und seiner Frau Johanna Kreyssig als "Gerechte unter den Völkern" durch Yad Vashem am 30. Oktober in Berlin. Hier finden Sie unsere Pressemitteilung zu der Ehrung und hier können Sie die auf der Veranstaltung präsentierten Reden von Freiwilligen nachlesen.

Sehr geehrter Herr Botschafter Issacharoff,  liebe Frau Witte,

aber vor allem liebe Familien Kreyssig und Krausz,

ich freue mich sehr, dass wir heute teilhaben dürfen an der posthumen Ehrung von Lothar und Johanna Kreyssig als „Gerechte und den Völkern“. Es ist ein besonderer Moment und berührt mich, diesen Baustein aus der Lebensgeschichte unseres Gründungsvaters gemeinsam mit Ihnen allen, sehr geehrte Damen und Herren und liebe Freundinnen und Freunden der Familie Kreyssig und von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, erleben zu können.

Von einem Baustein im Leben spreche ich und gleichzeitig ist mir bewusst, dass dieser Teil der Lebensgeschichte von Lothar Kreyssig viel weniger bekannt ist, viel weniger nacherzählt wird, als Ereignisse, die davor und danach stattfanden. Für uns bei ASF ist seine Geschichte mit uns, die Gründung von Aktion Sühnezeichen im Jahr 1958 das prägende Narrativ. Für andere hier im Raum vielleicht eher sein Engagement für die Hungernden oder die Gründung des Weltfriedensdienstes oder sein Engagement in der mitteldeutschen Kirche. Und alle kennen wir das mutige Eintreten des Vormundschaftsrichters in Brandenburg an der Havel für die ihm anvertrauten Mündel und gegen die Euthanasie-Morde der Nationalsozialisten. Von der Rettung von Gertud Prochownik, an die wir heute erinnern, war bisher in unseren Organisationen oft wenig bekannt. Das jedoch wird sich mit dem heutigen Tag ändern und ich danke Ihnen, Jenny und Julie Krausz, dass Sie heute hier bei uns sind und uns damit leibhaftig vor Augen führen, was diese Rettung bedeutet hat.

Wir sprechen heute nicht allein von Lothar Kreyssig, sondern auch von Johanna Kreyssig, geborene Lederer, etwas älter als ihr Mann und wie es die dann doch wieder wenigen Quellen zeigen, eine beeindruckende Frau. Der Kreyssig-Biograph Konrad Weiß verstand sie als die nüchterne und praktischere Hälfte des Ehegespanns, die einen nötigen Ausgleich zu den manchmal himmelstürmenden Ideen ihres Mannes herzustellen vermochte. Ob sie sich selbst auch so sah? Wenn Lothar Kreyssig in seinem Tagebuch beim Einzug auf den Bruderhof notierte „ Hanne – so nannte die Familie sie – Hanne äußerst unlustig und aufsässig“ weckt es in mir sehr den Wunsch, mehr von ihr zu wissen und zu hören, verstehe ich doch „Aufsässigkeit“ bei Frauen als eine der wichtigsten und notwendigsten Charaktereigenschaften. Auch Aktion Sühnezeichen ist nicht selten als „aufsässig“ bezeichnet worden  - oft in politischen Situationen, in denen wir notwendig unbequem waren.

Die Sozialwissenschaftlerin Christina Thürmer-Rohr hat in vielen ihrer Texte die Mittäterschaft von Frauen, ihre Komplizenschaft an der institutionalisierten Herrschaft thematisiert, gerade auch mit Blick auf den Nationalsozialismus. Ihre Thesen sind wertvoll, denn sie schärfen den Blick  auf die Schuldverstrickung von Frauen auch wenn sie  keine Ärztinnen und Wärterinnen, sondern „nur“ in der Haus- und Erziehungsarbeit tätig waren  Schuldig wurden Frauen auf mannigfaltige Weise und auch gerade dann, wenn sie das System unterstützten und ihren Männern den Rücken stärkten.

Beim Nachdenken über Johanna Kreyssig ist mir aber umgekehrt auch deutlich geworden, wie viel stärker wir auch die „Mitwiderstandskraft“ also die positive Mittäterschaft von Frauen beleuchten müssen, wenn wir vielen Lebenswegen und der komplexen Geschichte gerecht werden wollen. Zu der Geschichte von Lothar Kreyssig gehört Johanna unbezweifelbar dazu. Ihre Handlungsspielräume, dem System zu widerstehen, waren andere als seine, aber die Widerstandskraft und das Verbergen von Getrud Prochownik auf dem Hof, aber auch alles, was Lothar Kreyssig nach dem Krieg auf den Weg brachte, wäre ohne sie wohl nicht möglich gewesen. Und auch viele der Männer, die ASF dann dreizehn Jahre nach Kriegsende auf den Weg brachten, konnten das tun, weil sie kluge und tatkräftige Frauen an ihre Seite hatten, zu dem Generalsekretär Franz von Hammerstein gehört eben auch Verena von Hammerstein, die heute bei uns ist und viele weitere Beispiele lassen sich in der ASF-Geschichte finden.

Wir verdanken Lothar und Johanna Kreyssig viel und dieses Erbe ist uns Verpflichtung und Auftrag. Im Gründungsaufruf  von ASF, dem Lothar Kreyssig 1958 am Rande der EKD Synode und außerhalb der Tagesordnung vorliest heißt es:

Wir bitten um Frieden:

Wir Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg

begonnen und schon damit mehr als andere

unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet;

Deutsche haben in frevlerischem Aufstand gegen Gott Millionen von Juden

umgebracht. Wer von uns Überlebenden dasnicht gewollt hat, der hat nicht genug getan, es zu verhindern (…) .

Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns

erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun.

Zitat Ende.

Wir bitten um Frieden. So begann die Geschichte eines freiwilligen Friedensdienstes, der für die deutsche Nachkriegsgeschichte und die Beziehungsgeschichte unserer näheren und ferneren Nachbarn von großer Bedeutung war. Seit dieser Zeit sind mehr als 12.000 Freiwillige in langfristigen Freiwilligendiensten oder Sommerlagern, in Ost und West unterwegs gewesen und damit aus unterschiedlichen Motiven, aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten wie der Bundesrepublik und der DDR und in sehr verschiedene Länder diesem Ruf gefolgt und heute ist ASF darüber hinaus Trägerin verschiedener Bildungsprogramme.

Es ist eine auch bewusst demütige Haltung, die sich im Gründungsaufruf  widerspiegelt und für die Geschichte von ASF prägend gewesen ist. Dieser Demut gaben jedoch die Gründungsväter und -mütter!  noch einen anderen wichtigen Gedanken an die Seite und daher zitiere ich nun noch einmal Lothar Kreyssig, diesmal aus der Einleitung zum Aufruf:

Dass unbewältigte Gegenwart an unbewältigter Vergangenheit krankt, dass am Ende Friede nicht ohne Versöhnung werden kann, das ist weder rechtlich noch programmatisch darzustellen. Aber man kann es einfach tun.”Zitat Ende.

Aber man kann es einfach tun. So kommt hier nun beides zusammen, das Himmelstürmende und das Pragmatische, das sich aber nicht im dem erschöpft, was möglich ist, sondern aufzeigt, was möglich sein kann. Was 13 Jahre nach Kriegsende für die ersten Freiwilligen galt, gilt heute ebenso sehr. In der Begegnung mit Überlebenden und ihren Nachkommen, in der lebendigen Begegnung mit anderen Menschen, durch dieses Tun werden Menschen verändert und scheint eine Zukunft auf, die ohne eben dieses Tun nicht erfahrbar und damit auch nicht denkbar ist. Solch eine Bewegung hat mit dem Gründungsaufruf ihren Beginn genommen und wir laden auch heute junge Menschen unter dem Hashtag #einfachmachen ein, Teil dieser bewegenden Geschichte zu werden.

Ehrungen die posthum erfolgen, können manchmal ein schales Gefühl hinterlassen, weil man so gerne den Lebenden diese Ehrung gegönnt hätte. Gleichzeitig kommt die Ehrung von Lothar und Johanna Kreyssig zu einem wichtigen und damit richtigen Zeitpunkt, denn die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sind nicht anders zu bezeichnen als besorgniserregend. Rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen gewinnen an Zulauf und wirken hinein bis in die Mitte der Gesellschaft. Mit der AfD, die seit dem vergangenen Sontag nun in allen Landesparlamenten vertreten ist, erleben wir eine Partei, die offen gegen Zugewanderte, muslimische und geflüchtete Menschen hetzt und versucht, die Geschichte neu zu schreiben. Eine Partei, die nicht aus Versehen, sondern ganz bewusst antisemitische Äußerungen streut und ihren Teil dazu beiträgt, dass sich heute der Antisemitismus wieder lauter und gewalttätiger Bahn auch in Deutschland brechen kann. Sprache verroht und Taten folgen und das geht uns alle an, denn das sind keine Randphänomene  - unsere Demokratie ist in Gefahr!

Dem entgegenzuwirken, mit bunten großen Demonstrationen aber auch klugen Publikationen, mit Freiwilligendiensten und mit Sommerlagern, mit Bildungs- und Begegnungsprogrammen und Aktionsformen, mit Erfahrungen, mit Herz und Verstand, auch aufsässig, himmelstürmend und gleichzeitig pragmatisch – das ist das Erbe von Lothar und Johanna Kreyssig deren Mut und Tatkraft heute geehrt wird. Wir verneigen uns vor diesen beiden Menschen in Dankbarkeit und wollen uns dieses Erbes als würdig erweisen.

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