Aktuelles | 18. März 2019

Jahresempfang 2019: „Das Rad der Geschichte wird zurückgedreht“

Prof. Aleida Assmann. Foto: Alexander Paul Englert

Prof. Dr. Aleida Assmann, Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2019, war Festrednerin beim diesjährigen Jahresempfang von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Frankfurt am Main.

Die Erinnerungskultur ist gegenwärtig unter Druck. Das ist das Fazit der Kulturwissenschaftlerin Prof. Aleida Assmann. Immer mehr Staaten in Europa stellten, anders als noch vor einigen Jahren, nur noch ihre eigene Geschichte in den Vordergrund. Sie nähmen nicht mehr wahr, welches Leid sie in der Vergangenheit Nachbarn und Minderheiten angetan haben. Assmann sprach hier von einem Wandel von einer dialogischen zu einer  monologischen Erinnerungskultur. „Das Rad der Geschichte wird in Europa gerade zurückgedreht“, sagte sie beim ASF-Jahresempfang ind er Evangelischen Akademie in Frankfurt am Main. 

Die alten Prinzipien eines monologischen Nationalstaats, der auf Stolz und Ehre gegründet ist und selbstherrlich über seine Geschichte entscheidet, werden in vielen Staaten wieder eingesetzt, so die Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels. „Dabei wird gerade wieder vergessen, dass es eben diese egomanen und monologischen Nationen  waren, die den ersten und zweiten Weltkrieg entfesselt haben.“

Deshalb sei auch die Arbeit von ASF so wichtig: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, so die emeritierte Professorin, spreche die Jugend an, stärke über Grenzen hinweg den Kontakt von Mensch zu Mensch und setze sich seit mehr als  60 Jahren unbeirrbar für Demokratie und Frieden ein. Damit nehme die Organisation im Konzert der demokratischen Stimmen und Positionen in diesem Land eine herausragende Rolle ein.

ASF-Freiwillige Lisa Hohmeier erzählt von ihrer Zeit in Minsk

Wie dieser Kontakt von Mensch zu Mensch praktisch aussieht, zeigt der Bericht von Lisa Hohmeier. Die ASF-Freiwillige war 2018/19 im belarussischen Minsk. Auf dem Jahresempfang erzählt sie unter anderem von ihren Besuchen in der Gedenkstätte Blagowtschina: Dort wurden im Zweiten Weltkrieg mehrere zehntausend Menschen ermordet. „Werden wir je die Anzahl derer kennen, deren tote Körper in der Eile der kommenden Niederlage noch von den Nazis verbrannt wurden? Wahrscheinlich wird das nicht gelingen, aber wir werden trotzdem erinnern, an die Menschen mit Namen und an die Namenslosen, denn sie wurden schon so lange vergessen“, so Lisa Hohmeier.

An mehr las 60 Jahre ASF-Geschichte erinnerte der Vorsitzende des Vorstands, Dr. Stephan Reimers in seiner Begrüßung. Den Jahresempfang moderierte Geschäftsführerin Dr. Dagmar Pruin.       

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