Aktuelles | Franz von Hammerstein | 02. Juni 2021

Zum 100. Geburtstag von Franz von Hammerstein

Franz von Hammerstein Ende der 1960er Jahre

Franz von Hammerstein wurde am 6. Juni 1921 geboren, in diesem Jahr wäre er hundert Jahre alt geworden. Er hat die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste über Jahrzehnte geprägt und gestaltet.

Seit seiner Befreiung 1945 aus dem Konzentrationslager Dachau (er war dort zum Kriegsende wegen der Beteiligung zweier Brüder am Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler inhaftiert) war Franz von Hammersteins Leben bis ins hohe Alter der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gewidmet und der Frage nach dem ausgebliebenen christlichen Widerstand gegen das NS-Regime. In einem lesenswerten Festvortrag zum Gedenktag „20. Juli 1944“ schilderte er persönliche Erlebnisse und Gedanken zu seiner Haftzeit und Befreiung - und erzählt unter anderem, wie es zur Gründung der Aktion Sühne-zeichen und zu den ersten Bauprojekten kam.

„Doch schuldig bin ich, anders als ihr denkt,
ich musste früher meine Pflicht erkennen,
ich musste schärfer Unheil Unheil nennen,
mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt.“


Diese Zeilen des 1945 von den Nazis hingerichteten Albrecht Haushofer haben Franz von Hammerstein seiner eigenen Aussage nach zu Sühnezeichen gebracht. Die Arbeit der Organisation hat er mit unermüdlicher Energie über Jahrzehnte vorangetrieben und begleitet, als einer der Gründungsväter, als Generalsekretär des Büros in West-Berlin, als Vorstandsmitglied sowie als Mitglied des Kuratoriums. Entscheidende Ereignisse und Wegpunkte der Sühnezeichen-Geschichte sind ohne Franz von Hammerstein und seine internationalen ökumenischen Netzwerke nicht vorstellbar, die Bauprojekte der 50er und 60er Jahre in West- und Nordeuropa, der Beginn ökumenischer Partnerschaften in Osteuropa, die ersten christlich-jüdischen Gespräche in Israel, die Zusammenarbeit mit den Friedenskirchen der USA.

Er liebte es, Grenzen aller Art zu überwinden. Seinen Söhnen hat Franz von Hammerstein erzählt, Zäune seien dazu da überklettert zu werden. Im Gespräch mit ASF-Freiwilligen berichtete er, katholisch getauft und evangelisch konfirmiert worden zu sein - und freitags in die Synagoge zu gehen. Franz von Hammerstein besuchte über Jahre hinweg die Ausreiseseminare der Freiwilligen und berichtete über die Anfänge der Organisation und seine persönlichen Erlebnisse.

Vor zehn Jahren, am 15. August 2011, starb Franz von Hammerstein im hohen Alter von 90 Jahren. Uns bleiben gemeinsame Erinnerungen und Dankbarkeit. Auf der Trauerfeier in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem erinnerten die in den USA lebende Großnichte Rabbinerin Sara Paasche-Orlow in ihren Trauerworten und der ASF-Geschäftsführer Christian Staffa in seiner Predigt an das Lebenswerk Franz von Hammersteins, er war „a real mentsh“.

Daran hat Christian Staffa 2011 in seiner Trauerpredigt angeknüpft: „Ergriffen von der Liebe zu Gottes Geschöpfen, zur ganzen bewohnten Welt, zur Ökumene sah er sich als Katholik, Protestant und Jude. So warf er sich dem Leben in die Arme (Marie Luise Kaschnitz) und liegt nun im Talar von Coventry, einer Kippa aus seiner Synagogengemeinde Hüttenweg, einer Medaille „Reconciliation“ auf der Brust und auf einem zufällig von einer Muslima, Frau Achmed, erstellten Kissen aus Schweizer Stickereien.“

Im ASF-Nachruf zu Franz von Hammerstein heißt es: „Franz von Hammerstein hat uns und viele andere über Generationen hinweg inspiriert und ermutigt, die Auseinandersetzung mit den Folgen des Nationalsozialismus kreativ, lebendig und international weiterzuführen.“  

Aus Anlass seines 100. Geburtstages wird am 6. Juni 2021 um 17:00 Uhr eine digitale Gedenkveranstaltung stattfinden, die vom Haus Kreisau, der evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem, der EKBO und dem Martin-Niemöllerhaus durchgeführt wird: „Franz von Hammerstein 1921-2011. Gedenken zum 100. Geburtstag. Andacht und Würdigung“.  Über den Link gelangt man zum Programm der Veranstaltung und zur Anmeldung.

Wir sind für das Wirken von Franz von Hammerstein zutiefst dankbar. Er war ein beeindruckender Theologe, ein wichtiger Gestalter und Wegbereiter. Wir freuen uns, dass seine Frau, Verena von Hammerstein, und seine Familie der Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste weiter verbunden sind. Auch das erfüllt uns mit großem Dank.

Weiterführende Publikationen

  • Christian Staffa: Freiheit und Widerspruch, in: Die Kirche, 2021. Link zum Nachlesen.
  • Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (Hrsg.): Franz von Hammerstein: Widerstehen und Versöhnen - Ein Leben zwischen den Stühlen, Berlin 2007
  • Franz von Hammerstein (Hrsg.): Von Vorurteilen zum Verständnis. Doku-mente zum jüdisch-christlichen Dialog, Frankfurt/M. 1976
  • Franz von Hammerstein: Kreisau. Haus der Berufs- und Industriejugend in Berlin-Kladow, Mit einem Vorwort von Harald Poelchau, Berlin 1968
  • Franz Freiherr von Hammerstein: Das Messiasproblem bei Martin Buber, Stuttgart 1958
  • Franz und Verena von Hammerstein: Verantwortliche Gemeinde in Amerika. Beobachtungen und Erlebnisse eines Austauschpfarrers 1954-1957, Berlin 1957
  • Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder der Eigensinn – eine deutsche Geschichte, Frankfurt/M. 2008
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