Aktuelles| Presse | Pressemitteilung | 09. Oktober 2021

Neuer Vorstand von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ins Amt eingeführt

Bischof Dr. Christian Stäblein und der neue ASF-Vorstand beim Einführungsgottesdienst. Foto: Gundi Abramski

Der Vorstand von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste wurde bereits im Oktober 2020 gewählt. Pandemiebedingt wurde der Einführungsgottesdienst erst am Samstag, 9. Oktober, gefeiert. Dr. Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, hielt die Predigt und führte den Vorstand gottesdienstlich ein.

Bischof Christian Stäblein: „Über 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es eine bleibende wichtige Aufgabe, dass Aktion Sühnezeichen immer wieder Menschen für Friedensdienste in Länder schickt, in denen in deutschem Namen schreckliches Morden, Zerstörung, Entmenschlichung und furchtbare Kriegsverbrechen begangen wurden. Friedensdienst ist unsere bleibende Aufgabe, die Aktion Sühnezeichen in beeindruckender Weise aus der Erinnerung heraus lebt. Ich wünsche dem neuen Vorstand und der neuen Vorstandsvorsitzenden Ilse Junkermann viel Geschick und Gottes Segen für diese wichtigen Aufgaben.“

Die Mitgliederversammlung bestimmte als Vorstandsvorsitzende Ilse Junkermann, ehemalige Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Ilse Junkermann: „Die Pandemie hat uns in den vergangenen anderthalb Jahren vor Herausforderungen gestellt, denen wir gemeinsam gut begegnet sind. Vor uns liegt die Aufgabe, die Erinnerung an die Shoah, den internationalen Austausch und den Einsatz für eine friedliche und gerechte Welt weiter zu gestalten. Der Vorstand freut sich auf die Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiter*innen, Freiwilligen und Ehrenamtlichen“.

Als weitere Mitglieder des Vorstands wurden Jana Borkamp, Regierungsdirektorin in einem Berliner Landesamt, Jakob Stürmann, stellvertretender Leiter des Forschungsressorts Politik am Leipziger Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, Dipl.-Ing. Hildegart Stellmacher, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden, Gabriele Scherle, frühere Pröpstin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau / Frankfurt, Andreas Kroneder, stellvertretender Fachbereichsleiter beim Diakoniewerk Simeon / Berlin sowie Marie Hecke, wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Neues Testament und Theologische Geschlechterforschung an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, gewählt.

Der Gottesdienst fand am Samstag, 9. Oktober um 18 Uhr in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin statt. Im Anschluss gab es bei einem Stehempfang die Möglichkeit zu Austausch und Gesprächen.

 

Zum Nachlesen: Predigt von Bischof Dr. Christian Stäblein

Liebe Gemeinde heute, liebe Freundinnen und Freunde, Weggefährtinnen und Weggefährten von Aktion Sühnezeichen, lieber Vorstand,

A wie Aufruf oder auch A wie Aktion, das ist der Anfang des Weges und er beginnt mit einem W wie in Weg, ein W wie in Wir: „Wir bitten heute, Deutsche die Deutschen, dass sich um Gottes Willen arbeitsfähige Frauen und Männer aller Stände und Konfessionen bereitfinden möchten, je auf ein Jahr nach Polen, Russland oder Israel zu gehen, um dort gemeinsam ein Friedenszeichen zu errichten.“ Und weiter die abschließenden Worte des Gründungsaufrufs von Aktion Sühnezeichen, 1958 unweit von hier in Spandau auf der Synode durch Präses Lothar Kreyssig gesprochen: „Wir bitten die Regierungen Polens, der UdSSR und Israels, den Dienst nicht als eine irgendwie beträchtliche Hilfe oder Wiedergutmachung, aber als Bitte um Vergebung und Frieden anzunehmen und zu helfen, dass der Dienst zustande kommt." Das ist der Aufruf am Anfang, die Tradition, der Weg, auf dem Ihr, wir heute stehen und fast, möchte man sagen, ist damit auch für heute immer noch alles gesagt, auch zu jedem falschen Verstehen von Sühne oder voreiligem „Versöhnung machen“, das wir nicht eben „machen“ können. Es bleibt eine Bitte, stets und immer, um Vergebung, eine Bitte, dass die Zeichen möglich werden. A wie Aufruf, B wie Bitte, bleibende Bitte, bleibender Auftrag.

Wer A sagt muss auch B sagen, heißt es sprichwörtlich. Mit Blick auf Psalm 25 heute können wir formulieren: Wer A sagt, spreche das ganze Alphabet, oder besser: Alephbeth. Der Psalm jedenfalls tut das, es ist ein sogenannter akrostichischer Psalm, also einer, in dem die 22 Anfangsbuchstaben des hebräischen Alephbeths in ihrer Reihenfolge die Satzanfänge bilden. Es gibt ein paar Psalmen, bei denen das so gemacht ist, es dient beim Lernen und Repetieren als Gedächtnishilfe. Zugleich macht es einen Raum auf, den Sprachraum des Durchbuchstabierens. Der 25. Psalm buchstabiert eine Vielzahl von Gedanken im Gespräch mit Gott durch – dabei vor allem immer wieder den Gedanken des Weges, den, auf dem Gott ist, den, den er uns weist. Die Wege Adonajs sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.

Ausgerechnet, liebe Geschwister, an dieser markanten Stelle von Vers 10 steht nun nicht das uns so vertraute hebräische Wort für Weg – derech, Weg, oder auch halacha, Gang – ausgerechnet hier in Vers 10 steht ein anderes hebräisches Wort, aarach, ein Wort, das mit Aleph beginnt, also mit dem ersten Buchstaben, eines, das Pfad heißt, aber auch Tun und Treiben. Es ist also so: Das Tun und Treiben Gottes ist lauter Güte und Treue. Das ist der Anfang, immer wieder das Aleph im Alephbeth unseres Lebens.

Ein Sprachraum des Leben-Buchstabierens ist der Psalm – und ist auch Aktion Sühnezeichen, ich wäre also versucht, heute mit Euch, mit Ihnen jeden Buchstaben durchzugehen, jeden Winkel des Psalms gewissermaßen, aber das wäre wahrlich vermessen und es würde bald künstlich, statt Psalmkunst käme wohl Predigtschwulst heraus. Ich will mich also auf vier Buchstaben beschränken – G, S, N und W. Bevor jemand darüber nachdenkt, warum die vier und ob die womöglich auch noch ein eigenes Wortkürzel, also ein sinniges Akronym ergeben – nein, die Auswahl berührt einfach vier mir wichtige Punkte heute.

Also:

G wie gedenken. Im Hebräischen zachor. Es ist der Kern dessen, was Gott tut, der Psalm beschreibt es: Gedenke, Adonaj, an deine Barmherzigkeit und deine Güte, gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit. Wenn es eine – wie sollen wir sagen – Haupttätigkeit Gottes gibt, dann ist das das Gedenken. Wir, die wir in der Erinnerungsarbeit zu Hause sind – und das wird man wohl für Aktion Sühnezeichen sagen können, das zu Hause, die eigene Wurzel, ist die praktische Erinnerungsarbeit, die Arbeit gegen das Vergessen, darin die praktische Nachfolge, die Nachahmung Gottes im Tun des Erinnerns als Friedensdienst – also wir, die wir in der Erinnerungsarbeit zu Hause sind, haben uns an diesen eigentlich recht sonderbaren Gedanken irgendwie gewöhnt, so sehr, dass er uns bisweilen kaum noch auffällt: Gottes Haupttätigkeit ist das Gedenken. Würde man nicht mehr das Heilen oder das Schaffen oder das Eingreifen oder meinethalben das Lieben oder zumindest einfach das entschlossene Handeln als Gottes bevorzugtes Tun erwarten? Nun, es ist das Erinnern. Schon sehr besonders. Denn: Was ist Erinnern? Ich würde sagen: das Kommen zu sich selbst in der Zeit. Im Erinnern kommen die Zeiten zueinander, werden Menschen ihrer selbst als zeitliche Wesen über den Moment hinaus gewiss, werden als Erinnerte Menschen vor Gott. Das klingt abstrakt, ich weiß, als wäre auch dieser Gott ein ziemlich abstrakter – im Unterschied etwa zum Schöpfergott oder zum Heilergott, unter dem oder unter der wir uns sofort etwas vorstellen könnten. Und doch beschreibt das Erinnern ziemlich konkret, was das Wesen dieses Gottes ist: Menschen werden lassen, was sie sind. Feiernde, Hoffende, Glaubende, Liebende – wir sind das alles, weil wir erinnern, also zu uns, zu Gott und zur Lebenszeit ins Verhältnis kommen. Das macht Gottes Erinnern. Immer noch abstrakt? Vielleicht. Aber dann kommt Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ins Spiel. Denn durch sie, durch Euch bekommt Gottes Erinnern Gestalt, bekommt Gestalt, was Erinnern Gottes meint: Niemand soll verloren gehen in der Zeit, niemand soll aus der Zeit, aus der Liebe, aus sich selbst fallen. Durch Euch bekommt das Gestalt, jeder Freiwillige und jede Freiwillige seit 63 Jahren – ob in der Ukraine, ob in Polen, ob in Israel, ob in den Niederlanden oder demnächst in Griechenland, jedes Gespräch mit einem der Überlebenden in Haifa, jede Gruppenbegleitung in Oswiencim/ Auschwitz, jedes Dasein an diesen Orten ist Arbeit an Gottes Gedächtnis. An einem Gedächtnis, das gerade die Geschundenen, die Verratenen, die Verfolgten bewahrt. Jedes Gebet für eine Ermordete, Vergaste, jede Kerze, jedes erinnernde Innehalten ist Arbeit am Gedächtnis Gottes. Jedes Eintreten gegen Antisemitismus, jedes Gegenhalten gegen Rassismus – Arbeit am Gedächtnis Gottes. Damit es Zukunft gibt. Heute scheint diese Arbeit fast wichtiger denn je. G wie „Gedenke Adonaj deiner Güte und Barmherzigkeit.“ Wir leben davon. Wir hoffen darauf. Und siehe, hier ist ein Dienst, der arbeitet an diesem Gedächtnis, Gott, täglich. 

N wie Netzwerk. Liebe Geschwister, vom Netz redet der Psalm nicht in den Versen, die wir vorhin gesprochen haben, erst später, in Vers 15, da findet sich die vertraute Formulierung: „Denn Gott wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.“ Das Netz, das hier gemeint ist, ist nicht positiv besetzt, es ist das der Fallensteller und Strippenzieher. Deswegen rede ich bei N jetzt auch vom Netzwerk, dieses Bild ist angenehmer. Das Netzwerk ist die Organisationsform der Zukunft – nach den Institutionen und den Organisationen bricht die Zeit der Netzwerke an, die sich dadurch auszeichnen, dass sie agil, flexibel, flach in der Hierarchie, aber eben gut in der Kommunikation sind. Mein Eindruck ist: wir führen heute einen Vorstand ein – bzw. bitten um Gottes Segen, arbeiten tun Sie ja schon längst zusammen – ein Vorstand einer Organisation, die schon lange ein eben solches Netzwerk ist. Eines der Versöhnungs- und Friedensarbeit, das man über die halbe Erdkugel legen kann. Und aus dem man die Füße nicht herausziehen muss, in dem sie vielmehr gehalten werden.

Ich erlaube mir an dieser Stelle eine biographische Reminiszenz. Als ich als junger Student nach Jerusalem zum Studium ging, hatte ich keine Adresse zum Wohnen. Und ich weiß nicht mehr wie, aber ich landete im Beit Ben Jehuda in der Rehov Ein Gedi 28, damals in einem Zimmer bestückt mit diversen Stockbetten, oben waren die besseren Plätze. Ich lernte das Netzwerk der Freiwilligen in Israel kennen – Sie kannten sich, sie trafen sich, sie sprachen Ivrith, rama daleth meist schnell, konnten also chazi liter mechawit bestellen und waren im praktischen Leben Israels zu Hause. Ich war neidisch. Und heilfroh, dass es sie gab und gibt. Ich bin bis heute traurig, nie selber Teil dieses Netzwerks gewesen zu sein. Und bis heute dankbar, dass sie mich in ihrem Netz aufgefangen haben. Das erzähle ich, weil ich aus Erfahrung weiß: Auf ein stabiles Netzwerk – nicht nur in Israel, auch in Belarus, in Frankreich, in Norwegen, in Polen, in Tschechien, ein Netzwerk der Friedenszeichen ganz konkret, jedes Jahr zwischen 130 und 170 Freiwillige – das ist das, worauf es ankommt. So wirst Du in diesem Netz bewahrt und Gott wird Deinen Fuß nicht in der Falle der Einsamkeit lassen. Ein solches Netzwerk braucht einen Vorstand. Danke, dass Sie das sind und sein wollen. Danke.

S wie Sühne. Das wäre jetzt ein großes Kapitel. Das Nachdenken über Sühne – biblisch, theologisch, das Abwehren des falschen Verständnisses, hier müsse oder, noch schlimmer, hier könne sozusagen Genugtuung geleistet werden, hier könne im Blick auf die Verbrechen und das Morden, hier könne gleichsam „genug getan“ und „Ausgleich geleistet“ werden, alles in Anführungsstrichen bitte. Das Abzuwehren wäre mindestens zwei Predigten wert. Genauso wie ein Begreifen, was Sühne dann also meint, meinen könnte: Gottes Versöhnen aus sich und nur durch sein Tun – ich breche hier ab, denn weise, wie Sie sind, haben Sie mit Psalm 25 einen Psalm für heute gewählt, der das Wort Sühne gar nicht in sich trägt. Mit Gottes Erinnern ist heute alles gesagt – wobei, das will ich nicht verschweigen: Gott erinnert sich, so hoffen wir, indem er sich mit uns versöhnt – wohlbemerkt, er mit uns oder sie mit uns, umgekehrt ist kein Weg, nein, umgekehrt ist kein Weg. Allerdings: Umkehr ist der Weg. Umkehr.

W wie Weg. Der letzte der vier Buchstaben, die ich ausgesucht habe. Über Gottes Wege dreht sich ja der ganze Psalm. Weg ist das zentrale Bild. Zeige mir deine Wege, Adonaj. Die da sind lauter Güte und Treue. Ich habe im Vorfeld die Schwester Junkermann gefragt, warum sie diesen Psalm ausgesucht haben für die Einführung heute. Ich gebe zu: es war keine besonders kluge Frage. Zeige mir deine Wege, Adonaj, die da sind: Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Zeugnisse halten. Kann man die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste besser einfangen? All die Wege seit 1958? All die Wege rund um den Globus? All die kommenden Herausforderungen? Und dann habe ich noch diese dusselige Frage im Vorgespräch gestellt, was denn nun „dran“ sei für die Arbeit. Naja, was wohl: den Weg, diesen Weg, weiter gehen. Adonaj, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige. Güte, Treue, Bund. W wie Weg. Kennen Sie einen anderen? Ich weiß, der Prediger, sagt das Lehrbuch, soll nicht so viel Fragen stellen, schon gar nicht rhetorische. Richtig. Aber das heißt zumindest. Sie alle kennen die Antwort. Und buchstabieren sie durch.

Stichwort durchbuchstabieren. Ich habe mir die Namen derer, die zum Vorstand gehören und für die wir heute bitten, angeguckt. Sie haben Sie vor sich: Jana Borkamp, Marie Hecke, Ilse Junkermann, Andreas Kroneder, Gabriele Scherle, Hildegart Stellmacher, Jakob Stürmann. Die Buchstaben dieser Namen decken praktisch das ganze Alphabet ab – nur sieben Buchstaben fehlen in diesen Namen von den 26, die das deutsche Alphabet hat. In der Hebräischen Umschrift wäre es nur ein Buchstabe, der nicht abgedeckt ist mit Euren Namen, eins soll doch wohl offen bleiben. Wie auch immer. Ein kleines Spiel um des einen Gedankens willen: zum Durchbuchstabieren braucht es konkrete Menschen. Sie sieben. In Gottes Alephbeth sind Sie alle schon drin. Durch Sie erinnert sich Gott, durch Sie ist Gottes Gedächtnis ganz lebendig. Buchstabe um Buchstabe, Tag um Tag, wird das wahr, was der letzte, der Vers 11 sagt: Um Deines Namens willen, Adonaj, vergib mir meine Schuld, die da groß ist. Um Deines Namens willen, Gott, bitten wir um Segen für diese Durchbuchstabierer:innen deiner Erinnerung. Gedenke Du. Und lasse Deinen Segen auf uns ruhen. Amen.

 

 

 

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