Presse | 13. Oktober 2018

Rede von Jutta Weduwen bei #unteilbar

Rede von Jutta Weduwen, Geschäftsführerin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste bei der Abschlusskundgebung der Demo #unteilbar

Ich freue mich, zum Auftakt der Abschlusskundgebung für das unteilbar-Bündnis zu sprechen. Ich freue mich, dass wir so viele sind, die heute ein Zeichen der Solidarität und des demokratischen Miteinanders setzen.

Ich möchte mit einer Begegnung einsteigen:
Im Frühjahr hatte ich beim 60-jährigen Jubiläum von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Gelegenheit, mit dem 87-jährigen Holocaust-Überlebenden Simon Gronowski zu sprechen.
Simon Gronowski konnte im März 1943 im Alter von 11 Jahren aus einem Deportationszug fliehen und hat die nationalsozialistische Verfolgung im Versteck in Belgien überlebt. Er sagte:

„Obwohl ich ein Opfer des Nationalsozialismus war, wollte ich dem deutschen Volk nie Böses. Ich war den Nazis, den Faschisten, den Rassisten gram – es gibt immer noch welche. Deshalb geht der Kampf weiter für Erinnerung, für Demokratie, für Frieden und den Respekt zwischen den Menschen“.

In diesem Jahr jähren sich die Novemberpogrome von 1938 zum achtzigsten Mal. Damals wüteten an vielen Orten Nazis gegen Jüdinnen und Juden, denen eine Flucht aus Deutschland nicht gelungen war oder die sich entschieden hatten, da zu bleiben.
Die Novemberpogrome verdeutlichen, dass Unrecht zur Normalität werden kann. Dass Menschen, die als nicht dazu gehörig definiert werden, ohne Schutz der Verfolgung ausgesetzt waren. Dass Menschen Demokratien abschaffen können.

Wir blicken heute mit großer Sorge auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland. Im Parlament sitzt mit der AfD eine Partei, die offen gegen Zugewanderte, Muslime und geflüchtete Menschen hetzt. Eine Partei, die immer wieder durch antisemitische Äußerungen auffällt und sich an vielen Stellen mit einem kruden Geschichtsrevisionismus hervortut.

Der Rechtspopulismus wirkt bis in die Mitte der Gesellschaft.

Die Debatten dieses Sommers über die Abweisung von Geflüchteten an den Grenzen waren geprägt von Entsolidarisierung, von Gefühlskälte und rassistischer Hetze. Offen wurde gefragt, ob private Helfer geflüchtete Menschen auf dem Mittelmeer überhaupt retten dürften. Diese Frage ist und bleibt zynisch. Vermutlich jeder fünfte Flüchtende ist in diesem Jahr bei dem Versuch der Überquerung des Mittelmeers gestorben.

In Chemnitz und an vielen anderen Orten haben wir dann beobachten müssen, wie Neonazis auf die Straße gingen und rechtsextreme Bewegungen wieder offen agierten. Es war nicht immer sichtbar, wie viele Menschen sich gegen Ausgrenzung richten und sich für ein solidarisches Miteinander einsetzen. Um das wieder deutlich zu zeigen, sind wir heute auf der Straße. Und wir sind viele!

Vor drei Monaten hat sich das unteilbar-Bündnis gebildet. Die Initiative ging vom Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein (RAV) aus, dem ich dafür einen großen Dank aussprechen möchte.

Schnell haben sich mehrere hundert Organisationen und Einzelpersonen angeschlossen, die mit großem Eifer und Enthusiasmus an der Vorbereitung der heutigen Demonstration gearbeitet haben. Heute setzen wir ein deutliches Zeichen für Solidarität statt Ausgrenzung.

Wie dies bei großen Bündnissen so ist, haben auch wir um Worte und Zielrichtungen gerungen. Wir haben versucht, die Interessen und Anliegen der vielen Stimmen und Initiativen umzusetzen. Dabei kann es nicht darum gehen, dass wir immer in allem eine gemeinsame Meinung finden, sondern dass wir in unserer Diversität in einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis ein deutliches Zeichen gegen Ausgrenzungen setzen.

Wir stellen uns gemeinsam gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen die Abschottung Europas, gegen jede Form von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus.

Wir engagieren uns für soziale Gerechtigkeit und stellen uns gegen die Ausgrenzung von Menschen, die mangelhaften Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnraum haben oder als Minderheit diskriminiert werden.

Wir positionieren uns gegen Sexismus,
gegen die Diskriminierung von LGBTIQ
und gegen die Ausgrenzung von Menschen mit Beeinträchtigungen.
Wir halten dagegen, wenn Grund- und Freiheitsrechte eingeschränkt werden.

Sozialstaat, Flucht und Migration dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir stehen unteilbar an der Seite derer, die unsere gemeinsame Unterstützung benötigen.

Wir sind heute gemeinsam auf der Straße, um uns für Demokratie, für Solidarität, für Vielfalt und für Menschenrechte einzusetzen.

Wir sind sehr viele, die eine Gesellschaft wollen, die von allen hier lebenden Menschen demokratisch gestaltet wird. Die Definitionsmacht liegt bei uns allen und nicht bei denen, die einen patriarchalen und völkischen Nationalismus propagieren.

Wir sind sehr viele, die geflüchtete Menschen und Schutzsuchende willkommen heißen und sich für ein solidarisches Miteinander jenseits der nationalen Grenzen einsetzen. Freiheit und Schutz darf nicht an der Staatsangehörigkeit hängen.

Wir sind sehr viele, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen und sich für die Möglichkeit engagieren, unsere vielfältigen Lebensentwürfe selbstbestimmt zu leben.

Wir sind sehr viele, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen.
Unversehrtheit und Selbstbestimmung dürfen nicht von der Nationalität, dem Geschlecht, der Lebensform oder der Religionszugehörigkeit abhängen.

Wir sind sehr viele, die Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfinden. Vielfalt ist Realität und steht nicht zur Disposition.

Unsere Demonstration ist ein Zeichen der Hoffnung und der Zukunft. Solidarität statt Ausgrenzung!

Ich schließe mit dem Worten des jüdischen Überlebenden Sami Steigmann, der in Tschernivzi geboren wurde und heute in den USA lebt:
Aller Hass beginnt mit Worten. Seid keine Mitläufer! Übernehmt Verantwortung! Seid Teil der Lösung! Und wenn Euch jemand begegnet, der Euch fremd erscheint, dann lächelt!

Vielen Dank!

Pressekontakt von Aktion Sühnezeichen:

Lena Högemann, Pressesprecherin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.
presse[at]asf-ev.de
030 283 95 203
01511 777 69 53
www.asf-ev.de


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