Bin ich bereit für eine Verwandlung?

Er werde niemals ein Nazi-Lager besuchen, hatte Danny M. Cohen sich selbst versprochen. Dann nimmt er bei Germany Close Up teil und findet sich in Sachsenhausen wieder. Der Historiker geht Geschichten von Opfern des Holocaust nach. Die Vergessenen sind ihm ein besonderes Anliegen, wie der Autor in seinem Essay erklärt.

Dieses Foto aus dem ASF- Fotowettbewerb von Ari Ziegler (2015) zeigt den Germany Close Up Teilnehmer auf dem Synagogendenkmal in Leipzig.

Leichter Regen fällt auf mein Gesicht. Meine Schuhe rutschen auf dem nassen Gras. Während des Kriegs hätte es dieses Gras nicht gegeben, erklärt unser Guide. Die Häftlinge hätten es aufgegessen. Wir sind in Sachsenhausen.

Es ist das Jahr 2010. Ich bin ein widerwilliger Teilnehmer des Programms Germany Close Up. Als wir die Ruinen der Gaskammer erreichen, entferne ich mich von meiner Gruppe. Weg von den Köpfen, die ungläubig geschüttelt werden, weg von den Tränen. Ich brauche nicht zu weinen. Ich bin Akademiker, ein Geschichtsstudent. Historiker weinen nicht.

Mein Großvater entkam aus dem besetzten Amsterdam, aber aus Dokumenten wissen wir, dass ein Großteil seiner jüdischen Familie in Sobibor und Auschwitz von den Nazis ermordet wurde. Als ich 17 war und zum ersten Mal von dem Schicksal meiner Verwandten, meiner Großtanten und Großonkel erfuhr, habe ich nicht geweint. Stattdessen habe ich mir geschworen, niemals ein Nazi-Lager zu besuchen.

Und doch bin ich nun hier, angezogen von Deutschland aus einem Gefühl der Verpflichtung und einer tiefen persönlichen Neugier. Wie wird es sich anfühlen, auf den Pfaden der Gefangenen von Nazis zu laufen? Ich weiß, dass mich diese Reise für immer verändern wird, aber auf welche Weise? Bin ich bereit dazu, verwandelt zu werden?

Ich bin voller Fragen. Fragen, die keine Worte haben. Aber ich weiß, dass es Fragen über Schuld sind, über extreme Gewalt, über Trauma – mein eigenes geerbtes Trauma.

Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt. Sein Name war Maurice Ziekenoppasser. Er starb lange bevor ich geboren wurde. Anders als der von uns bekannte Archetyp von Überlebenden, die über den Holocaust in Aufnahmen Zeugnis abgelegt haben, war mein Großvater einer der Überlebenden, die nicht gesprochen haben. Er hat seine Geschichte der Flucht und des Überlebens nicht erzählt. Seine Erinnerungen – die an seine Familie und sein Leben vor dem Krieg – sind mit ihm gestorben. Und daher ist das Gedenken an den Holocaust in meiner Familie voller Sackgassen. Versteckte Geschichte, unerreichbar.

Zurück im Hotel nach unserem Ausflug nach Sachsenhausen. Wir – eine Gruppe jüdischer Nordamerikaner in unseren Zwanzigern –  sitzen in einem Besprechungsraum im Kreis. Wir teilen reihum unsere Eindrücke und Gedanken des Tages miteinander.

Unsere Gruppe wird von ein paar Mitarbeiterinnen von Germany Close Up begleitet. Sie sind junge deutsche Frauen, etwa in unserem Alter, die uns faszinierende und notwendige Einblicke in das heutige Deutschland geben. Ohne jede Vorwarnung platzt eine dieser Frauen mit einer Entschuldigung heraus. Der Raum ist völlig still, während sie unter Tränen erklärt, dass ihr leidtut, was ihr Land unserem Volk angetan hat. Ich blicke mich um und sehe in die nickenden jüdischen Gesichter, die allesamt ihre Entschuldigung ohne Frage annehmen. Mein Herz rast. Mein Gesicht brennt. Machen wir die Kinder von Mördern für die Verbrechen ihrer Eltern verantwortlich?  Du hast nichts, rein gar nichts, für das du dich entschuldigen musst, sage ich ihr.

In Sachsenhausen hatte ich unseren Guide nach den weiblichen Gefangenen gefragt und nach den sogenannten Bordellen, in denen die Wärter Frauen als Sexsklavinnen festhielten und sie extremer und anhaltender sexueller Gewalt aussetzten. Der Guide beantwortete meine Fragen, aber mit einer gedämpften Stimme, als ob wir nicht sowieso schon von den unsichtbaren Geistern der Barbarei umgeben wären. Denn Geschichten von sexueller Gewalt – ebenso wie Geschichten von Kannibalismus und Kindsmord – sind Tabus in der Geschichtsschreibung des Holocaust. Sie existieren im Schatten. Unausgesprochen. Und doch sind sie die Realitäten des Holocausts. In der Geschichte gehen sexuelle Gewalt und Völkermord fast immer Hand in Hand. Dennoch werden Vergewaltigung und sexuelle Gewalt, diese gewöhnlichen Instrumente des Völkermords, selten in den Geschichtsbüchern und Museen erwähnt. Was nicht ausgesprochen wird, kann es nicht geben, zumindest nicht in vollem Umfang. Was passiert, wenn man ganze Narrative einfach auslässt? Uns bleibt nur eine verwässerte Version von Geschichte, eine Art Trugbild, welches vorgibt, die Realität wiederzugeben, aber in Wirklichkeit die Extreme und Komplexitäten menschlicher Gewalt ignoriert. Es entsteht eine verzerrte Geschichte, die uns nicht beibringen kann, was es zu lernen gilt, um künftige Gräueltaten zu verhindern.

Schon vor meiner Erfahrung mit Germany Close Up hatte ich mich intensiv mit der Geschichte des Holocaust befasst. Vielleicht motiviert durch die Sackgassen in der Geschichte meiner eigenen Familie hatte ich begonnen, verborgene Geschichten des Holocausts aus dem Schatten zu holen – die der Roma, der Behinderten, der Homosexuellen, politischer Dissidenten und anderer, einschließlich der Opfer von sexueller Gewalt, welche allesamt häufig an den Rand der Holocaust-Geschichtsschreibung gedrängt oder sogar ganz ausgelassen werden.

Nun schrieb ich an einem Roman, der im Jahr 1943 in Berlin spielt. Ich hatte nie vor, einen Holocaust-Roman zu schreiben. Holocaust-Prosa erschien mir krass. Die Fiktionalisierung des Holocaust sollte man verabscheuen als einen Widerspruch zu Zeitzeugenberichten.

Aber mit dem Wissen, dass meine akademischen Arbeiten weitestgehend ungelesen bleiben würden, sah ich mich in der Rolle, mit einem Roman zu der zugänglicheren Holocaust-Literatur einen Beitrag leisten zu können, der sich an junge Erwachsene richtet und eine Lücke in dem gängigen Holocaust-Gedenken schließt. Ich brauchte fünf Jahre Recherche und 15 Entwürfe für mein Buch Train. Wie erhofft, nutzen Lehrer*innen meinen Roman mittlerweile, um den weniger bekannten Opfern des Holocaust eine Stimme zu verleihen.

Meine Teilnahme an Germany Close Up gab mir die Möglichkeit, meine Ideen zu testen, wie man über diese verdeckten Geschichten des Holocaust spricht und sie unterrichtet. Während unserer Reise habe ich diverse Workshops für meine Gruppe angeboten, die letztendlich das Startprogramm für Unsilence wurden, eine gemeinnützige Bildungsorganisation für Menschenrechte, die ich 2014 gegründet habe. Unsilence konzentriert sich auf Tabus und die verdeckten Narrative der Ungerechtigkeit und des Widerstands, nicht nur im Holocaust, sondern auch anderen Gräueltaten und Formen der Gewalt, sowohl in der Geschichte als auch heute.

Die Erfahrung mit Germany Close Up war dabei entscheidend für meine Arbeit. Ich war beeindruckt und inspiriert von der Offenheit der Mitarbeitenden und ihrer Bereitschaft, uns zu schwierigen Fragen zu ermutigen und selbst die historischen und heutigen Komplexitäten Deutschlands anzunehmen. Germany Close Up zeigt, dass es möglich ist, echten Dialog zu fördern. Dass es möglich ist, Geschichte in einer Weise darzustellen, die nichts beschönigt oder vereinfacht. Dass es möglich ist, über Schuld und Versöhnung und verspätete Gerechtigkeit zu sprechen. Dass es möglich ist, vielleicht sogar wünschenswert, dass man mit offenen Fragen nach Hause fährt. Germany Close Up zeigt, dass es möglich ist, Verborgenes aus dem Schatten zu holen.

Danny M. Cohen, Ph.D. ist Gründer und Direktor von Unsilence, Dozent an der School of Education and Social Policy und dem Crown Family Center for Jewish and Israel Studies der Northwestern University. Er lehrt am Auschwitz Jewish Center und ist Autor von Menschenrechtsliteratur, unter anderem des „entscheide-wie-es-weitergeht“-Rätselromans The 19th Window und des historischen Romans Train. www.unsilence.org

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